1. Panorama
  2. Coronavirus

Aktion „Deutschland spricht“: „Wir haben eine Menge Gemeinsamkeiten“

Aktion „Deutschland spricht“ : „Wir haben eine Menge Gemeinsamkeiten“

Die Aktion „Deuschland spricht“ bringt Menschen zusammen, die auf den ersten Blick völlig unterschiedlicher Meinung sind. Andreas Maxbauer aus Düsseldorf und Marcel Fischer aus Kulmbach erlebten dabei eine Überraschung.

Die prägende Geste im Gespräch zwischen Andreas Maxbauer und Marcel Fischer ist das Nicken. „Es gab einen Grundkonsens“, sagt Marcel Fischer nach dem Gespräch. Und das, obwohl die beiden Männer auf den ersten Blick nicht häufig einer Meinung zu sein scheinen. Fischer findet, dass die Einschränkungen des öffentlichen Lebens wegen des Coronavirus nicht verhältnismäßig sind, Maxbauer schon. Maxbauer ist dagegen, dass jüngere und älterere Menschen in der Corona-Krise unterschiedlich stark eingeschränkt werden, Fischer dafür.

Maxbauer und Fischer sind Teilnehmer der Aktion „Deutschland spricht“, zu der die Rheinische Post gemeinsam mit der „Zeit“ und anderen Medien aufgerufen hatte. Die Idee dabei: Menschen zu einem Zweiergespräch zusammenzubringen, die völlig unterschiedliche Meinungen haben und sonst vielleicht nie miteinander in den Dialog träten. Um zu ermitteln, wo die Teilnehmer auf dem Meinungsspektrum in etwa anzusiedeln sind, mussten sie im Vorfeld sieben Fragen zur Corona-Krise beantworten. Maxbauer und Fischer haben alle Fragen jeweils gegenteilig beantwortet - sie liegen also auf den ersten Blick mit ihrer Meinung maximal weit auseinander und wurden gerade deshalb von einem Algorithmus als Gesprächspartner zusammengebracht. Doch ihr Treffen per Videoschalte am Sonntagnachmittag beweist: Das heißt nicht, dass aus einem Gespräch ein Streitgespräch werden muss.

Marcel Fischer ist 42 Jahre alt, er wohnt im fränkischen Kulmbach, arbeitet im Online-Marketing. Im Vorfeld erhoffte er sich vor allem „einen interessanten Gesprächspartner.“ Maxbauer, 60 Jahre, wohnt in Düsseldorf, ursprünglich kommt er aus Niedersachsen. Er arbeitet als Grafiker. Maxbauer war schon im vergangenen Jahr bei „Deutschland spricht“ dabei. Damals konnten sich er und sein Gesprächspartner noch in einer Kneipe treffen, wegen des Coronavirus reden Fischer und Maxbauer jetzt via Skype.

Und so sitzen sie sich virtuell gegenüber. Fischer trägt ein grau-rotes Poloshirt, Maxbauer ein gestreiftes Hemd. Sie sind per Du. Fischer sagt, er befürchte, dass der Gesellschaft der Austausch miteinander fehle, „dass wir immer sehr so ein Silo-Denken haben“. Das sehe er auch an der Diskussion über das Coronavirus. Man werde sehr schnell angegriffen und eine bestimmte Ecke gestellt, wenn man eine kritische Meinung äußere. Das habe sich schon in der Flüchtlingskrise 2015 gezeigt und das zeige sich auch jetzt wieder, sagt Fischer. „Da sehe ich die Gefahr, wenn wir der politischen Debatte zu sehr aus dem Weg gehen, dann wird Raum freigegeben für Rechtspopulisten und Verschwörungstheoretiker“, sagt Fischer. Diese umgäben sich dann mit Leuten aus der Mitte. „Damit laufen wir Gefahr, unsere Gesellschaft zu teilen“. Deswegen findet er die „Deutschland spricht“-Aktion „genial“. Weil sie auch mal Menschen mit kritischer Meinung zusammenbringe. Maxbauer stimmt ihm zu.

Risikogruppen isolieren?

Ein paar Abweichungen gibt es aber doch. Unterschiedlicher Meinung sind die beiden Männer etwa bei der Frage, ob für alle Bevölkerungsgruppen in der Corona-Krise dieselben Einschränkungen gelten sollen. Fischer findet, dass man darüber nachdenken sollte, Risikogruppen, also primär ältere Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen, zu isolieren. Maxbauer nicht, ihn erinnert diese Herangehensweise an Selektion. „Das hat in Deutschland gute Tradition, das haben wir vor 75 Jahren schon so gemacht“, hält der Grafiker seinem Gesprächspartner entgegen. Außerdem, meint er, seien die ältere Leuten nicht die wirkliche Risikogruppe, sondern die, die jetzt als systemrelevant gelten, „die Niedriglöhner“, die Verkäufer, die Frisöre. Das sei die gefährdete Gruppe. „Mit so etwas wie Selektion wäre ich vorsichtig“, sagt Maxbauer, „weil dann relativ schnell die Frage kommt: Wer ist denn hier eigentlich die Risikogruppe?“

Gefahr für die Demokratie?

Einig sind sich beide darin, dass die Corona-Krise eine Gefahr für die westliche Demokratie mit sich bringe. Das Risiko sei, dass China zum großen Profiteur werde, dass die westlichen Länder immer stärker von China abhängig würden, sagt Marcel Fischer. Die Gefahr sieht Maxbauer nicht so akut, „aber wir müssen das genau beobachten“.

Aber nicht nur deswegen sei die Situation aktuell gefährlich, sagt Fischer. Durch das Coronavirus könne totalitären Bestrebungen Vorschub geleistet werden. „Das ist eine Formel, die funktioniert immer gleich“, sagt er. Als erstes würden Justiz und Medien gleichgeschaltet, Angst werde verbreitet. „Da ist Corona natürlich ein dankbares Thema“. Da müsse die Politik, auch in demokratischen Staaten, sehr aufpassen. „Die Gefahr ist schon da, dass wir Instrumente auf den Tisch gelegt haben, die andere dann nutzen können“, sagt Fischer. In Polen und in Ungarn sehe man das schon. „Aktuell bin noch halbwegs beruhigt“, entgegnet Maxbauer. Aber die Gefahr sei da.

Als das Gespräch zu Ende ist, bilanziert auch Andreas Maxbauer, dass man oft grundsätzlich einer Meinung gewesen sei. Nur die konkrete Ausprägung der Meinung sei zum Teil unterschiedlich gewesen. „Wir haben eine Menge Gemeinsamkeiten“. Das zeigt sich auch, wenn sich das Gespräch von Corona wegbewegt. Fischer ist SPD-Mitglied, Maxbauer war das für lange Jahre, ist letztendlich ausgetreten. Und so sprechen sie auch mehr als zehn Minuten lang darüber, was die SPD tun könnte, um wieder Wähler zu gewinnen.

Als sich das Gesprächsende abzeichnet, reden Fischer und Maxbauer über Kulmbach und Brauereien in der fränkischen Stadt. „Du kannst da echt schön eine Woche in der gesamten Region zubringen“, sagt Fischer, „dann können wir uns auf ein Bierchen treffen. Maxbauer nickt. „Gerne.“