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Coronavirus Impfdurchbrüche - Wieso kommt es zu immer mehr Impfdurchbrüchen in Deutschland?

Ältere besonders betroffen : Wieso kommt es zu immer mehr Impfdurchbrüchen in Deutschland?

1,7 Millionen Bürger haben eine Auffrischungsimpfung erhalten. Das ist nicht genug, sagen Ärzte und Apotheker. Vor allem Ältere überschätzen ihre Immunität. Hausärzte fordern eine Vereinfachung der Impfstoff-Bestellung.

Die Pandemie lässt Deutschland nicht los. Die Zahl der Neuinfektionen steigt kräftig. Immer häufiger kommt es zu Impfdurchbrüchen. Nun fordern Ärzte und Apotheker mehr Tempo bei Auffrisch-Impfungen.

Corona trotz Impfung: Zahl der Impfdurchbrüche gestiegen

Wie viele Impfdurchbrüche gibt es? Auch Edmund Stoiber hat es erwischt: Der 80-jährige CSU-Ehrenvorsitzende, der vollständig mit Astrazeneca geimpft war, hat sich angesteckt und zeigt leichte Symptome. Er ist nicht der einzige: Bundesweit haben sich seit Februar bereits 95.487 vollständig Geimpfte mit dem Coronavirus infiziert, wie aus dem Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) hervorgeht. Allein in den vergangenen drei Wochen gab es 41.000 Fälle. Alle Hersteller sind betroffen. Von einem Impfdurchbruch spricht das RKI, wenn bei einer vollständig geimpften Person eine Corona-Infektion mit klinischen Symptomen nachgewiesen wird. „Jetzt schon melden Gesundheitsämter, dass die Hälfte der Neuinfektionen auf vollständig Geimpfte entfallen, die Tendenz ist steigend“, warnt Thomas Preis, Chef des Apothekerverbands Nordrhein. Die Infektionen der Reiserückkehrer aus den Herbstferien dürften ab der nächsten Woche hinzukommen.

Welche Altersgruppen sind betroffen? Impfdurchbrüche gibt es in allen Altersgruppen. Der Anteil der Durchbrüche ist bei den Bürgern über 60 Jahre am höchsten. So haben sich in den vergangenen drei Wochen bundesweit 17.000 Menschen über 60 Jahre infiziert. 57 Prozent von ihnen waren vollständig geimpft, so das RKI. Zum Vergleich: Bei den 18- bis 59-Jährigen gab es 31.400 Impfdurchbrüche, das sind 34,7 Prozent der Infizierten in dieser Altersgruppe. Bei Älteren ist die Immunantwort oft schwächer.

Sind Impfungen also sinnlos? Nein. Sie schützen viele vor Ansteckung, vor allem verhindern sie schwere Verläufe. Das zeigt auch ein Blick auf die Intensivstationen: Die meisten Covid-Patienten dort sind ungeimpft. Impfungen schützen zu 90 Prozent vor einer Klinikeinweisung, betont das RKI. Bei den über 60-Jährigen liegt der Schutz vor Hospitalisierung bei 86 Prozent. Corona-Impfungen schützen vor Tod gar zu 98 Prozent (bei den über 60-Jährigen sind es 87 Prozent).

Wieso gibt es so viele Impfdurchbrüche? Weil sich das Virus wieder vermehrt ausbreitet und generell mehr Menschen geimpft sind, nimmt die Zahl der Durchbrüche zu, betont das RKI. Zudem wiegen sich viele in falscher Sicherheit. „Zu viele glauben, dass mit zwei Impfungen ein lang andauernder Impfschutz erreicht wurde. Der hält für die meisten aber nur für maximal sechs Monate in ausreichender Stärke“, sagt der Chef des Apothekerverbands. Die Impfstoffe sorgten bestenfalls für einen Impfschutz von etwa 90 Prozent. „Für die meisten Älteren ist die Wirksamkeit geringer“, so Preis. „Aktuelle Studien belegen sogar, dass der Impfschutz nach abgeschlossener Impfserie bereits nach vier Monaten nur noch bei 20 Prozent liegt.“

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Wie wichtig sind Booster-Impfungen? Wegen der Impfdurchbrüche sind Auffrischungen so wichtig. „Wir müssen jetzt den Turbo für die Booster-Impfungen starten. Gerade für die Weihnachtstage, wo die Familien sich wieder treffen werden, ist die dritte Impfung für die Älteren sehr wichtig“, sagt Thomas Preis. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) schreibt derzeit die 2,8 Millionen NRW-Bürger über 70 Jahre an und wirbt für eine Auffrischung. Preis fürchtet, dass es ohne eine Booster-Offensive bald mehr Neu-Infektionen gibt als vor einem Jahr: „Wenn wir jetzt nicht schnell reagieren, werden wir ungebremst in eine heftige vierte Corona-Welle geraten. Diese wird zunehmend auch von bereits Geimpften geprägt sein. Am 18. Dezember 2020 wurden mit deutschlandweit 33.777 die meisten täglichen Neuinfektionen gemeldet, eine deutlich höhere Zahl ist in diesem Winter vorstellbar.“

Wer hat Anspruch auf eine Booster-Impfung? Grundsätzlich alle Bürger, so steht es in der Impfverordnung. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt derzeit eine Auffrischung nur für bestimmte Personen, vor allem für über 70-Jährige. Hinzu kommen medizinisches und Pflegepersonal. Die Gesundheitsminister raten auch zur Auffrischung für Bürger, die vollständig mit einem Vektorimpfstoff (Astrazeneca, Johnson&Johnson) geimpft wurden. „Es ist schade, dass die Stiko noch nicht die Auffrischung für alle zweimal Geimpften empfiehlt, laut Zulassung der Europäischen Arzneibehörde wäre das durchaus möglich“, sagt Preis. Schweden bietet gerade allen über 65 einen Booster an.

Wie gut sind Hausärzte vorbereitet? „Die Booster-Impfung läuft in den Praxen unkoordiniert und zu langsam an“, kritisiert der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Die Hausärzte fordern Hilfe: „Wir haben die Erfahrung, das Wissen und die Strukturen, diese Impfung durchzuführen“, sagte Markus Beier, Vize-Chef des Deutschen Hausärzteverbandes. „Damit das Impfen in den Praxen gelingt, müssen die Prozesse möglichst einfach gestaltet werden. Die aktuell erforderliche Vorlaufzeit von zwei Wochen bei der Impfstoffbestellung ist dabei ein großes Hindernis.“ In der aktuellen Situation sei es für Praxen schier unmöglich, mit diesem Vorlauf zu planen. „Kurze Vorlaufzeiten bei den Bestellungen, wie wir sie vom Anfang der Impfkampagne kennen, müssen zügig wieder ermöglicht werden.“