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BA.5-Variante bei 80 Prozent​: Mallorca feiert sich durch neue Corona-Welle​

BA.5-Variante schon bei 80 Prozent : Mallorca feiert sich durch neue Corona-Welle

Die Zahl der Corona-Fälle steigt auf den Balearen rasant, vier von fünf Neuinfektionen gehen auf die Variante BA.5 zurück. Touristen feiern unterdessen ungebremst und ohne Schutz- oder Hygienemaßnahmen.

„Wir haben Grund zum Feiern“, heißt eines der beliebtesten Trinklieder, das in diesen Tagen aus den Lautsprechern der einschlägigen Sauflokale in Mallorcas Partyviertel an der Playa de Palma tönt. Ein anderer populärer Mitsing-Song dieser Saison an Mallorcas bekanntester Vergnügungsmeile trägt den Titel: „Hüpfen bis die Insel wackelt.“

Sauftourismus auf Mallorca: „Schlimmer als vor Corona“

Das „Ballermann“-Viertel südöstlich der Inselhauptstadt Palma vibriert fast noch mehr als vor Beginn der Pandemie. Die Lust zum Feiern nach der Aufhebung fast aller Corona-Beschränkungen ist groß. Zum Leidwesen vieler Anwohner und Geschäftsleute, die seit Jahren gegen den exzessiven Sauftourismus vor ihrer Haustür kämpfen. Sie beklagen nun: „Es ist schlimmer als vor der Pandemie.“

Auch in Palmas historischer Altstadt scheint Corona bei Urlaubern und Bewohnern vergessen zu sein. Durch die Gassen rund um die mittelalterliche Kathedrale schieben sich dicht an dicht die Menschen. Genauso wie Strände und Meerespromenaden, jetzt zu Beginn der Sommersaison, schon voller Touristen sind. Mallorca erwartet eine Rekordsaison.

Kaum einer trägt noch Maske, die nur in öffentlichen Verkehrsmitteln und in Gesundheitseinrichtungen Pflicht ist. Praktisch keine Schutzmaßnahmen mehr, ungebremste Party- und Urlaubslaune, große Menschenmassen – ideale Bedingungen für die hochansteckende Corona-Variante BA.5, die sich derzeit auf Mallorca und in anderen spanischen Ferienhochburgen rasant ausbreitet.

Inzwischen ist diese Omikron-Mutation der dominierende Virustyp auf Mallorca und den anderen balearischen Inseln Ibiza, Menorca und Formentera. Annähernd 80 Prozent aller Infektionen werden bereits durch BA.5 verursacht, bestätigt Antonio Oliver, Chefvirologe des Hospitals Son Espases, dem größten Krankenhaus Mallorcas. Auf dem spanischen Festland und auf den im Atlantik liegenden Kanaren dürfte es nicht anders aussehen.

Nach der Statistik des Mediziners Oliver ist es die siebte Corona-Welle, die durch das Land rollt. Allerdings ist es eine Welle, die weniger sichtbar ist, als dies bei früheren Infektionsschüben der Fall war. Vor allem aus zwei Gründen. Durch die Impfungen ist die Zahl der schweren Erkrankungen geringer. Zudem haben Spaniens Behörden die engmaschige Pandemiekontrolle aufgegeben und zählen nicht mehr systematisch die Ansteckungen.

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In Spanien wurde zudem die Quarantänepflicht für Infizierte abgeschafft. Was für Urlauber bedeutet, sie müssen nicht wie in den letzten zwei Jahren befürchten, in Quarantäne-Hotels eingesperrt zu werden. Auch eine Meldepflicht beim spanischen Gesundheitsamt gibt es nicht mehr.

Es ist inzwischen jedem Infizierten selbst überlassen, ob er sich absondert oder nicht. Und ob er der Bitte der Behörden folgt, doch wenigstens beim Verlassen der eigenen vier Wände eine Maske aufzuziehen. Es darf bezweifelt werden, dass sich hartgesottene „Ballermann“-Fans von solchen frommen Wünschen davon abhalten lassen, mit einer Corona-Infektion durch das Partyviertel zu ziehen.

Zwar wird in Spanien noch eine Sieben-Tage-Inzidenz veröffentlicht, doch diese erfasst nur noch Personen über 60, die sich mit Symptomen in den Gesundheitszentren oder Hospitälern melden. Das dürfte nur eine Minderheit sein, da lange Wartezeiten in den chronisch überlasteten Behandlungseinrichtungen von einem Besuch abschrecken – vor allem, wenn man nur leichte Symptome hat.

Doch auch die ziemlich unvollständige Fallstatistik signalisiert, dass Corona wieder massiv unterwegs ist: Diese Sieben-Tage-Inzidenz kletterte auf Mallorca auf über 700 Fälle pro 100.000 Einwohner. Ähnlich hoch ist dieser Inzidenzwert auf den Kanarischen Inseln oder in der Hauptstadtregion Madrid. Allerdings schätzt der Epidemiologe Oliver, dass die wirkliche Zahl der Neuinfektionen sehr viel höher ist.

Um sich ein Bild der realen Lage zu verschaffen, schauen die Virologen zum Beispiel lieber auf die Zahl der Corona-Toten, die besorgniserregend steigt. Landesweit wurden in den letzten sieben Tagen 350 Todesopfer registriert – 50 pro Tag.

Auch liegen immer mehr Menschen mit Covid-19 in Spaniens Krankenhäusern. Inzwischen sind es schon knapp 10.000 Personen, was örtlich schon wieder zu Engpässen führt, auch wenn im nationalen Schnitt nur acht Prozent der Betten mit Covid-19-Kranken belegt sind.

Den steigenden Druck bekommen vor allem die Notaufnahmen der Hospitäler zu spüren, welche die erste Anlaufstelle für Menschen mit schwereren Covid-19-Symptomen sind. Dieser Tage schickte ein Krankenpfleger aus Mallorcas Krankenhaus Son Espases einen Hilferuf durch die sozialen Netzwerke: „Wir sind total überfüllt. Jeden Tag wird es schlimmer. Gerade haben wir 61 Patienten in der Notaufnahme. Die Hälfte müssen wir erst mal auf Pritschen in den Fluren unterbringen.“