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Coronavirus: Trump macht Virus-Briefings zu Wahlauftritten

Eigenlob und Tiraden : Trump macht Virus-Briefings zu Wahlauftritten

Donald Trump muss wegen der Corona-Pandemie auf seine geliebten lauten und heißen Wahlkundgebungen verzichten. Aber dafür hat er nun seine täglichen Pressekonferenzen zu der Krise - und so manches, was er da sagt, klingt nach Wahlkampf.

Das Coronavirus hat Donald Trumps laute Wahlkampfkundgebungen mit Tausenden jubelnden Anhängern gestoppt - jene Auftritte, die er so genießt und die ihm 2016 halfen, den Sieg zu erringen. Aber er hat ein neues Ritual, das für ihn zunehmend zu einer Art Ersatz geworden ist. Täglich steht der Republikaner flankiert von Gesundheitsexperten auf dem Podium des Presseraumes im Weißen Haus, um das amerikanische Volk über die Bemühungen der Regierung im Kampf gegen die Pandemie zu informieren - und zu versuchen, der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass er die Sache im Griff habe.

Es ist derselbe Saal, in dem stets die traditionellen regelmäßigen Pressebriefings des Weißen Hauses stattfanden - bis Trump sie vor gut einem Jahr praktisch abschaffte.

Seine Virus-Pressekonferenzen vor Journalisten sind bei weitem gesetzter als jene Auftritte in vollgepackten Arenen mit Fans, die ihm praktisch zu Füßen liegen. Aber sie tragen doch viele Züge, wie man sie von Trumps großen Wahlkundgebungen kennt: Es gibt reichlich Eigenlob, Tiraden, Breitseiten gegen Kritiker und die Medien sowie jede Menge falsche Darstellungen. Was er sagt, steht oft in scharfem Kontrast zu den gemäßigten Updates, die die Gesundheitsexperten aus seinem Corona-Arbeitsstab an seiner Seite liefern - was immer wieder für Verwirrung unter den Amerikanern sorgt, die vor dem Fernseher sitzen und hungrig auf klare, zuverlässige Informationen warten.

In den ersten Tagen der Krise wurden die Pressebriefings von Vizepräsident Mike Pence geleitet, nicht immer ergiebig, aber in ruhigem väterlichem Ton. Aber Trump, der es nicht haben kann, wenn jemand anders im Scheinwerferlicht steht, entschied schnell, sich selber zum Star der Show zu machen. So öffnet sich denn jeden Tag eine geschlossene Tür neben dem Podium, und der Präsident tritt hervor, liest eine Zusammenfassung der jüngsten Bemühungen seiner Regierung vor, um dann Mitgliedern aus seinem Arbeitsstab das Wort zu erteilen.

Danach sind die Journalisten mit ihren Fragen an der Reihe, und die Diskussionen können in verschiedene Richtungen gehen. Trumps Stimmung wechselt häufig. An manchen Tagen schlägt er einen eindringlichen Ton an, ruft die Amerikaner auf, im Kampf gegen den Virus-Feind zusammenzustehen, an anderen verteidigt er zornig, wie die Regierung die Krise handhabt und attackiert anwesende Reporter.

„Es ist ein sehr schlechtes Signal, dass Sie an die amerikanische Bevölkerung aussenden“, blaffte er beispielsweise einen Journalisten an, der wissen wollte, welche Botschaft der Präsident für verängstigte Amerikaner habe.

Manche in Trumps Umgebung haben ihm nahegelegt, dass weniger mehr sei, dass er nur an den Pressekonferenzen teilnehmen sollte, bei denen es wirklich große Nachrichten zu verkünden gebe. „Man will die Aura der Wichtigkeit aufrechterhalten, jedes Mal, wenn er den Raum betritt“, sagt Trumps früherer Mitarbeiter in Sachen Kommunikation, Jason Miller. Aber Trump hat Leuten um ihn herum zu verstehen gegeben, dass er weiß, dass die Nation die Pressekonferenzen aufmerksam verfolgt und er die Bühne nicht Stellvertretern überlassen will, die in manchen Fällen seinen Bemerkungen in Echtzeit auf dem Podium widersprochen haben. So verabschiedet er sich denn jeden Tag wieder mit einem „Wir sehen uns morgen.“

Tatsächlich hat er ein beachtliches Publikum. So kamen die Fernsehsender bei fünf der Pressekonferenzen in der vergangenen Woche auf mehr als doppelt so hohe Einschaltquoten als in den Vergleichszeiträumen vor einem Jahr, wie die Medienforschungsfirma Nielsen berichtete. Und das Mittagsbriefing am vergangenen Freitag wurde allein bei den Kabelsendern Fox News, CNN und MSNBC von 8,28 Millionen Menschen verfolgt. Zur gleichen Zeit vor einem Jahr hatten 2,82 Millionen Menschen diese Kanäle eingeschaltet.

Aber Trump hat eine starke Konkurrenz. Seine Auftritte mit Angaben, die oft später klargestellt oder korrigiert werden müssen, unterscheiden sich deutlich von den ebenfalls täglichen und weithin hoch gelobten Pressekonferenzen des Gouverneurs von New York, Andrew Cuomo. Der Demokrat, dessen Bundesstaat bislang in den USA besonders schwer von der Pandemie betroffen ist, sticht durch seine ruhige, geradlinige und faktenorientierte Präsentationen hervor, die von vielen Schaubildern untermauert werden. Zugleich kämpft er leidenschaftlich für die Menschen in seiner Obhut.

Trump selbst ist nach eigenen Angaben überzeugt, dass die Updates des Weißen Hauses das Vertrauen in die Kompetenz der Regierung im Kampf gegen Covid-19 fördern. Auf jeden Fall geben ihm die täglichen Schlagzeilen, die seine Pressekonferenzen liefern, die Möglichkeit, den Äther zu beherrschen, während sein demokratischer Hauptrivale Joe Biden kaum im Rampenlicht steht. Der Ex-Vizepräsident hat kein Ersatzforum wie Trump. Aber Biden hat angekündigt, dass man demnächst wieder mehr von ihm sehen wird: Demnach ist sein Wahlkampflager dabei, in seinem Haus ein Studio einzurichten, damit er häufiger live auftreten kann.

Derweil werfen Kritiker die Frage auf, ob die Fernsehsender Trumps Pressekonferenzen direkt übertragen sollten, das heißt, ohne vorausgegangenes Fakten-Checken. Die Briefings klängen zunehmend wie ein Ersatz für Trumps Wahlkampfkundgebungen anstatt das Ziel zu verfolgen, die Bevölkerung ehrlich zu informieren, merkte kürzlich die Medienkolumnistin der „Washington Post“, Margaret Sullivan, an. „Sie sind eine tägliche Bühne für Trump geworden, seine größten Hits vor gefesselten Publikumsmitgliedern zu spielen.“

MSNBC-Starmoderatorin Rachel Maddow formuliert es noch schärfer. „Wir alle sollten aufhören, es zu übertragen, ehrlich“, sagte sie. „Es wird Leben kosten.“

(ala/dpa)