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Aachen/Baesweiler: Inzidenzwert von 299 - aber kein Lockdown

Landkreis bei Aachen : Baesweiler hat einen Inzidenzwert von 299 – aber keinen Lockdown

Im Berchtesgadener Land ist ein zweiwöchiger Lockdown in Kraft getreten. In Baesweiler in der Städteregion Aachen mit einem noch höheren Inzidenzwert von 299 gelten vergleichsweise milde Maßnahmen. Strengere Regeln dürften jedoch bald kommen.

299. Woher kommt er, der hohe Inzidenzwert in der Stadt Baesweiler? Im Vergleich zu den regelrecht explodierenden Werten in belgischen Ortschaften etwa ist diese Zahl zwar vergleichsweise niedrig. In Relation zu den städteregionalen Kommunen aber herausragend. Und höher als im Landkreis Berchtesgadener Land, wo am Dienstagmittag ein zweiwöchiger Lockdown in Kraft getreten ist.

Die Menschen dort dürfen ihre Wohnungen nur noch aus triftigem Grund verlassen – Arbeit, Einkäufe, Sport im Freien, und das nur alleine oder mit Angehörigen des eigenen Hausstands. Einzelhandel und Dienstleistungsbetriebe bleiben geöffnet, Restaurants, Veranstaltungs- und Freizeitstätten geschlossen. Bayern zieht die Daumenschrauben an, schränkt Kontakte ein, wo Kontakte Infizierter nicht mehr nachvollzogen werden können. Und wie sieht das in Baesweiler aus?

Weitere Einschränkungen im Blick

„Inzidenzahlen sind ja immer auf 100.000 Einwohner hochgerechnet“, sagt Ordnungsamtsleiter Pierre Froesch – „ohne beschönigen zu wollen“, denn der Handlungsbedarf sei zweifelsfrei groß. 75 aktiv Infizierte waren am Dienstag in Baesweiler registriert, in Amtshilfe für die Städteregion Aachen kontrolliert das örtliche Ordnungsamt die entsprechenden Quarantäneauflagen. „Und zwar regelmäßig“, sagt Froesch. „Denn für Stichproben alleine ist die Lage zu ernst.“

Wären aus seiner Sicht denn generell noch striktere Maßnahmen vonnöten, um das Virus wieder einzudämmen, Stichwort Berchtesgaden? Froesch jedenfalls geht davon aus, dass es weitere Einschränkungen geben werde. Wie alle angehörigen Kommunen stehe man in engem Kontakt zur Städteregion, der Ebene, auf der über die nötigen Verfügungen beraten werde.

„Jeder Erkrankte bereitet uns Sorgen“, sagt Froesch. Durchgängig sei in Baesweiler relativ viel kontrolliert, die Intensität jetzt noch weiter verstärkt worden. In drei Zweiergruppen ist das Ordnungsamt im Stadtgebiet bis in die Nacht unterwegs, um im Einzelhandel, bei Dienstleistern und in der Gastronomie sicherzugehen, dass die Auflagen eingehalten werden.

Auch der Außenbereich sei im Blick, aufgrund der kühlen Witterung aber seien hier keine größeren Ansammlungen mehr anzutreffen – wenigstens ein positiver Aspekt der kühleren Jahreszeit in Sachen Coronavirus.

„Wir haben auch weiterhin intensiv informiert“, sagt Froesch. Denn es darf kein Vertun geben über die Vorschriften, die es aus gutem Grunde dringend einzuhalten gilt. Dennoch mussten auch in den vergangenen Tagen diverse Bußgeldverfahren eingeleitet werden.

Ein Sperrzeitenverstoß ist am Wochenende dabei gewesen, im Übrigen handelt es sich hauptsächlich um Verstöße gegen das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes. Mit einem Bußgeld von 500 bis 1000 Euro kann ein Geschäftsinhaber oder Dienstleister belegt werden, wenn er sich nicht an die Hygieneauflagen hält. Immerhin 50 Euro kostet es, wenn ein Kunde die Maskenpflicht verletzt.

