RKI ändert Empfehlung Covid-Genesene sollen jetzt doch geimpft werden

Düsseldorf · Auch Menschen, die eine Infektion überstanden haben, sollen künftig sechs Monate danach geimpft werden. Laut einer Studie könnte bei ihnen bereits eine Dosis ausreichen. Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Kopfschmerzen sind aber möglicherweise stärker.

 Möglicherweise bekommen Covid-Genesene nur eine Impfstoff-Dosis.

Möglicherweise bekommen Covid-Genesene nur eine Impfstoff-Dosis.

Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Wer eine Sars-CoV-2-Infektion überstanden hat, musste sich bislang keine Gedanken um einen Impftermin machen. Laut der Ständigen Impfkommission (Stiko) war eine Impfung Genesener vorerst nicht vorgesehen. Nun hat die an das Robert-Koch-Institut (RKI) angeschlossene Stiko ihre Empfehlung präzisiert. Zwar schreibt das RKI: Es sei davon auszugehen, dass Personen, die von Covid-19 genesen seien, zumindest vorübergehend über einen gewissen Schutz vor einer Erkrankung verfügten. Aber: „Aufgrund dieser anzunehmenden Immunität nach durchgemachter Infektion, zur Vermeidung überschießender Nebenwirkungen und in Anbetracht des bestehenden Impfstoffmangels sollten ehemals an Covid-19 erkrankte Personen nach Ansicht der Stiko unter Berücksichtigung der Priorisierung im Regelfall etwa sechs Monate nach Genesung geimpft werden.“ Der Zeitraum von sechs Monaten gilt auch, wenn nach der ersten Impfung eine Infektion auftritt.

 Dieses Zeitfenster verschafft einerseits etwas Luft angesichts der bestehenden Impfstoffknappheit, andererseits werden nun auch für die bundesweit rund zwei Millionen Covid-Genesenen nach der festgelegten Frist Vakzine benötigt. Unklar ist noch, ob auch diese Gruppe zwangsläufig zwei Dosen braucht, wie bei den Impfstoffen von Biontech und Moderna vorgesehen. Nach einer Studie des Virologen Florian Krammer von der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital in New York könnte bei Covid-Genesenen auch eine Dosis ausreichen, um genügend Antikörper gegen das Virus aufzubauen. Die Untersuchung wurde auf dem Preprint-Server Medrxiv veröffentlicht und noch nicht unabhängig begutachtet. Krammer hat demnach die Impfreaktion von 109 Personen untersucht, 68 davon vorab ohne Antikörper im Blut, bei 41 Probanden waren diese nachgewiesen. Diese zweite Gruppe zeigte bereits nach der ersten Dosis eine stärkere Immunantwort als die Menschen aus der ersten Gruppe nach der zweiten Impfung. Die Zahl der Antikörper war um den Faktor zehn bis zwanzig höher.

 Außerdem untersuchte das Team, welche Nebenwirkungen bei Geimpften auftreten, die sogenannte Reaktogenität. Die Gruppe der Probanden bestand aus 231 Personen, 148 ohne, 83 mit Antikörpern, also einer nachgewiesenen Infektion. „Insgesamt sind beide Impfstoffe gut verträglich, ohne dass Nebenwirkungen zusätzliche medizinische Hilfe erfordern“, lautet ein Ergebnis von Krammer. Am häufigsten traten Schwellungen, Rötungen und Schmerzen an der Injektionsstelle auf. Allerdings verzeichnete die Gruppe derjenigen, die bereits eine Infektion überstanden hatten, signifikant häufigere und stärkere Nebenwirkungen, zumeist Müdigkeit, Kopfschmerzen und Schüttelfrost. Kritisch sind solche Nebenwirkungen laut RKI generell nicht, sondern „Ausdruck der erwünschten Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Impfstoff“. Krammer zieht in seiner Studie aber das Fazit, dass es von Vorteil sei, Covid-Genesenen nur eine Impfdosis zu verabreichen: „Eine Änderung der Richtlinie, diesen Personen nur eine Impfstoffdosis zu geben, würde sich nicht negativ auf ihre Antikörpertiter auswirken, sie vor unnötigen Schmerzen bewahren und viele dringend benötigte Impfstoffdosen freisetzen.“

 Grundsätzlich sieht das RKI bisher keinerlei Hinweise darauf, dass die Impfung nach einer bereits durchgemachten Sars-CoV-2-Infektion problematisch sein könnte, was Sicherheit, Wirksamkeit und Verträglichkeit angeht. In den Zulassungsstudien der beiden Impfstoffe von Biontech und Moderna seien auch Teilnehmer gewesen, die bereits im Vorfeld eine Infektion durchgemacht hätten. Die Impfung sei von diesen Personen nicht schlechter vertragen worden als von Nicht-Infizierten, heißt es seitens des RKI. Teilweise seien die Reaktionen nach den Impfungen sogar weniger stark ausgeprägt gewesen. So bilanzieren die Virologen vom RKI, dass vor diesem Hintergrund keine Notwendigkeit bestehe, „vor einer Covid-19-Impfung das Vorliegen einer akuten, asymptomatischen oder unerkannt durchgemachten Sars-CoV-2-Infektion labordiagnostisch auszuschließen“.

 Schon jetzt wurden und werden Menschen geimpft, die infiziert oder an Covid-19 erkrankt waren. Zum Teil, weil sie bei asymptomatischen Verläufen nichts von ihrer Infektion wussten, oder weil sie in medizinischen Berufen arbeiten und eine Immunisierung für sie wichtig ist. Ob bei dem Personenkreis, der von seiner Covid-19-Erkrankung weiß, künftig nur eine Impfstoff-Dosis verimpft wird, hängt auch davon ab, inwieweit die Zulassung des Impfstoffs dafür angepasst werden muss. Unklar ist auch noch, nach welchem Zeitraum eine einzelne Vakzin-Dosis ausreicht, um die Immunantwort des Körpers entsprechend zu mobilisieren. Denn darüber, wie lange die Immunität nach einer Infektion oder einer überstandenen Covid-19-Erkrankung anhält, gibt es noch keine abschließenden Erkenntnisse.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort