Menschen ohne Hausarzt, Kinder, Chroniker So kommen Sie nach Ende der Priorisierung an einen Impftermin

Service | Düsseldorf · Seit Montag fällt die Priorisierung. Alle Erwachsenen und Kinder ab 12 Jahren können sich impfen lassen. Doch der Impfstoff ist weiter knapp. So kann es trotzdem funktionieren.

 Warten auf Impfstoff. (Symbol)

Warten auf Impfstoff. (Symbol)

Foto: dpa/Robert Michael

 Seit Montag, 7. Juni, fällt die Priorisierung. Dann können sich alle Bürger ab 12 Jahren impfen lassen - theoretisch. Denn der Impfstoff ist weiter so knapp, dass die Impfzentren in NRW gar keine Erstimpfungen vornehmen können und die Praxen auch nur wenige Termine anbieten. Wie also bekommt man einen Termin? Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten: beim Hausarzt, im Impfzentrum, beim Betriebsarzt. Das muss man dabei beachten.

Haus- und Fachärzte Der klassische Weg für Erwachsene führt über den Haus- oder Facharzt. In NRW impfen auch bereits Tausende niedergelassene Ärzte. Doch einen Termin zu bekommen, ist derzeit schwer. Denn das Bundesgesundheitsministerium hat gerade die Lieferungen wegen der Probleme von gleich drei Impfstoff-Herstellern gekürzt. Nachdem Biontech das Ministerium informiert habe, „die Lieferungen für die ersten Juni-Wochen etwas kürzen zu müssen, mussten wir neu planen und die Lieferungen über drei Wochen glätten“, erklärte eine Sprecherin. Die Hausärzte in NRW richten sich nun auf einen neuen Ansturm ein. „Der Druck auf die Praxen wird zunehmen. Jeder ist ja jetzt legitimiert einen Termin einzufordern, die Telefone werden nicht stillstehen“, erwartet Oliver Funken, Chef des Hausärzteverbands NRW. Er ärgert sich über die Trittbrettfahrer: „Und natürlich wird auch die Nummer ,Ich kennen einen´ kommen. Das ist für die Praxisteams schon herausfordernd.“ Funken bittet um Geduld: „Die Versorgung wird in den nächsten zwei bis drei Wochen langsam besser werden. Aber weiterhin wird der Engpass die Lieferung sein und nicht die Verimpfung.“ Viele Praxen bitten die Patienten, eine Mail zu schreiben und sich auf eine Warteliste setzen zu lassen. Dann können die Praxen auf die Patienten zugehen, wenn Impfstoff absehbar oder übrig ist. Manche Praxen bieten auch direkt Online-Buchungen an. Am Telefon kommt man oft nicht durch.

Chronisch Kranke Noch immer gibt es viele Menschen der Priorisierungsgruppe 3, die keinen Impftermin haben. Viele Praxen geben den chronisch Kranken daher Priorität beim Impfen. Aber sie haben eben auch nicht genug Impfstoff, um alle sofort versorgen zu können. In der Mail an die Praxis sollte man daher darauf hinweisen, wenn man chronisch krank ist und zu einer Priorisierungsgruppe gehört. Auch wenn die Priorisierung offiziell gefallen ist - in den Praxen findet sie notgedrungen weiter statt.

Schwangere Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt ihnen nicht generell die Impfung, sagt aber, dass Schwangere nach Abwägung von Nutzen und Risiken durch den Arzt ab dem zweiten Trimenon eine Impfung erhalten können. Der Berufsverband der Frauenärzte macht sich für eine Impfung stark, da Schwangere ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben, wenn sie an Corona erkranken. „Bei den erkrankten Schwangeren zeigt sich ein Anstieg von Tot- und Frühgeburten und eine erhöhte Rate an Kaiserschnitten“, so der Verband.

Bürger ohne Hausarzt Bürger, die keinen Hausarzt haben, haben derzeit schlechte Karten. Denn aus dem geplanten Online-Register der Ärzte in Nordrhein, die auch fremde Patienten impfen, wird zunächst nichts, wie die Kassenärztliche Vereinigung (KV) erklärte. Denn die Praxen sind derzeit noch vollauf mit ihren eigenen Patienten beschäftigt. Erfolg versprechender könnte es sein, sich an den Facharzt zu wenden: Junge Frauen etwa haben vielleicht keinen Hausarzt, aber einen Gynäkologen. Auch Fachärzte sind in das Impfen einbezogen.

