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Peking: Chinesen benutzen Tiere als Schmuckstücke

Peking : Chinesen benutzen Tiere als Schmuckstücke

Als "lebendige Schlüsselanhänger" werden Baby-Schildkröten und andere Tiere in China verkauft. Illegal ist das nicht, weil dort nur freilebende Tiere gesetzlich geschützt sind. Naturschützer protestieren seit Jahren – bislang vergeblich.

Marius Tünke vom Deutschen Tierschutzbund konnte und wollte nicht glauben, was er sah: Lebende Schildkröten, Fische und Salamander – in winzige Plastikbeutel verpackt und als Schlüsselanhänger oder Handy-Schmuck verkauft. "Ich habe Berichte darüber zunächst für Satire gehalten und die Fotos für Fälschungen, weil es so unfassbar schien, absolut abwegig."

Doch die Tierquälerei ist real. An chinesischen Bahnhöfen wechseln die "lebenden Schlüsselanhänger" für wenige Dollar den Besitzer. Die Straßenhändler versprechen, dass die Tiere in den meist nur etwa sieben Zentimeter langen Beuteln wochenlang überleben, weil das Wasser mit Nährstoffen versetzt sei.

Peter Höffken von der Tierschutzorganisation Peta ist sich jedoch sicher, dass die Tiere nicht länger als ein paar Tage überleben. "Und da sie so oder so qualvoll sterben, ist es ohnehin fragwürdig, ob es für die Tiere erstrebenswert ist, mehrere Wochen so dahinsiechen zu müssen." Zahlen zum Ausmaß des Handels mit dem Tier-Schmuck gibt es nicht, doch Tierschützer in aller Welt finden: Jeder Fall ist einer zu viel. Seit knapp zweieinhalb Jahren versuchen sie gegen die Quälerei vorzugehen, doch bislang erfolglos. Illegal ist der Verkauf der lebenden Tiere nämlich nicht, auch wenn sie ganz offensichtlich zu wenig Nahrung und Sauerstoff zur Verfügung haben – von Platz ganz abgesehen.

In Deutschland sind sowohl die Herstellung solcher Schlüsselanhänger als auch deren Import durch das Tierschutzgesetz verboten. In China hingegen gibt es kein allgemeines Tierschutzgesetz. Stefan Ziegler, Südostasien-Experte der Naturschutzorganisation WWF, sagt: "Bei gefährdeten Wildtieren hat sich in China ein Wandel vollzogen: Pandas zum Beispiel wurden bis vor 50 Jahren gejagt. Heute gehen die dortigen Staatsanwälte mindestens so streng gegen Wilderer vor wie bei uns. Beim Tierschutz im allgemeinen sind die Chinesen aber noch nicht so weit wie wir." Zwar gebe es vereinzelte weitere Verordnungen, ergänzt Höffken, aber die würden oft nicht konsequent durchgesetzt.

"Dass dieser unmoralische Umgang mit Tieren in China nicht verboten ist, vermittelt den Menschen immer wieder, dass es okay sei, Tiere so zu behandeln", kritisiert Peter Höffken. Das sei ein "fatales Signal von höchster Stelle".

Über die Motive der Kunden lässt sich nur spekulieren. "Schildkröten haben einen hohen mythologischen Wert für die Chinesen, sie stehen für Gesundheit und Langlebigkeit", sagt WWF-Experte Ziegler. "Das rechtfertigt oder entschuldigt aber nichts. Die Schlüsselanhänger haben nichts mit Kulturgütern zu tun, sie sind nur ein billiger Trend."

Tünke vermutet bei den Käufern "den Wunsch nach einem besonderen, exotischen Statussymbol, gepaart mit Gedankenlosigkeit". Entgegen einer weit verbreiteten Annahme empfänden etwa auch Fische sehr wohl Schmerzen. Tünkes Hoffnung ruht darauf, dass Tierschutz in China mit steigendem Wohlstand zunehmend als wichtiges Thema erkannt wird. Bis dahin hofft er, dass sich der Trend nicht weiter durchsetzt: "Gott sei Dank ist das noch kein Massenphänomen."

Die Tierschutzorganisation Animals Asia empfiehlt allen Empörten, an den chinesischen Botschafter zu schreiben. Mit weniger Aufwand kann man die Online-Petition "Stop living animals keychain / lucky charm in China" bei www.avaaz.org unterzeichnen. Sind eine Million digitale Unterschriften erreicht, sollen diese den Vereinten Nationen übergeben werden.

(RP)