Inzidenz von 500 schon im April? Der Corona-Öffnungsplan ist eine Mogelpackung

Meinung · Die Bundesländer haben den kritischen Inzidenzwert auf 100 erhöht, um die Beschränkungen schneller aufzuheben. Doch die Öffnungen und die anhaltend hohen Infektionenszahlen führen geradewegs in den nächsten Lockdown.

 "Geschlossen" steht auf dem Schild in der Tür eines Geschäfts auf der Krämerbrücke in der Altstadt Erfurts. Die wachsende Zahl von Neuinfektionen lässt eine allgemeine Öffnung der Läden wieder in weitere Ferne rücken.

"Geschlossen" steht auf dem Schild in der Tür eines Geschäfts auf der Krämerbrücke in der Altstadt Erfurts. Die wachsende Zahl von Neuinfektionen lässt eine allgemeine Öffnung der Läden wieder in weitere Ferne rücken.

Foto: dpa/Martin Schutt

Der Wunsch nach ein bisschen Normalität in der Corona-Krise ist verständlich – und inzwischen übermächtig geworden. Die Bundesländer haben dem Rechnung getragen und Friseursalons, Buchhandlungen, Baumärkte und Gartencenter unter Auflagen wieder geöffnet. Wenn die Zahl der wöchentlichen Infektionen pro 100.000 Einwohner, also der Inzidenzwert, auf unter 50 sinkt, dürfen auch die Läden des Einzelhandels wieder unangemeldete Kunden bedienen, Museen, Galerien und Zoos ohne Vorbuchung Gäste begrüßen. In einigen Kreisen und Städten in Nordrhein-Westfalen ist das schon geschehen.

Doch die Freude über die ersten Öffnungen dürfte nicht lange anhalten. Langsam aber sicher zieht die Zahl der Infektionen in Deutschland an. Der Anteil der ansteckenderen Variante B.1.1.7 liegt bei den Neuinfektionen nach der jüngsten Untersuchung des Robert-Koch-Instituts (RKI) inzwischen bei 55 Prozent. Nach einer Untersuchung des Pharmazie-Professors Thorsten Lehr von der Universität Saarbrücken, über die der „Spiegel“ berichtet, wird die Sieben-Tage-Inzidenz spätestens Ende März/Anfang April in Deutschland wieder über 100 liegen. Das Team um den Saarländer unterstellt dabei, dass die Mutante um 35 Prozent ansteckender ist als das ursprüngliche Virus und die Lockerungen zu 20 Prozent mehr Kontakten zwischen den Menschen führen. Das sind eher konservative Annahmen. Auch Sebastian Binder, Biologe am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, erwartet, dass „angesichts der Öffnungen und dem zunehmenden Anteil der neuen Varianten ein Anstieg der Infektionen im März wahrscheinlich erscheint“.

Die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten haben für diesen Fall zwar eine Notbremse eingebaut, wonach die Geschäfte und körpernahen Dienstleister wieder schließen müssen. „Wenn die Notbremse greift, können sich die Zahlen erst einmal noch rund zwei Wochen mit der gleichen Dynamik entwickeln, bevor die Auswirkung zu sehen ist“, warnt der Braunschweiger Corona-Experte Binder. Da ist schnell mal eine Verdopplung der Infektionsfälle drin, wie der starke Anstieg im vergangenen Oktober gezeigt hat. Nach der Studie des Pharmakologen Lehr würden die Zahlen schon Mitte April auf über 500 wöchentliche Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner hoch schnellen – wenn es dann nicht zum dritten Lockdown kommt. Dieses Szenario wird von anderen Forschern wie dem Mobilitätsexperten Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin in dessen Rechnungen bestätigt. „Wenn es uns nicht gelingt, sehr schnell flächendeckende Schnelltests einzuführen, dann müssen wir zur Abwehr noch schärfere Kontaktbeschränkungen einleiten als noch im Januar“, sagt der Telematik-Professor.

Bis dahin werden zwar warscheinlich eine Vielzahl von Schnelltests verfügbar sein und es wird ein höherer Anteil der Bevölkerung zumindest eine erste Impfung erhalten haben. Aber der Helmholtz-Forscher Binder ist skeptisch, „ob das unter den aktuellen Bedingungen ausreicht“. Mit anderen Worten: Deutschland ist in der Impfkampagne und der Versorgung mit Schnelltests so weit hinten dran, dass diese Gegenstrategien kaum ausreichen, um den Anstieg auch nur etwas zu dämpfen.

Das sind schlechte Aussichten für das Frühjahr. Zwar dürfte die stärkere UV-Strahlung dem Virus zu schaffen machen, aber das wird nicht ausreichen. „Das schöne Wetter motiviert zu mehr Treffen. Die beiden Effekte gleichen sich dann möglicherweise aus“, meint der Virus-Experte Lehr. Schon jetzt haben einzelnenBundesländer wie etwa Brandenburg die Obergrenze für den kritischen Inzidenzwert auf 200 erhöht. Andere könnten nachziehen. Bestimmte Landkreise wollen sogar die Inzidenz nach unten manipulieren. Sie zählen dabei einfach die Infektionen nicht mit, die sich aus einem Cluster ergeben und eindeutig zuordnen lassen. Es werden also nur die Fälle gezählt, die diffuser Herkunft sind.

Einmal mehr zeigt sich, dass der Öffnungsplan eher von Hoffnungen als von nachvollziehbaren Daten und Fakten geleitet war. Spielen am Ende gar die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg eine Rolle, wenn sich jetzt alle bei den Lockerungsübungen überbieten? Eines ist sicher: Nach dem Wahltag dürfte Schluss mit lustig sein. Dann dürfte die Ministerpräsidentenkonferenz vielleicht schon am 22. März eher über Schließungen als über weitere Lockerungen diskutieren. Und bis zur nächsten Bundestagswahl ist noch weit.

Der Artikel wurde erweitert um die neueste Zahl über den Anteil der britischen Mutation B.1.1.7 an allen Neuinfektionen.

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