Kinder Kinder ab 12 Jahren können seit Montag mit dem Impfstoff von Biontech versorgt werden. Doch die Wartelisten in den Praxen sind lang. „Die Praxen sind organisatorisch gerüstet und bieten Impfsprechstunden an. Aber es fehlt an Impfstoff“, sagt Christiane Thiele,  Kinder- und Jugendärztin in Viersen und Vorsitzende des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Nordrhein. „Ich werde nächste Woche genau sechs Dosen bekommen für eine Erstimpfung. Auf meiner Warteliste stehen aber fast 100 Kinder.“ Die Priorisierung sei auf dem Papier zwar aufgehoben, doch wegen des Impfstoffmangels müssten nun die Ärzte priorisieren: „Ich werde als erstes Jugendliche impfen, die ein besonderes Risiko haben wie Kinder mit Downsyndrom, einer Krebserkrankung, immunologischen Erkrankungen. Oder auch depressive Kinder, diesen müssen wir ersparen, dass sie wieder für Wochen in Quarantäne müssen“, so Thiele. Montag rechne man mit einem weiteren Ansturm. „Wir bitten Eltern, sich per Mail zu melden, um dem Andrang Herr zu werden.“ Der Biontech-Impfstoff ist von der Europäischen Arzneibehörde für alle ab 12 zugelassen, die Ständige Impfkommission (Stiko) will ihn aber nur für Kinder mit Vorerkrankungen empfehlen. Die Kinderärzte sind aber an die Stiko-Empfehlung nicht gebunden. Es ist die Entscheidung des Arztes und der Eltern, ob ein Kind ab 12 Jahren geimpft wird.

Impfzentren Die Impfzentren sind eigentlich ein guter Anlaufpunkt für alle, die keinen Hausarzt haben. Doch das Problem: Wegen des Impfstoffmangels können sie bis mindestens Mitte Juni nur Zweitimpfungen geben, wie NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) mitteilte. Die Kontingente für Erstimpfungen seien für erste ausgeschöpft, selbst für die Zweitimpfungen müssen die Dosen gesichert werden. Hier machen sie sich Lieferverzögerungen von Biontech, Astrazeneca sowie Johnson&Johnson bemerkbar. Er hoffe, dass es „Ende Juni, Anfang Juli“ wieder soviel Impfstoff gebe, dass Hausärzte und Impfzentren wieder entsprechend impfen könnten, sagte Laumann am Freitag. Damit stehen in den Buchungssystemen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) ab Montag auch keine Termine für Erstimpfungen mehr bereits, so Laumann.

Erst wenn das Land, das den Impfstoff an die Impfzentren liefert, wieder grünes Licht gibt, wird es wieder Termine geben. Das Land hat den Impfzentren per Erlass auch untersagt, von sich aus einzelne Termine anzubieten: „Soweit möglich, sollen auf den Reservelisten der Impfzentren ausschließlich Personen mit ausstehender Zweitimpfung geführt werden. Für die Impfung von Personen aus den Reservelisten darf nur Impfstoff verwendet werden, der ansonsten verworfen werden müsste“, heißt es im Erlass des Ministeriums. Zudem sei es untersagt, lokale Reserven zu bilden. Anders als noch vor ein paar Wochen haben die Impfzentren daher auch kein Astrazeneca mehr auf Halde.

Betriebsärzte Der dritte Weg führt über die Betriebsärzte. Auch diese können von nun an Woche für Woche Impfstoff bestellen. Da die Belieferung der Impfzentren festgeschrieben ist (2,25 Millionen Dosen bundesweit), müssen sich Betriebs- und niedergelassene Ärzte die restlichen Dosen teilen. Entsprechend macht sich auch hier die Knappheit bemerkbar: Die Betriebsärzte konnten für die Woche ab 7. Juni 804 Dosen pro Arzt bestellen. Sie erhalten im Schnitt 116 Dosen. Manche Firmen priorisieren wie die Chemieunternehmen in NRW. Andere wie Telekom, Vodafone und RWE öffnen die Anmeldungen für alle. Firmen, die keinen Betriebsarzt haben, sollen sich später auch an Impfzentren oder andere Unternehmen wenden können. Erst einmal erhalten die Betriebsärzte den Impfstoff von Biontech.