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Clemens Tönnies: Corona-Ausbruch in Fleischkonzern | Rheda-Wiedenbrück

7000 Menschen im Kreis Gütersloh in Quarantäne : Corona-Ausbruch im Schlachthof

Der größte Fleischereibetrieb Deutschlands in Rheda-Wiedenbrück steht still. Rund 650 Mitarbeiter haben sich infiziert. Die Firma Tönnies vermutet, dass sie das Virus vom Heimaturlaub mitgebracht haben könnten.

Der Anspruch sei eine gesunde und genussvolle Ernährung, nachhaltige Tierhaltung sowie eine verantwortungsvolle Produktion, heißt es direkt ganz groß auf der Internetstartseite der Tönnies Unternehmensgruppe, die ihren Hauptsitz im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück hat. Allein an diesem Standort, dem größten Schlachtbetrieb in Deutschland, sollen täglich bis zu 30.000 Schweine geschlachtet werden.

Wegen des Corona-Ausbruchs in der Belegschaft ist der Schlachtbetrieb am Mittwochmittag gestoppt worden; weitere Bereiche werden nach und nach heruntergefahren, teilte das Unternehmen mit. Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) hatte die Schließung angeordnet. Ab neun Uhr durften keine neuen Schweine mehr angenommen werden; 20 Prozent der deutschen Schweineverarbeitung stehen damit still. Wie lange der Produktionsbereich geschlossen bleibt, entscheiden die Behörden.

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Laut Landrat Adenauer wurden 1050 Tests gemacht, von denen bis zum Mittwochabend ein Großteil ausgewertet war. Laut Kreissprecher waren bisher 657 Befunde positiv, 326 fielen negativ aus. Noch am Dienstag hatte das Unternehmen von 128 positiv auf das Virus getesteten Mitarbeitern gesprochen und Maßnahmen zugesagt, um die Ausbreitung einzudämmen. Firmenchef Clemens Tönnies betonte, dass Gesundheit und Schutz seiner Mitarbeiter an oberster Stelle stehen würden. „Daher haben wir gemeinsam mit dem Kreis Gütersloh und Landrat Sven-Georg Adenauer heute den vorübergehenden und schnellen Sofort-Stillstand unserer Schlachtung in Rheda beschlossen.“

Wegen der hohen Anzahl an Infektionen hat der Kreis Gütersloh rund 7000 Menschen unter Quarantäne gestellt. Betroffen sind alle Personen, die auf dem Werksgelände gearbeitet haben. Sie werden nun nach und nach auf eine Infektion mit dem Coronavirus getestet. Schulen und Kitas im Kreis werden bis zu den Sommerferien geschlossen.

Für die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kommt der Ausbruch nicht überraschend. „Um solche Mengen an Fleisch täglich verarbeiten zu können, müssen die Arbeiter ganz dicht nebeneinander arbeiten. Sie tragen auch keine wirklich guten Gesichtsmasken. Das sind vielmehr bessere Spuckschützer“, sagte NGG-Sprecherin Karin Vladimirov unserer Redaktion. Bei den Mitarbeitern würde es sich häufig nur um angelernte Kräfte und keine ausgebildeten Schlachter handeln. „Viele kommen aus dem Ausland und sprechen kein Deutsch. Das ist auch ein Problem, weil ihnen die besonderen Hygienevorschriften schwer zu vermitteln sind“, sagt die Sprecherin. Die „beschämenden und menschenverachtenden Zustände“ in der deutschen Fleischindustrie müssten jetzt und auf Dauer reguliert werden. „Vielleicht verändert die Coronakrise ja endlich etwas zum Besseren“, sagt Vladimirov.

Bei Tönnies schließt man nicht aus, dass Mitarbeiter das Coronavirus aus dem Heimaturlaub mitgebracht und somit den Ausbruch mitverursacht haben könnten. Viele der häufig aus Rumänien und Bulgarien stammenden Beschäftigten hätten die langen Wochenenden für einen Heimaturlaub genutzt, erklärte Gereon Schulze Althoff, Leiter des Pandemiestabs bei Tönnies. „Wenn ein oder zwei oder auch fünf eine Infektion mitbringen und die dann zum falschen Moment am falschen Platz sind und diese Infektion verbreiten, kann das dazu führen, dass man damit einen Herd ausgebildet hat“ so Schulze Althoff. Allerdings sei es noch zu früh für eine abschließende Bewertung. Die Reiserückkehrer seien allenfalls einer von mehreren Faktoren, die zu dem Ausbruch mit nun über 650 Neuinfizierten und damit der Schließung des Schlachtbetriebs geführt hätten. Außerdem zeige sich, dass gerade die gekühlten Räume die Verbreitung begünstigt haben könnten.

Auch die Unterkünfte, in denen die Kräfte des Schlachtbetriebs untergebracht werden, seien problematisch, sagt NGG-Sprecherin Vladimirov. Das bestätigt auch Chefarzt Thomas Voshaar vom Bethanien-Krankenhaus in Moers. „In solchen Unterkünften schlafen meist mehrere Personen in einem Zimmer. Die Aerosole, die für die Infizierung maßgeblich verantwortlich sind, können sich in so einem Raum ungehindert verbreiten“, so der renommierte Lungenmediziner, der auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in der Pandemie berät.

Im Mai waren infolge eines Ausbruchs in einer Fleischfabrik im Kreis Coesfeld bei Tönnies bereits großangelegte Reihentests durchgeführt worden. Dabei waren zunächst aber nur wenige Fälle festgestellt worden. Nach Unternehmensangaben war allerdings bei späteren Tests ein Infektionsherd festgestellt worden. Obwohl alle Kontaktpersonen vorsorglich in Quarantäne geschickt worden seien, habe es weitere Infektionen im Schweinefleisch-Zerlegebetrieb gegeben. Mitarbeiter anderer Produktionsstätten der Tönnies Gruppe sind in den vergangenen Wochen bereits getestet worden. Dabei soll es keine Auffälligkeiten gegeben haben. Allerdings gibt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten zu bedenken: „In der Branche arbeiten die meisten für Subunternehmen, die ihre Kräfte nach bedarf an die Schlachthöfe vermitteln. Das heißt, dass Mitarbeiter häufig in wechselnden Betrieben arbeiten“, sagt Sprecherin Vladimirov.

(mit Material der dpa)