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Coronavirus: „Wo sind die Soziologen, die Philosophen, die Theologen?“

Aktion „Deutschland spricht“ : „Wo sind die Soziologen, die Philosophen, die Theologen?“

Sie ist 60 und arbeitet als Dramaturgin in Haan, er ist 22 und Student aus Heidelberg. Ihre Meinungen zur Corona-Krise gehen weit auseinander - bei unserer Aktion „Deutschland spricht“ kamen Stephanie Junge und Till Keul miteinander ins Gespräch.

Demografisch könnten Stephanie Junge und Till Keul unterschiedlicher nicht sein. Aber auch ihre politischen Ansichten gehen weit auseinander. Der Algorithmus von „Deutschland spricht“ hat die beiden zusammengebracht. Ziel der Aktion, zu der die Rheinische Post gemeinsam mit der „Zeit“ und anderen Medien aufrief: Menschen ins Gespräch bringen, die sich sonst wahrscheinlich nie begegnen und erst recht nie in Ruhe miteinander diskutieren würden. Dafür mussten die Teilnehmer einige Fragen zur Corona-Krise beantworten – Maskenpflicht, ja oder nein? Hat die Regierung richtig gehandelt? Wurden sie ausreichend informiert? In allen sieben Fragen antworteten Junge und Keul gegensätzlich, eine kontroverse Diskussion war also vorprogrammiert. Und trotzdem waren sie sich am Ende in vielen Punkten einiger als gedacht. „Man muss einander ernst nehmen und in jeder Diskussion gewillt sein, auch vom eigenen Standpunkt abzuweichen. Wenn man sich an die Regeln des Argumentierens hält, kann das nur gut werden“, sagt Till Keul.

Dass bei beiden Diskutanten einander ernst nehmen, wird schon zu Beginn der Unterhaltung klar. Keul findet, dass die Bundesregierung viel zu langsam verstanden hat, wie ernst die Lage eigentlich ist. Großveranstaltungen wie beispielsweise der Fasching in Bayern wurden nicht abgesagt, Urlauber durften weiterhin um die Welt reisen. „Wenn man da früher eingegriffen hätte, wären uns radikale Maßnahmen wie der Lockdown erspart geblieben“, sagt er. Er habe sich schon früh eine Maske besorgt, sei mit Desinfektionsmittel in die Uni gefahren. „Viele meiner Kommilitonen fanden das übertrieben und haben mich belächelt“, sagt er. Obwohl sie mit der Maskenpflicht nicht einverstanden sei, könne sie seinen Standpunkt gut nachvollziehen, sagt Lange. Trotzdem wünsche sie sich ein wenig Nachsicht: „Informationen sind etwas prozesshaftes. Jeden Tag haben wir neue Erkenntnisse, dann überlegen wir und gehen einen Schritt weiter. Das hätte man damals nicht voraussehen können“, sagt sie.

Während Lange sich am meisten Sorgen um die Entsolidarisierung der Gesellschaft macht, stehen für Keul die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise im Mittelpunkt. Eine Neuverschuldung von 156 Milliarden Euro, 300.000 Arbeitslose und zehn Millionen Kurzarbeiter — das seien Auswirkungen, mit denen Deutschland sich noch lange auseinandersetzen müsse. Die 60-jährige Dramaturgin sieht das gelassener: „Auf mich wirkt das weniger bedrohlich, das liegt wahrscheinlich an meinem Alter. Du denkst, dass deine Generation die nächsten 30 Jahre zahlen muss. Aber auch wir haben hohe Schuldensummen abgetragen, die schwarze Null, das sind auch meine 30 Jahre Berufsleben“, sagt sie. Interessant finde sie, dass die Haltung zur Corona-Krise viel damit zu tun habe, wo man im Leben gerade stehe. Dass Alter, Wohnort, Geschlecht und finanzielle Lage maßgeblich dazu beitragen, wie sich jeder Einzelne positioniere.

Gut informiert fühlt sich Lange nach eigenen Angaben generell schon, das liege aber auch daran, dass sie sich regelmäßig die Pressekonferenzen des Robert-Koch-Institutes anschaue und nicht „Markus Lanz“. „Die Hauptinformation läuft aber auf Boulevardebene ab“, sagt sie. Auch Keul wünscht sich statt der vielen Talkshows eine neutrale Diskussion zwischen Ärzten und Wissenschaftlern. „Das würde auch vielen Verschwörungstheoretikern den Wind aus den Segeln nehmen“, sagt er. Vor einiger Zeit hat Lange für ein Demokratieprojekt das Phänomen Talkshow untersucht und beobachtet, dass dort Themen nur lose eingegrenzt würden. „Es gibt immer ein wildes Gemisch aus Schauspielern, Autoren, Menschen, die einen Berg hochgeklettert sind, und jeder darf etwas aus seinem persönlichen Erfahrungsschatz erzählen. Das trägt zur Vernebelung bei“, sagt sie. Auch sie wünscht sich eine Diskussion, in der sich Experten fundiert zur Corona-Krise äußern, aber nicht nur Wissenschaftler. Ihr fehlen vor allem Soziologen, Philosophen, Theologen. Sie finde es schwierig, dass immer nur „hart am Virus“ diskutiert werde, aber keine gesellschaftliche Einordnung vorgenommen werde.

Eindeutig auseinander gehen die Meinungen der beiden „Deutschland spricht“-Teilnehmer bezüglich des Kontaktverbots. Lange empfindet die Maßnahme als angemessen, Keul als zu radikal. „Auch wenn ich komplett anderer Auffassung bin, heißt das nicht, dass ich recht habe. So hundertprozentig sicher können wir uns ja gerade alle nicht sein“, sagt er.

Hier lesen Sie, wie es einem weiteren Gesprächspaar erging: Andreas Maxbauer aus Düsseldorf und Marcel Fischer aus Kulmbach stellten unerwartete Gemeinsamkeiten fest.