Corona-Folgen für Kinder Kontroverse um „Triage“ in den Kinder- und Jugendpsychiatrien

Berlin · Sind die Kinder- und Jugendpsychiatrien in der Corona-Zeit überlastet? Über diese Frage streiten derzeit Fachleute. Einig sind sie sich allerdings darin, dass die psychischen Belastungen und soziale Benachteiligung der Jüngsten in der Pandemie deutlich zugenommen hat. Manch einer fordert schnelle Konsequenzen.

 Die Pandemie macht vielen Kindern und Jugendlichen psychisch sehr zu schaffen, darin sind sich viel Fachleute einig.

Die Pandemie macht vielen Kindern und Jugendlichen psychisch sehr zu schaffen, darin sind sich viel Fachleute einig.

Foto: dpa-tmn/Silvia Marks

Die psychischen Belastungen und soziale Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen hat in der Pandemie deutlich zugenommen. In diesem Punkt stimmen Kinder- und Jugendpsychiater mit Kinder- und Jugendärzten noch überein. Bei der Frage nach der Überlastung der Psychiatrien für die Jüngsten der Gesellschaft allerdings gehen die Einschätzungen auseinander. „,Triage‘ findet in der Kinder- und Jugendpsychiatrie nicht statt“, betont die Deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) in einer schriftlichen Erklärung. „Alle kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken haben während der Pandemie durchweg alle Kinder und Jugendlichen, die eine akute Krise erlebt und schnelle Hilfe benötigt haben, selbstverständlich zu jeder Zeit versorgt.“

Damit richtet sich die Fachgesellschaft explizit gegen eine Darstellung ihrer medizinischen Kollegen. „Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind voll, dort findet eine Triage statt“, Kostenpflichtiger Inhalt hatte zuvor Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) und selbst Kinderarzt in Berlin, unserer Redaktion gesagt. Kinder, die nicht akut suizidgefährdet seien, und „nur“ eine Depression hätten, würden demnach in den Psychiatrien aufgrund der Überlastung nicht mehr aufgenommen. Das bewerten die Kinder- und Jugendpsychiater entschieden anders.

Dennoch betont die DGKJP, dass insbesondere Kinder mit Vorbelastungen und jene, die ohnehin benachteiligt seien, in der Corona-Krise Symptome entwickeln würden. Symptome würden jedoch noch keine manifesten Erkrankungen bedeuten. „Vielfach haben wir es aber mit normalen Reaktionen von Kindern auf unnormale Bedingungen zu tun“, schreiben die Kinder- und Jugendpsychiater in ihrer Mitteilung. Zugleich seien Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen vermehrt Armutsbedingungen und Misshandlung ausgesetzt. Dies stelle „klare Risikofaktoren für seelische Erkrankungen“ dar.

Zur Einordnung erklärt der BVKJ, dass es sich bei „Triage“ um einen Begriff in der Medizin handle, der „einen normalen Vorgang der Auswahl“ beschreibt. „Und auch wenn es zunächst nur zu einer Symptomatik kommt, kann diese, wenn sie nicht rasch ausreichend behandelt wird, eben auch zu einer manifesten Erkrankung führen“, sagt BVKJ-Sprecher Maske. Genau dies sei im Alltag der Pandemie zunehmend zu sehen. „Wir beobachten im Moment, dass Kinder im ambulanten und stationären Bereich für eine Diagnostik oder Therapie deutlich längere Wartezeiten hinnehmen müssen“, so der Kinderarzt. Dadurch werde in einigen Fällen eine deutlich intensivere oder auch längere Behandlung notwendig.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) äußerte kritisch zu der Debatte über die Triage in den Psychiatrien. „Ich finde auch, wir sollten mit diesem Begriff insgesamt in dieser Diskussion etwas vorsichtiger sein“, sagte Spahn am Freitag in Berlin. „Dass es Wartezeiten gibt, das war schon ein Problem vor dieser Pandemie, das ist jetzt auch nochmal verstärkt.“ Zugleich stimmte der Minister zu, dass die Belastungen für Kinder und damit auch das Risiko psychiatrischer Erkrankungen zugenommen habe. Deswegen sei es wichtig in dieser Phase der Pandemie, dass man „auch schnellstmöglich wieder so viel Normalität“ herstelle, „wie es geht“. Spahn knüpfte diese Aussage an die Entwicklung der Inzidenzzahlen und die Impffortschritte.

Die Kinder- und Jugendmediziner drangen auf eine schnelle Öffnung der Schulen und Kitas, auch unabhängig von einer Impfung der Kinder und Jugendlichen. „Es wird Zeit, den Kindern und Jugendlichen ihre Rechte auf Bildung zurückzugeben und so auch die sekundären Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche zu reduzieren“, sagte BVKJ-Sprecher Maske.

Parallel dazu zeigt eine neue Studie der DAK-Gesundheit, dass Kinder und Jugendliche erheblich unter der Corona-Pandemie leiden. Wie aus dem neuen „Präventionsradar 2021“ hervorgeht, ist mehr als die Hälfte aller Mädchen und Jungen im vergangenen Jahr unglücklicher geworden. Die Lebenszufriedenheit sei im Schnitt aller befragten Kinder um rund 20 Prozent im Vergleich zu der Situation vor der Corona-Krise gesunken. 23 Prozent würden Symptome depressiver Störungen wie Traurigkeit, geringes Selbstwertgefühl, Interessensverlust und sozialen Rückzug zeigen, im Vorjahr waren es lediglich 18 Prozent. Zugleich fühle sich jedes dritte Kind in der Schule nicht ausreichend vor dem Corona-Virus geschützt. 56 Prozent hielten die Corona-Regeln dort dagegen für angemessen.

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