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Astrazeneca-Impfung NRW: Hausarzt will Patienten vorerst nicht mit Astrazeneca impfen

Hausarzt aus NRW : „Ohne neue Erkenntnisse werde ich meine Patienten nicht mit Astrazeneca impfen“

Der niedergelassene Hausarzt Dr. Heiner Ehling aus Gescher sieht nicht ein, wieso Astrazeneca nach Beratung an unter 60-Jährige in Arztpraxen verimpft werden soll, während Impfzentren von dieser Bürde befreit wurden. Ein Gastbeitrag.

Als niedergelassener Hausarzt habe ich wegen des Pandemie-Managements und der aktuellen Impf-Politik inzwischen einen dicken Hals, der gar nicht wieder dünn werden will. Um das vorab klarzustellen: Ich bin grundsätzlich ein Anhänger und Verfechter von Impfungen. Ich habe kein Problem damit, meine Patienten zu impfen – einschließlich entsprechender Aufklärung, in Ruhe und auch außerhalb der Sprechstundenzeiten, wenn die Situation es erfordert. Seitdem bekannt wurde, dass auch wir Hausärzte irgendwann in die Impfstrategie zur Bekämpfung der Corona-Pandemie eingebunden werden sollen, haben wir uns organisatorisch auf die Situation vorbereitet. Wir kennen unsere Patientinnen und Patienten, wir haben ein Konzept, wir wissen welche Personen in welcher Priorisierung geimpft werden sollen und wie die Impfaktion zusätzlich zur alltäglichen Praxistätigkeit umgesetzt werden kann.

Am Donnerstag habe ich erfahren, dass ich am kommenden Dienstag 30 Dosen des Biontech-Impfstoffs für die ganze Woche zur Verfügung habe. Also habe ich umgehend die Patientenauswahl vorbereitet. Wie viel Impfstoff ich in den darauffolgenden Wochen zugeteilt bekomme: neues Spiel, neues Glück. Mittelfristige Planung: Fehlanzeige. Das hat zur Folge, dass wir unsere Patienten nur kurzfristig und unter Vorbehalt zur Impfung einladen können. Alles nicht befriedigend, aber die Impf- und Test-Strategien, so oft angekündigt, fehlen ja auch noch!

Aber noch etwas anderes hat mich jetzt auf die Palme gejagt: Nachdem wir niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte zunächst vom Impfprogramm ausgeschlossen wurden, haben wir jetzt einige wenige Impfdosen in unzureichender Menge zugeteilt bekommen. Und dann erfuhr ich, dass wir Hausärzte jetzt unseren Kopf hinhalten sollen, wo andere den ihren aus der Schlinge ziehen. Zwar soll der Astrazeneca-Impfstoff nach aktuellen Meldungen nicht mehr an die Personengruppe der unter 60-Jährigen verimpft werden. Lehrer, Erzieher sowie Polizisten der Priorisierungsgruppen eins und zwei sollen jedoch, ungeachtet ihres Alters, weiter mit diesem Vakzin geimpft werden – nach intensiver Aufklärung und nicht in den Impfzentren, sondern beim Hausarzt.

Was führt zu dieser plötzlichen und unerwarteten Wertschätzung unserer Fachgruppe? Sind die Mitglieder der oben genannten Berufsgruppen weniger anfällig für Nebenwirkungen? Oder kann in den Impfzentren schlicht keine Aufklärung erfolgen? Fehlt die Zeit dafür?

Bis vor Kurzem waren die Impfzentren das „Non plus ultra“. Doch jetzt, wo die Situation unübersichtlich bis brenzlig wird, werden die Impfzentren aus der Verantwortung entlassen und diese stattdessen den Hausärzten aufgebürdet. Das können wir jetzt neben unserer übrigen Tätigkeit auch noch übernehmen – inklusive der Verantwortung, eine Bevölkerungsgruppe mit einem Impfstoff zu impfen, den diese wegen eines Nebenwirkungs-Risikos gar nicht erhalten soll.

Wenn weiter mit dem Astrazeneca-Impfstoff geimpft werden soll, dann bitte auch in den bislang immer bevorzugten Impfzentren. Diese Gemengelage rund um den Impfstoff von Astrazeneca bedeutet für mich, dass ich – solange keine neuen Erkenntnisse vorliegen – meine Patientinnen und Patienten nicht mit diesem Impfstoff impfen werde! Andere mögen für sich anders entscheiden. Ich wehre mich energisch gegen dieses Verhalten der verantwortlichen Politiker gegenüber uns Hausärzten und niedergelassenen Ärzten allgemein. Und damit stehe ich nicht allein. Lediglich unsere Einstellung zum Beruf (wie auch bei den Krankenhausärzten sowie Pflegern) und die langjährige Verbundenheit mit unseren Patienten hält uns bislang noch davon ab, unserem Unmut stärkeren Ausdruck zu verleihen.

Protokolliert von Carsten Pfarr.