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Corona Delta-Variante: Die vierte Welle verliert ihren Schrecken

Delta-Variante auf dem Vormarsch : Die vierte Corona-Welle verliert ihren Schrecken

Die Sieben-Tage-Inzidenzen in Deutschland sind derzeit äußerst niedrig. Das wird aber nicht so bleiben. Wie wir trotzdem einen weiteren Corona-Lockdown verhindern können.

Der warme Sommer ist der natürliche Feind des Coronavirus. Die Folge: Die Zahl der wöchentlichen Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern erreicht wie im Juli vor einem Jahr neue Tiefstände. Die Daten zeigen einen fast identischen Verlauf in der heißen Jahreszeit. Nach Berechnungen des Forscherteams um den Saarbrücker Pharmakologen und Simulationsrechner Thorsten Lehr senkt allein der Sommer die Ansteckungshäufigkeit um 20 Prozent. Die Erfolge an der Impffront und das vorsichtige Verhalten der Bevölkerung haben die Verbreitung des Virus Sars-Cov-2 fast gestoppt.

Spielverderber ist allerdings die Variante B.1.617.2, besser bekannt als Delta-Variante, die ihren Ursprung im September 2020 in Indien nahm. Sie ist je nach Berechnung zwischen 40 und 80 Prozent ansteckender als die Alpha-Variante, die als britische Mutante die Auslöserin der dritten Welle war. Schon jetzt dürfte sie nach Berechnungen des Pharmazie-Professors Lehr nach Großbritannien und Portugal auch in Deutschland mit rund 75 Prozent der vorherrschende Virustyp sein. Der Reproduktionswert R, der angibt, wie viele Menschen durch Infizierte angesteckt werden, liegt bereits bei eins. Das heißt, 100 Menschen mit dem Coronavirus stecken derzeit 100 weitere an. Damit dürfte die Zahl der Neuinfektionen nicht weiter sinken.Und schon in ein paar Tagen dürfte der R-Wert über eins liegen, was der Startpunkt einer neuen Welle sein könnte.

Der Sommer dürfte gleichwohl noch unbeschwert sein. Denn selbst wenn die Infektionen um 100 Prozent steigen sollten, dürfte es einige Zeit dauern, bis die Inzidenz auch nur Werte von 35 und mehr erreicht. Danach könnte es allerdings schneller gehen. Bei einer Steigerung um 150 Prozent liegt die Zahl der wöchentlichen Neuinfektionen nach einer Simulation des Covid-19-Rechners der Universität Saarbrücken bereits Ende September zwischen 50 und 180 – je nach Verhalten der Bevölkerung. Schon jetzt ist klar, dass die vierte Welle also spätestens im Herbst kommt, das lässt sich trotz des gegenwärtigen Impftempos kaum verhindern.

Doch dann hören die Gemeinsamkeiten zwischen den früheren Wellen mit ihren gefährlichen Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des deutschen Gesundheitssystems auch schon auf. „Die vierte Welle lässt sich nicht mit der zweiten und dritten vergleichen“, sagt auch der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. Denn die Infektionen würden nicht wie in der Vergangenheit automatisch zu mehr Krankenhausaufenthalten führen. Der Grund: Jetzt trifft die Infektion vor allem Jüngere, die nicht so anfällig für eine schwere Erkrankung sind. Laut Schmidt-Chanasit wird es erst dann gefährlich, wenn die Inzidenz über 1000 liegen, wie er dem Deutschlandfunk sagte. Erst dann würden sich die Intensivstationen auch mit Covid-Kranken füllen, die unter 50 Jahre alt sind. Vorsicht ist also weiterhin geboten.

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Immerhin helfen vollständige Impfungen mit den in Deutschland zugelassenen Impfstoffen. Nach Berechnungen mehrerer britischer Institute senken die Mittel von Astrazeneca, Biontech und Moderna das Risiko einer schweren Erkrankung um 85 bis 90 Prozent, eines tödlichen Verlaufs sogar um bis zu 96 Prozent. Eine höhere Inzidenz ist damit nicht automatisch ein Warnsignal, der Wert verliert seine überragende Bedeutung in der Pandemiebekämpfung. Die britische Regierung will jedenfalls an dem geplanten Wegfall fast aller Beschränkungen am 19. Juli festhalten. Auch die Maskenpflicht soll fallen. Dabei liegt die Inzidenz in Großbritannien bereits wieder über 200.

Auch in Deutschland denkt derzeit trotz der Delta-Variante niemand über schärfere Regeln wegen einer möglichen vierten Welle nach. Nach dem Saarbrücker Covid-Modell ist selbst bei Inzidenzen von 80 und mehr lediglich mit 6600 Krankenhauseinlieferungen zu rechnen. Die Zahl der Menschen auf den Intensivstationen dürfte dann bei 2000 liegen, weit weniger als Anfang Januar, als fast 6000 Patienten notbehandelt werden mussten und die Krankenhäuser in einzelnen Regionen an die Grenze ihrer Belastbarkeit kamen.

Doch es dürfte nicht ganz einfach ein, neue Warnstufen zu finden, die das Infektionsgeschehen und die daraus folgenden Gefahren adäquat abbilden. Die alte Regelung mit der Bundesnotbremse bei einer Inzidenz von 100 ist als Modell nicht mehr tauglich. Darin stimmen viele Corona-Experten überein. Doch welche neuen Indikatoren dann zu wählen sind, darüber streiten die Wissenschaftler. „Eine spezielle Fragestellung wird sein, wie viele der infizierten Kinder und Jugendlichen einen schweren Verlauf oder langfristige Folgen erleiden werden“, meint etwa der Corona-Experte Jan Fuhrmann, der zusammen mit anderen Simulationsrechnungen für das Forschungszentrum Jülich anstellt. Immerhin, so der Wissenschaftler, stehe die Delta-Variante im Verdacht, auch bei jüngeren Betroffenen häufiger eine schwere Krankheit auszulösen.

Trotzdem dürften die möglichen Einlieferungen ins Krankenhaus und die Wahrscheinlichkeiten von schweren Verläufen zusätzlich als Kriterium für Kontaktbeschränkungen herangezogen werden. Freilich sind auch da globale Kennzahlen nicht immer aussagekräftig. „Besonders bei Intensivbettenbelegungen ist zu beachten, dass diese sich nur bedingt als Grundlage für Maßnahmen in einzelnen Städten oder Kreisen eignen, weil die Wohn- und Ansteckungsorte oft nicht mit dem Ort der Intensivstation übereinstimmen“, meint Fuhrmann. Die besonders in Anspruch genommenen Unikliniken haben oft ein Einzugsgebiet, das mehrere Kreise umfasst. Das könnte zu Überforderungen der örtlichen Einrichtungen führen oder umgekehrt ein übertrieben kritisches Bild des Infektionsgeschehens am betroffenen Klinikstandort zeichnen. Wenn etwa Menschen aus ganz anderen Regionen eingeliefert werden.

 Am Ende wird wohl trotz aller Kritik die Inzidenz weiter eine wichtige Größe, wenn auch nicht die alleinige Größe bleiben. Allerdings kann es sich die Politik angesichts der Impffortschritte erlauben, bei Inzidenzen großzügiger zu sein.