Was aber ist die mögliche Ursache der hohen Inzidenzzahl in Baesweiler? Laut Gesundheitsamt gebe es keine Hotspots in der Stadt, sagt Froesch. Vielmehr seien private Kontakte für das Infektionsgeschehen verantwortlich. An den Adressen könne man erkennen, dass es sich teilweise um größere Familien handelt. Doch auch – vielfach junge – Leute, die symptomlos erkrankt sind, sich sicher fühlen und daher unvorsichtig handeln, stellen ein Problem dar. Auf private Treffen aber könne man aufgrund der Unverletzlichkeit der Wohnung keinen Zugriff nehmen.

Verantwortlichkeit jedes Einzelnen

So betont Froesch auch, dass es in der momentanen Lage nicht mehr die Frage sein dürfe, was überhaupt noch zulässig sei oder welche unentdeckten Schlupflöcher es gebe, sondern dass allein zähle, was man tun könne, um Covid-19 zu bekämpfen. Die Rücksichtnahme müsse überwiegen, die Verantwortlichkeit jedes Einzelnen sei gefragt. „Im Frühjahr haben wir gezeigt, dass wir das können. Ich bin zuversichtlich, dass das auch wieder klappt.“

Der zweithöchste Inzidenzwert in der Städteregion wurde am Dienstag mit 153 für Alsdorf ausgewiesen. Der stellvertretende Leiter des dortigen Ordnungsamts, Frank Dohms, kann die Frage, ob in Alsdorf schärfere Kontrollen bevorstehen, ganz klar verneinen. „Wir können gar nicht mehr schärfer kontrollieren. Wir versuchen jetzt schon mit Mann und Maus, die Corona-Schutzverordnung durchzusetzen“, sagt er.

Die Belastung für die sieben Kollegen plus Azubis, die die Kontrollen zurzeit vollziehen, sei „sehr grenzwertig“, der ausgeübte Druck enorm. „Ich bin echt sauer, dass alles immer nur nach unten abgedrückt wird an die Kommunen“, ärgert sich Dohms.

Immerhin: Die Einführung der Sperrstunde ist in Alsdorf aus Sicht von Dohms „wunderbar gelaufen“. Neun Gaststätten und Restaurants mussten im Vorfeld der Sperrstunde darüber informiert werden, dass sie ab sofort um 0 Uhr den Zapfhahn hochzuklappen haben, hinzu kamen rund fünf Tankstellen und Kioske, die nur noch bis 23 Uhr Alkohol verkaufen durften.

Später wurde dann entsprechend kontrolliert, soweit problemlos. „Wir predigen: Ihr macht das nicht für uns, ihr macht das für euch“, sagt Dohms. Denn die Inhaber sind es ja, die von einem neuen Lockdown mit am stärksten betroffen wären.

Was Dohms ärgert, ist die geringe Halbwertzeit solcher Regelungen. Denn es ist absehbar, dass die Sperrstunde in der Städteregion bald schon ab 23 Uhr gilt, es fehlt noch die entsprechende Allgemeinverfügung. „Und für uns fängt das Spiel dann von vorne an“, sagt Dohms – denn die Gastronomen müssen auf ein Neues über die Situation informiert werden, wie sie sich dann darstellt.

Noch in Abstimmung

Die Sieben-Tage-Inzidenz von 100 noch nicht gerissen hat – neben Würselen – die Stadt Herzogenrath. Während sie in Würselen am Dienstag bei 98 lag, kam die Rodastadt mit 39 nachgewiesen Infizierten auf 84. Nichtsdestotrotz hat man den nächsten Schritt im Blick.

Noch sei die Städteregion mit dem Ministerium in Abstimmung über eine schärfere Allgemeinverfügung, sagt der Erste Beigeordnete Hubert Philippengracht. „Auch wir werden wohl demnächst die Quarantänefälle überprüfen müssen“, ergänzt er. Für Donnerstag sei eine Besprechung aller Ordnungsamtsleiter bei der Städteregion anberaumt.

Personell längst am Limit, müsse Rodas Ordnungsamt mit zusätzlichen Mitarbeitern verstärkt werden. Philippengracht: „Denn die Quarantänefälle in Herzogenrath dürfte die Zahl der 39 Infizierten deutlich überschreiten.“

Dieser Artikel erschien zuerst in der Aachener Zeitung.