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100.000 Corona-Tote: Wieso Zahlen in der Pandemie so wichtig sind

Corona-Pandemie : 100.000 Corona-Tote in Deutschland - eine Zahl mit Signalwirkung

Das Unfassbare der Coronavirus-Pandemie haben wir vor allem durch Zahlen begreifbar zu machen versucht. Die aber sind interpretierbar und mitunter trügerisch.

Welche Worte finden wir für diese Zahl?  In Deutschland sind nun 100.000  Corona-Tote zu beklagen. Werden wir etwas sagen wie „Grenze überschritten“ oder auch „Schallmauer durchbrochen“? Welche Worte werden wir jetzt in den Mund nehmen, um zu beziffern, was mit 100.000 Einzelfällen und Schicksalen nicht zu begreifen und nicht zu beschreiben ist?

Solche Fragen dokumentieren kein sprach-pragmatisches Problem; das wäre reiner Zynismus. Weil hinter jeder Zahl ein gestorbener Mensch steht und oftmals der Lebensabschied auf einer Intensivstation ohne Angehörige an der Seite. Die Fragen spiegeln vielmehr unser Bemühen wider, wie wir mit dieser Ziffer umgehen und leben, die als runde Zahl eine monströse Wucht, ein solches Erschrecken entwickeln kann.

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Merkzahlen sind natürlich immer auch trügerisch, weil die grundsätzliche Gefahr und Bedrohung mit 95.000 Corona-Toten ja nicht bedeutend geringer gewesen ist und mit 105.000 Toten auch nicht bedeutend größer sein wird. Dennoch hat die Zahl eine beträchtliche Signalwirkung, zumal Zahlen in der Pandemie grundsätzlich eine zentrale Rolle spielen. Und das von Beginn an, also hierzulande spätestens seit dem 9. März 2020 mit dem Corona-Tod der ersten beiden Deutschen. Seitdem begleiten uns Zahlen zu Werten, die uns noch zu Beginn des vergangenen Jahres gänzlich unbekannt waren. Seit langem agieren wir mit großer Selbstverständlichkeit mit R- und Inzidenzwerten, mit Impfquoten sowie der 7-Tage-Inzidenz der Hospitalisierung. Tag für Tag begleiten uns Pandemie-Zahlen wie Wasserstandsmeldungen.

Zahlen spielen gerade in aufgeklärten Gesellschaften eine große Bedeutung, in der Corona-Pandemie sind sie fast zu einer Art Fetisch geworden. Wir vergleichen Impfquoten und Mortalitätsraten, die Zahlen von Toten und  Infizierten unseres Landes mit den vorliegenden Werten anderer Länder, wir schauen auf unsere Stadt mit Blick auf andere Städte, auf unser Viertel im Vergleich zu anderen Vierteln. Das ist eine Folge von Zahlen: Wer sie besitzt, zieht Vergleiche. Und das ganz automatisch.

Mit Vergleichen bewerten und quantifizieren wir. Wir stellen uns quasi einem Wettbewerb – in diesem Fall um die niedrigsten Zahlen, beim Impfen wiederum und bei den Genesenen um die höchsten. Wir scheinen mit dem Datenmaterial plötzlich alle Experten geworden zu sein, die zu noch größeren und dementsprechend berühmt gewordenen Experten aufschauen; zu einem Christian Drosten beispielsweise, der das Virus wie kein Zweiter zu deuten weiß; zu einer Viola Priesemann, die wie keine Andere mit ihrer gestenreichen Choreografie Verlaufskurven leicht verständlich macht; und gelegentlich auch zu einer Politikerin wie Angela Merkel, die sich mit ihrem naturwissenschaftlichen Hintergrund nicht so leicht im Zahlendschungel verirrt.

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Es scheint, als würden wir einem Datenrausch erliegen, der die Abhängigen auch unvorsichtig macht. Vom Datenschutz jedenfalls ist nur wenig noch die Rede. Auch das hat in Zeiten der Pandemie seine Gründe. Zahlen versprechen Ordnung in eine Welt zu bringen, die aus den Fugen geraten ist. Schon nach den ersten beiden Wellen kam der Berliner Makrosoziologe Steffen Mau zu der Einsicht, dass wir uns von Zahlen stark beeindrucken und beeinflussen lassen. In unserer rationalisierten Gesellschaft seien Zahlen wie „Leitmarken, weil sie Neutralität und Objektivität versprechen“. Kurzum: Es gibt eine Gläubigkeit an Zahlen, die stärker ist als nur eine Meinung oder Einschätzung.

Selbstverständlich haben wir auch das inzwischen begriffen: Dass Zahlen, so kühl ihr Charisma nach den Worten Maus auch sein mag, nicht nur interpretierbar sind, sondern dass sie interpretiert werden müssen und je nach Interpreten zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können. Mal sind Inzidenzzahlen ausschlaggebend für die Bewertung der Lage, mal die Prozentzahl bei der Belegung von Intensivstationen. Ihre Vieldeutigkeit macht es übrigens auch möglich, dass sich selbst Impfgegner ihrer bedienen.

 Warum wir dennoch den Zahlen verfallen sind? Weil es noch nichts Besseres gibt, um die Pandemie begreifen und sie überhaupt beschreibbar machen zu können. Auch Zahlen können ein falsches Bild der Pandemie zeichnen. Auch die 100.000. Aber wer ihr begegnet und sie bedenkt, wird sie vielleicht als einen neuen, schrillen, schrecklichen Warnruf verstehen. Dann bekommen Zahlen auch wieder Gesichter. Dann stehen hinter Zahlen auch Schicksale. Einzelschicksale. Hinter jeder Zahl.