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Corona: Lockdown würde Zehntausende Jobs kosten

Anstieg der Corona-Infektionen : Lockdown würde Zehntausende Jobs kosten

Ein neuer Stillstand würde die Arbeitslosenzahl deutlich über drei Millionen treiben, so Ökonomen. Ein Wirtschaftseinbruch um acht Prozent droht. Und er hätte massive Folgen für NRW, das bisher relativ gut durch die Krise kam.

In Deutschland ist die tägliche Zahl der Corona-Neuinfektionen erstmals über 10.000 gestiegen. Die Gesundheitsämter meldeten nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) 11.287 Fälle binnen 24 Stunden. Das war fast die Hälfte mehr als am Samstag, als mit 7830 der bisherige Höchstwert erreicht worden war. 2624 der Fälle entfielen auf Nordrhein-Westfalen – das Land ist damit bei den Neuinfektionen weiterhin überrepräsentiert.

RKI-Chef Lothar Wieler warnte, das Virus könne sich in einigen Gebieten unkontrolliert ausbreiten, weil Infektionsketten nicht nachverfolgt werden könnten: „Inzwischen ist die Situation sehr ernst.“ Er sprach sich für eine umfangreiche Maskenpflicht aus – nicht nur im Nahverkehr und in Geschäften, sondern auch in Räumen, in denen viele Menschen zusammenkämen.

Die Politik diskutiert über weitere Beschränkungen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fordert für Regionen, in denen es in einer Woche 100 Infizierte pro 100.000 Einwohner gibt, eine Sperrstunde ab 21 Uhr. Die Verbraucher ihrerseits fürchten einen zweiten Lockdown, wie das Institut GfK ermittelte. Entsprechend trübte sich die Konsumlaune für November kräftig ein. Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery sagte, bei 20.000 Infektionen pro Tag „droht uns ein zweiter Lockdown, weil sich das Virus anders nicht mehr bremsen lässt“.

Sollte die Politik wie im Frühjahr das öffentliche Leben zurückfahren, wäre dies ein schwerer Schlag für die Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen und ganz Deutschland. „Die Folgen eines zweiten Lockdowns sind nach unserer Einschätzung deutlich höher als während des ersten. Der Grund ist, dass sich viele Unternehmen von dem ersten noch nicht erholt haben“, sagte Torsten Schmidt, Konjunkturchef des RWI-Leibniz-­Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen. Reserven und Risiko­puffer seien aufgebraucht. Reiner Hoffmann, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds, appellierte an Unternehmen, den Schutz der Beschäftigten nicht zu vernachlässigen: „Der Anstieg der Infektionszahlen ist mehr als kritisch. Ab jetzt zählt jeder Tag, um einen zweiten Lockdown zu verhindern.“

„Käme es im vierten Quartal zu einem Bremsmanöver mit weiteren Beschränkungen des Wirtschaftslebens, kostet das einen Prozentpunkt Wirtschaftswachstum 2020 und 2021“, sagte Michael Grömling, Konjunkturchef des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Bisher war das IW für 2020 von einem Wirtschaftseinbruch von rund sechs Prozent ausgegangen. „Wenn es einen richtigen Lockdown gibt, könnte dies gar jeweils zwei Prozentpunkte kosten“, so Grömling. Dann würde die Wirtschaft 2020 um acht Prozent schrumpfen, deutlich mehr als in der Finanzkrise 2009.

„Die Wirtschaft könnte in den gefürchteten Double Dip, den doppelten Abschwung, geraten“, fürchtet RWI-Experte Schmidt. Die Folgen: „Die Zahl der Arbeitslosen würde bundesweit wieder deutlich über drei Millionen steigen. Derzeit liegt sie bei 2,8 Millionen.“ Auch müssten mehr Unternehmen als bislang erwartet aufgeben: „Die Zahl der Insolvenzen könnte im ersten Quartal auf 10.000 steigen“, schätzt Schmidt. Alle Unternehmen, die zahlungsunfähig oder verschuldet sind, müssen dann wieder zum Insolvenzrichter.

„NRW wird sich von diesem Trend nicht abkoppeln können. Bei einem Lockdown wird auch hier die Rezession schärfer ausfallen“, sagte IW-Experte Grömling. Bislang ist Nordrhein-Westfalen etwas besser durch die Krise gekommen, weil es weniger als Bayern oder Baden-Württemberg von der angeschlagenen Autoindustrie abhängt. Doch auch hier hätte ein zweiter Lockdown gravierende Folgen. „Die Reserven vieler Unternehmen an Rhein und Ruhr sind aufgebraucht“, sagte Schmidt. „Bei Autozulieferern war nicht mal etwas von der jüngsten, kleinen Entspannung angekommen.“

Das wird sich auch auf dem Arbeitsmarkt niederschlagen. „Die Zahl der Arbeitslosen in Nordrhein-Westfalen würde bei einem zweiten Lockdown deutlich über 800.000 steigen“, schätzt der RWI-Experte. Zuletzt gab es in NRW 774.000 Erwerbslose.