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Corona vor Weihnachten - Die vierte Corona-Welle macht derzeit eine Pause

Sinkende Inzidenzen : Die vierte Corona-Welle macht nur eine Pause

„Kriegt Deutschland die Kurve?“ fragt etwas voreilig die „Bild“-Zeitung. Tatsächlich handelt es sich wohl eher um eine kleine Atempause. Zur Weihnachtszeit und vor allem danach droht neues Ungemach.

Es gibt wieder Hoffnungszeichen. Seit Ende November stagnieren die Corona-Infektionen, seit Anfang Dezember sinkt die Zahl der wöchentlichen Ansteckungen je 100.000 Einwohner, auch Inzidenz genannt. Von mehr als 485 auf nunmehr 353 (Mittwoch). Das ist schon ein starker Rückgang. „Kriegt Deutschland die Kurve?“ fragt bereits die „Bild“-Zeitung, die sich immer mehr zum Sprachrohr gegen Corona-Einschränkungen und wissenschaftlich fundierte Warnungen macht.

Die Hoffnung könnte trügen. Viele Virologen und Epidemiologen sprechen eher von einer Atempause. „Das ist eine Stabilisierung auf hohem Niveau, die sich erst nach unten auflösen dürfte, wenn die aktuelle Welle ihren Weg durch Deutschland beendet hat oder durch weitere Maßnahmen gebrochen wird“, meint der Mathematiker Jan Fuhrmann, der an der Universität Heidelberg lehrt und die Verbreitung der Corona-Wellen berechnet. In Bayern etwa sei der Höhepunkt schon erreicht worden. Dort gehen die Zahlen am stärksten zurück – ein Ergebnis der scharfen Maßnahmen, aber auch des Verhaltens der Bevölkerung. „Inzidenzen jenseits der 1000 wird man dauerhaft kaum beobachten, weil einerseits viele der noch nicht infizierten Menschen vorsichtiger werden und andererseits von politischer Seite Maßnahmen getroffen werden“, meint der Heidelberger Corona-Experte, der bereits am Forschungszentrum Jülich die Verbreitung des Erregers beobachtete.

Die Situation in Deutschland ist höchst ambivalent. Der Westen ist im Gegensatz zum Süden und Osten nicht so stark betroffen. Allerdings steigen die Inzidenzen derzeit in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, in geringerem Maße aber auch in Schleswig-Holstein und Hamburg, die bislang von der vierten Welle weitgehend verschont blieben. Angesichts der neuen ansteckenderen Variante Omikron ist eine Entwarnung also nicht angesagt. „Ein erneuter Anstieg der Neuinfektionen auch in den Regionen, die bereits eine sehr hohe Inzidenz haben, ist keineswegs auszuschließen“, sorgt sich Fuhrmann.

Ähnlich sieht es Ulf Dittmer, der Chef der Virologie am Universitätsklinikum Essen – vor allem was die nächsten Wochen betrifft: „Weihnachten führt in Deutschland immer zur Verbreitung von Viren, dass kennen wir schon von der Grippe.“ Auch Dittmer rechnet mit einem zusätzlichen Schub durch die neue Variante Omikron. „Beide Faktoren könnten zu wieder steigenden Inzidenzen nach Weihnachten führen“, meint der Essener Virologe.

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Das Team um den Saarbrücker Pharmakologen und Modellrechner Thorsten Lehr sieht hingegen eine leichte Entspannung vor dem Jahreswechsel. Selbst wenn die Infektionen um 15 Prozent in den Tagen vor dem 24. Dezember zunehmen,  dürfte die Inzidenz nach den Werten des Covid-19-Simulators der Universität des Saarlands auf unter 300 bis Silvester sinken. Auch die Zahl der Krankenhauseinweisungen, der Patienten auf den Intensivstationen und der Todesfälle wird danach weiter absinken – auf allerdings noch immer recht hohe Werte. Der Essener Chef-Virologe Dittmer sieht darin den Effekt der jetzt sinkenden Inzidenzen: „Es könnte zu Weihnachten deshalb zu einer Entlastung in den Krankenhäusern kommen.“ Zugleich drängt der Mediziner, Neuinfektionen über Weihnachten möglichst zu verhindern. So sollten größere Treffen im privaten Räumen nur nach der 2G-Plus-Regel erfolgen, also zwischen Geimpften und Genesenen mit aktuellem negativen Corona-Test.

Wie es nach Weihnachten weitergeht, ist unsicher. Denn die schnelle Verbreitung der Omikron-Variante macht Vorhersagen für das kommende Jahr zur Lotterie.  Erste Studien aus Großbritannien lassen Schlimmes vermuten. „Omikron ist deutlich infektiöser als Delta. Es wird sich auch in Deutschland stark verbreiten“ befürchtet der Essener Medizin-Professor Dittmer. Und auch für zweifach Geimpfte ist der Schutz geringer.

Deshalb empfehlen viele Experten, schon jetzt Vorsorge zu treffen. „Die zügige Booster-Impfung ist am wichtigsten“, meint Dittmer. Das würde die meisten Neuinfektionen verhindern. Denn der unmittelbare Effekt, so der Virologe, setze innerhalb von wenigen Tagen ein. Die Impfung von Menschen ohne Immunschutz wirkt erst nach dem zweiten Piks – und auch da erst in einem Abstand von zehn Tagen. Zugleich ist die Bereitschaft bei den doppelt Geimpften größer, sich „boostern“ zu lassen. Das lässt bei knappen Impfstoffen diese Strategie wirkungsvoller erscheinen, als den letzten Skeptiker noch zu überzeugen. Zugleich müssen beide Gruppen, Geimpfte und Ungeimpfte, ihre Kontakte einschränken und dürfen an Weihnachten nicht alle Vorsichtsmaßnahmen fallen lassen. Im Verbund mit der Variante Omikron könnte es sonst ein böses Erwachen im Januar geben.