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Coronavirus 2020 in Ischgl/Tirol: Verbraucherschützer Peter Kolba im Interview

Verbraucherschützer über Tiroler Behörden : "Völliges Corona-Missmanagement im Interesse der Tourismusindustrie"

Tausende Deutsche haben sich beim österreichischen Verbraucherschutzverein gemeldet. Viele sehen sich in der Corona-Krise durch die Tiroler Behörden geschädigt. Vereinsgründer Peter Kolba glaubt an mehr als nur Fahrlässigkeit - und hat Zweifel an korrekten Ermittlungen.

Peter Kolba ist seit 30 Jahren Verbraucherschützer in Österreich. 27 davon war er beim Verein für Konsumenteninformation Leiter des Bereichs Recht. Anschließend gründete er den Verbraucherschutzverein, der sich ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge finanziert. Aktuell sammelt der Verein Kontaktdaten von Menschen, die sich in Ischgl und Umgebung mit Corona infizierten oder Angehörige wegen Covid-19 verloren haben. Der Vorwurf: Behörden hätten die Ski-Gebiete offen gehalten, obwohl sie von der Gefahr durch Corona wussten.

Herr Kolba, wieso beschäftigt sich Ihr Verein aktuell mit Tirol?

Peter Kolba Wir haben Auswertungen der österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit und vom Robert-Koch-Institut, aus denen sich relativ klar ergibt, dass Ischgl in Tirol einer der Hotspots war, von denen aus sich das Coronavirus in Europa ausgebreitet hat. Der Verbraucherschutzverein hat darüber hinaus bislang 5500 Rückmeldungen von Personen, die sich geschädigt sehen, weil sie in Tirol Urlaub gemacht haben und sich dort angesteckt haben. Diese 5500 Personen kommen aus der ganzen Welt, allerdings mit sehr deutlichem Schwerpunkt von 3800 Personen aus Deutschland. Viele berichten uns von gravierenden Folgen, die dieser Urlaub für sie und ihr Urlaub gehabt hat.

Der Verbraucherschützer Peter Kolba. Foto: vki

Was werfen Sie den Behörden vor?

Kolba Es ist ganz offensichtlich so, dass aus ökonomischen Überlegungen der Tourismusindustrie verspätet gewarnt wurde, verspätet Bars, Hotels und Skibetriebe geschlossen wurden und letztendlich auch das ganze Paznauntal verspätet zur Quarantäne-Zone erklärt wurde.

Was für Geschichten erzählen Ihnen die Betroffenen?

Kolba Besonders anrührend finde ich, dass es inzwischen 25 Tote gibt. Zur Hälfte waren diese Menschen selbst in Ischgl. Meist waren es Männer zwischen 50 und 60, die sich ansteckten, zwei oder drei Wochen auf der Intensivstation mit dem Tod gekämpft haben und diesen Kampf dann verloren haben. Da stehen teils Familien ohne Ernährer da, da stehen Familien ohne Vater, Großvater da. Die andere Hälfte der Verstorbenen haben sich bei jemandem angesteckt, der in Ischgl war. Das sind die gravierendsten Folgen, die entstanden sind.

Man könnte provozierend sagen: Schon Anfang März war bekannt, dass Corona eine große Gefahr werden kann. Warum fährt man dann in den Skiurlaub? Ist man dann nicht ein Stück weit selbst verantwortlich für das, was geschieht?

Kolba Diese Frage haben wir uns auch gestellt. Einige der Geschädigten haben sie uns beantwortet. Es gibt gar nicht so wenige, die sich die Lage in Südtirol angeschaut haben und dann bei den Hotels angefragt haben: Ist Corona ein Problem? Die Antwort war: Nein, Tirol ist virusfrei. Noch um den 9. und 10. März herum hat man keineswegs zur Vorsicht geraten, sondern es so dargestellt, als ob gar nichts los wäre. Und das wider besseres Wissen.

Warum?

Kolba Der erste offizielle Corona-Fall in Österreich hat sich in Tirol zugetragen und zwar am 25. Februar. Da kam eine italienische Hotel-Angestellte aus dem Urlaub in der Lombardei zurück. Sie hatte Symptome, wurde getestet, war positiv. Und daraufhin hat die örtliche Verwaltung mit einem martialischen Polizeiaufgebot das Hotel hermetisch abgeriegelt, Quarantäne verhängt und alle Angestellten getestet – die negativ waren. Eineinhalb Wochen später in Ischgl, wo zehntausende Urlauber waren, trat die gleiche Situation ein: Ein Barmann wird in einer Après-Ski-Bar positiv getestet. Jetzt kommt kein Polizei-Aufgebot, sondern der Inhaber der Bar bekommt von der Landessanitätsdirektion den Tipp, er solle die Räume desinfizieren und das Personal austauchen, von Schließung ist keine Rede. Nach außen entblödet sich die Landessanitätsdirektion nicht zu sagen, dass eine Ansteckung von Mensch zu Mensch relativ unwahrscheinlich sei. Wer Symptome habe, solle daran denken, dass es unter Umständen Corona sein könne. Ein völliges Corona-Missmanagement – aber nicht aus Dummheit oder Unwissenheit, denn dass es sich um ein aggressives Virus handelt, konnte man am 25. Februar sehen. Sondern man wollte im Interesse der Tourismusindustrie einen Urlauber-Schichtwechsel abwarten. Man wollte die Schließung bis zum Freitag hinauszögern. Danach wurde das Paznauntal von Touristen leergeräumt. Menschen mussten innerhalb von Stunden plötzlich abreisen. Dadurch hat sich dann das Virus auf ganz Europa verteilt.

Aktuell prüft die Staatsanwaltschaft Innsbruck, ob es genug Hinweise auf Straftaten für eine Anklageerhebung gibt. Wenn es zu einem Prozess kommen sollte, was wären dann die nächsten Schritte für Sie?

Kolba Ein Strafprozess erscheint mir ehrlich gesagt in weiter Ferne. Nach dem, was ich in den Medien so lese, bin ich eher skeptisch, ob die Staatsanwaltschaft in Innsbruck unabhängig ermitteln kann. In Tirol sind die Verflechtungen zwischen Wirtschaft, Politik und Verwaltung relativ eng. Mir wäre wohler, wenn die Ermittlungen von der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft in Wien geleitet würden.

Warum sammeln Sie Kontakte zu Betroffenen?

Kolba Wir haben neben der Strafanzeige, mit der wir diese Ermittlungen überhaupt in Gang gesetzt haben, am selben Tag eine Internetplattform eingerichtet, wo sich Betroffene melden können. Der Sinn und Zweck ist, sich einerseits einen Überblick zu verschaffen und Zeugen zu sammeln. Andererseits haben wir allen, die sich gemeldet haben, angeboten, dass wir uns für sie dem Strafverfahren anschließen. Dadurch soll die Staatsanwaltschaft sehen, wie viele Geschädigte es gibt. Außerdem gehe ich davon aus, dass die Menschen, die zu Schaden gekommen sind, einen Anspruch auf Schadenersatz haben. Und zwar in Form von Geld, nicht nur in Form einer Entschuldigung, die auch noch nicht erfolgt ist. Deshalb werden wir Schadenersatzprozesse gegen die Republik Österreich in Gang setzen, die für die Verfehlungen der Tiroler Behörden gerade zu stehen hat.