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Arzt aus Mönchengladbach: „Ich denke darüber nach, das Impfen einzustellen“

Arzt aus Mönchengladbach : „Ich denke darüber nach, das Impfen einzustellen“

Der Mönchengladbacher Kinderarzt Ralph Köllges hat in seiner Praxis bis Ende des Jahres schon 1000 Impftermine vergeben. Die Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, statt Biontech vorzugsweise Moderna auszuliefern, empfindet er als Schlag ins Gesicht. Ein Gastbeitrag.

„Ich bin sauer, mächtig sauer. Ohne Not beschränkt der leider noch geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Auslieferung des Biontech-Impfstoffes an die Praxen. Der Grund dafür ist nicht etwa Impfstoffmangel, sondern die ministerielle Erkenntnis, dass der eingelagerte Impfstoff von Moderna im 1. Quartal 2022 verfällt. Es ist mehr als erstaunlich, dass einem Fachminister dies so plötzlich auffällt, mitten in der Booster-Kampagne der am Limit arbeitenden Praxen. Ein Umstand, der erneut an einer fachkompetenten Besetzung des Bundesgesundheitsministeriums zweifeln lässt.

 Die Corona- Inzidenz steigt täglich. Die Anzahl der Booster-Impfungen hinkt den Erwartungen hinterher. Die Intensivstationen stehen vor dem drohenden Kollaps. Und in dieser Situation hat der Minister nichts anderes zu tun, als durch eine Bestellbegrenzung allen engagierten Praxen das Leben noch schwerer zu machen. Es ist ungeheuerlich, und seine Sätze, dass er wisse, dass er damit den Praxen weitere Arbeit zumute und es ihm leid täte, klingen in meinen Ohren höhnisch.

 Seit Anfang der Impfkampagne hat sich meine Praxis, wie viele andere auch, dank eines hochengagierten Teams in den Dienst der Impfkampagne gestellt und unzählige Erwachsene geimpft. Dies geschah und geschieht zumeist in der Freizeit, die mein Team in der Infekt-Welle dringend zur Erholung gebraucht hätte. Bis Ende des Jahres haben wir aktuell mehr als 1000 Impftermine in unzähligen Listen organisiert und bereits vergeben. Wir haben gesagt: Wir schaffen das. Die Impfungen sind der einzige Weg aus der Pandemie. Mit der Entscheidung des Ministers können jetzt die bereits mit hohem Aufwand vereinbarten unzähligen Booster-Impftermine nicht mehr fachgerecht stattfinden, denn für zweimal mit Biontech geimpfte Menschen stünde den Praxen kein von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlener Impfstoff zur Verfügung.

 Auch wenn es das Ministerium erneut nicht wahrhaben will: Die Stiko legt die Impfempfehlungen fest und nicht Herr Spahn. Sie tut dies mit höchster Expertise durch Ihre ehrenamtlichen Mitglieder. Diese Stiko hat gerade am 18. November die geeigneten Booster-Sequenzen festgelegt. Nur in einer Notsituation bei nicht vorhandenem Impfstoff kann davon abgewichen werden. Meine Praxis wird davon nicht abweichen, da es keine Not gibt, sondern nur eine willkürliche Verknappung des Impfstoffes durch Jens Spahn.

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 Was bleibt, ist die Verunsicherung der Bevölkerung und die Diskussionen mit den Patientinnen und Patienten bezüglich des Impfstoffwechsels. Menschen, die feste Termine vereinbart haben und davon ausgehen, dass sie mit Biontech geimpft werden. Wir können im Vorfeld nicht alle anrufen. Wir müssten sie mit einem Impfstoffwechsel am Impftermin überraschen. Da ist zu befürchten, dass sich die Hälfte der Menschen auf der Stelle umdreht und gehen wird. Die wenigen Dosen Biontech benötigen wir für diejenigen, die unter 30 sind, da dies der einzige für dies Altersgruppe zugelassene Impfstoff ist. Diese Dosen werden aber noch nicht einmal reichen, allen Jugendlichen zeitnah ein Impfangebot zu machen.

 In diesem erneut angerichteten Chaos denke ich sehr intensiv über die Einstellung der Impfungen gegen Corona ab übernächster Woche in meiner Praxis nach. Ich kann meinem Team diesen zusätzlichen unnötigen Organisationsaufwand nicht zumuten. Aber ich möchte weiterhin möglichst viele Menschen vor Weihnachten impfen. Verhindern tut dies aber das Ministerium mit seinem Rundschreiben, das für mich den Schlag eines fachfremden Bankkaufmannes in das Gesicht aller Praxisteams, aller mündigen Patienten und ein weiterer Fall der Missachtung der wissenschaftlichen Fachkompetenz der Stiko darstellt.

 Man kann nur auf die schnelle Einsicht von Jens Spahn hoffen, damit er den unsinnigen Beschluss sehr zeitnah wieder zurückzieht, bevor noch mehr Schaden angerichtet wird. Man kann zudem nur hoffen, dass die Ministerpräsidenten massiv Druck ausüben und weiterhin die volle Menge Biontech für ihr Land in Berlin einfordern. Herr Minister, stehen sie uns nicht weiter im Weg mit unsinnigem Bürokratismus und lassen Sie uns Ärzte ungehindert unsere Arbeit zum Wohle unserer Patienten machen.“