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Corona-Inzidenz als Wert: Deutschland braucht jetzt die Corona-Ampel

Ersatz für die Inzidenzen : Deutschland braucht jetzt die Corona-Ampel

Inzwischen hat über die Hälfte der Bevölkerung die vollständige Impfung erhalten. Das ist gut so. Gleichwohl ist die Corona-Pandemie noch längst nicht im Griff. Um die Verbreitung des Erregers einzudämmen, taugen die Grenzwerte der Inzidenz nur noch sehr bedingt.

Die Unsicherheit ist mit den Händen zu greifen. Seit die Infektionen mit dem Coronavirus in Deutschland wieder kräftig ansteigen, ist die sorglose Sommer- und Urlaubszeit mit all ihren Entspannungen erst einmal vorbei. Städte wie Solingen und Düsseldorf, wo die Inzidenz über 60 beziehungsweise 40 wöchentlichen Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern liegt, haben die Maßnahmen entsprechend der Corona-Schutzverordnung des Landes wieder verschärft. Die Zahl der Städte und Kreise mit einem Inzidenzwert von mehr als 10 hat sich deutlich erhöht. Das heißt, Treffen in der Öffentlichkeit, größere Veranstaltungen oder Partys und Discos unterliegen wieder strengeren Regeln.

Eines ist aber vorerst gleich geblieben. Die Maßnahmen richten sich weiterhin nach der Inzidenz als alleiniger Messzahl, obwohl inzwischen gut die Hälfte der Bevölkerung über einen vollen Impfschutz verfügt. Tatsächlich bedeutet das erst einmal eine gewisse Entspannung für das Gesundheitswesen. War noch im April ein Inzidenzwert von 100 die Marke für einen weitgehenden Lockdown, so besteht in der Politik fast Einigkeit darüber, dass solche Grenzen und entsprechende Einschränkungen des öffentlichen Lebens angesichts des Impffortschritts ihren Sinn verloren haben. Schon spricht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) davon, dass heute eine Inzidenz von 200 „das neue 50 ist“. Derzeit tritt nach den Corona-Regeln des Landes Nordrhein-Westfalen die restriktivste Stufe 3 schon ab einer Inzidenz von 50 in Kraft. Würde man Spahn folgen, so wäre das erst ab einer Grenze von 200 nötig.

Vor solchen Gedankenspielen warnt der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke, eindringlich. „Meine größte Sorge ist, dass wir so die Grenzwerte bei den Inzidenzen nicht mehr ernst nehmen“, sagte der Internist und Ärztevertreter unserer Redaktion. Denn wenn gut jeder Zweite vor einer Infektion geschützt ist, treffen die Infektionen nach Ansicht des Mediziners voll die Ungeimpften. „Ich rechne damit, dass wir bei Ungeimpften schon jetzt eine Inzidenz von 50 überschritten haben“, meint Henke. „Nur mit mehr Impfungen können wir das jetzige Tempo der Verbreitung stoppen.“

Für den Chef der rheinischen Ärztekammer heißt das, dass die Inzidenzen weiterhin eine wichtige Rolle spielen sollten: „Sie sind das am frühesten anschlagende Warnsystem.“ Damit erweist sich Henke als Vertreter der Richtung, die weiterhin am Prinzip Vorsicht festhalten. Tatsächlich ist es leichter, die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, wenn schon früh Gegenmaßnahmen erfolgen und nicht erst dann, wenn sich die Dynamik der Ansteckungen voll entfaltet hat, und die Gesundheitsämter mit der Nachverfolgung oder Quarantäne-Überwachung überfordert sind – wie etwa im vergangenen Winter. Für Henke ist als Fazit klar: „Wir sollten an den bisherigen Inzidenz-Grenzwerten festhalten, allerdings nach Geimpften und Genesenen einerseits und Ungeimpften andererseits unterscheiden.“

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Die andere Schule sieht im steten Wechsel von Lockerungen und Verschärfungen dagegen eher eine Gefahr. Noch immer ist das Infektionsgeschehen nicht mit mathematischer Präzision vorherzusehen, auch wenn es nach klassischen Mustern abläuft. Auch ist die Bereitschaft der Bevölkerung irgendwann erschöpft, sich alle paar Wochen auf geänderte Regeln in der Corona-Pandemie einzulassen. Die Menschen verlieren die Übersicht und legen aus Fatalismus eine gewisse Sorglosigkeit an den Tag. Gerade jüngere Menschen, die nicht unbedingt mit schweren Verläufen und Krankenhausaufenthalten rechnen müssen, neigen zu einem solchen Verhalten. Wenn aber die Bereitschaft der Bevölkerung abnimmt, die Regeln einzuhalten, ist der Pandemie-Bekämpfung die Grundlage entzogen.

Tatsächlich bieten die Impferfolge, auch wenn sie für eine Herdenimmunität nicht ausreichen, das Fundament für eine flexiblere Strategie. Die fordern gerade auch Politiker ein, die wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bislang eher auf strenge Regeln setzten. Selbst das Robert-Koch-Institut (RKI), das bei der Corona-Bekämpfung immer noch die größte Autorität besitzt, geht in eine solche Richtung. Schon Anfang Juni stellte das RKI einen Sammelindikator vor, der neben der Sieben-Tagesinzidenz auch den Anteil der Covid-19-Fälle an der Belegung der Intensivstationen und die wöchentliche Zahl der Krankenhauseinweisungen pro 100.000 Einwohner der Über-60-Jährigen enthält. Auch die Frage, wie viele Fälle die Gesundheitsämter nachverfolgen können, ist in diesem Indikator aufgeführt.

Aus allen Punkten lässt sich eine Ampel oder Farbskala konstruieren, die von Rot (Intensitätsstufe 3) über Gelb (Stufe 2) bis Grün (Stufe 1) reicht. Und entsprechend sind die Maßnahmen schärfer (rot) oder lockerer (grün). Wie in der jetzigen NRW-Schutzverordnung gibt es dann analog zur Corona-Stufe 0 einen Basisstufe, die praktisch ein Auslaufen der Epidemie anzeigt. Der Indikator kann auf die regionale Ebene der Kreise und Städte heruntergebrochen werden, so dass bei einem starken Infektionsanstieg die Behörden schneller eskalieren können, während sie bei einem Rückgang moderat lockern sollten.

Derzeit wird in der aktuell wichtigsten deutschen Behörde akribisch an diesem Indikator weitergearbeitet. Er könnte Grundlage für eine umfassendere Strategie sein, um im Herbst das Geschehen unter Kontrolle zu halten, ohne dass ein scharfer dritter Lockdown notwendig wird. So könnte auch die hochansteckende Delta-Variante ihre Gefährlichkeit verlieren. Entscheidend wird aber sein, dass es gelingt, vor allem das Impftempo wieder zu erhöhen. Denn es gilt weiterhin die These des RKI-Präsidenten Lothar Wieler, dass die Menschen hierzulande auf längere Sicht nur die Wahl zwischen Impfung und Ansteckung haben.