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Corona - Das Land gedenkt der Opfer der Pandemie

Nationaler Gedenkakt in Berlin : Die Mahnung der Corona-Toten

Fast 80.000 Tote hat die Corona-Pandemie in Deutschland bereits gefordert. Ihrer soll nun öffentlich bei einer zentralen Veranstaltung am Sonntag im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin gedacht werden. Ist das sinnvoll?

Ein nationaler Gedenkakt für die Toten der Corona-Krise in Deutschland – ist das tatsächlich das Gebot der Stunde? Stecken wir nicht mitten drin in einer Pandemie, welche die Nachrichtenlage ohnehin komplett dominiert wie kaum ein zweites Ereignis in der Nachkriegsgeschichte? Die uns jeden Tag quasi im Stundentakt vor Augen führt, welche Gefahren, welches Leid, wieviel Tod die Seuche mit sich bringt? Die uns zugleich zahllose berührende Beispiele von Solidarität, aufopferungsvoller Fürsorge und tief empfundener Anteilnahme am Verlust von Angehörigen vor Augen führt? Solche Fragen werden sich nicht wenige im Land mit Blick auf die von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier initiierte zentrale Veranstaltung am Sonntag im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin stellen.

Die Antworten darauf lauten: Ja, dieser Akt des öffentlichen Gedenkens mag helfen, den Schmerz derer zu lindern, die um fast 80.000 Menschen trauern, die keine Chance gegen das Virus hatten. Die ihre Lieben im engsten Kreis begraben mussten, weil die Hygienemaßnahmen einen angemesseneren Abschied nicht zuließen. Denen deshalb ein verständnisvoller Blick, ein gutes Wort, eine tröstende Umarmung fehlte, die etwas von der Last auf der Seele zu nehmen vermögen. Ja, dieser Akt mag zugleich helfen, den Focus von der nüchternen Statistik mit ihren Zahlen über Neuinfektionen, Inzidenzen und Sterbefällen auf die Schicksale dahinter zu lenken. Aber: Mit diesem Akt allein kann es nicht getan sein.

Keine Gesellschaft kommt ohne eine Kultur der kollektiven Erinnerung aus. Nicht nur die passive Erinnerung, sondern auch das aktive Gedenken sind für das soziale Zusammenleben von zentraler Bedeutung. Erinnern bedeutet im besten Fall Erkenntnis, die der Standortbestimmung ebenso dient wie der Neuausrichtung. Kollektives Gedenken stiftet Identität. Dies gilt nicht nur für Zeitgenossen, sondern auch für Nachgeborene. Kollektive Erinnerung kann dazu beitragen, nationale Traumata aus der Vergangenheit zu überwinden. Gerade die Deutschen haben es durch eine Kultur der kollektiven Erinnerung geschafft, eine Identitätswende herbeizuführen. Sie distanzierten sich von den Verbrechen der eigenen Geschichte, fanden zurück zu zivilgesellschaftlichen Werten und übernahmen in besonderem Maße Verantwortung dafür, dass sich Furchtbares nicht wiederholen soll.

Darin liegt die eigentliche Chance nationalen Gedenkens: Die Lehren aus der Vergangenheit nicht zu vergessen. Für den Moment hilft ein solcher Akt am Sonntag für die bisherigen Opfer der Pandemie vielleicht, ein paar der Gräben überwinden, die in der Gesellschaft seit Beginn der Krise tiefer geworden sind. Ein kurzes Innehalten, ein Zeichen des Respekts sind wichtig, denn sie machen die Größe der Herausforderung noch einmal deutlich. Im Übrigen kann es nicht schaden, mit ein wenig Dankbarkeit das Glück zu begreifen, selbst bisher mehr oder weniger körperlich unbeschadet aus der Krise hervorgegangen zu sein. In Zukunft aber - und eine Zukunft ist dem Tag des Gedenkens an die Corona-Toten durchaus zu wünschen – sollte dieser Akt mit der Mahnung verbunden sein, dass das Risiko einer Pandemie nie wieder unterschätzt werden darf. Die Welt vor Corona war gewarnt, dass ein solcher Fall eintreten könnte. Doch auch dieses Land hat sich darauf nicht angemessen vorbereitet - und dafür teuer bezahlt.