Düsseldorf: Chantal: Neue Vorwürfe gegen das Jugendamt

Düsseldorf : Chantal: Neue Vorwürfe gegen das Jugendamt

Das Jugendamt Hamburg-Mitte gerät im Fall Chantal immer heftiger in die Kritik. Offenbar wusste die Behörde weit mehr über die Familie, als bisher bekannt war. Weil einer Lehrerin Chantals Stiefschwester Ashley (8) verwahrlost erschien, alarmierte sie seit April 2011 mehrfach das Jugendamt. Sie habe auf "erhebliche Verwahrlosung, Desinteresse und einen sehr groben, lieblosen Umgang" mit dem Kind hingewiesen. Ohne Wirkung. Das bestätigte der Schulbehörden-Sprecher Peter Albrecht der Zeitung "Die Welt".

Auch ein Sozialpädagoge, der nicht direkt mit der Familie befasst war, informierte im Juli 2011 die Behörde über die unzumutbaren Verhältnisse in Chantals Pflegefamilie. Dennoch blieb die Elfjährige dort – bis sie am 16. Januar 2012 an einer Überdosis der Ersatzdroge Methadon starb. Nach Informationen der "Welt" wurden in den aktuellen Blut- und Haarproben der Pflegeeltern nicht nur Methadon nachgewiesen, sondern auch Heroin.

Das von Markus Schreiber (SPD) geleitete Bezirksamt hatte Chantal 2008 zu den Pflegeeltern gegeben, obwohl diese drogensüchtig waren. Zudem gab es in der Wohnung, in der auch drei Hunde lebten, nur zwei Betten für vier Kinder. Man habe all das nicht gewusst, sagte Schreiber. Von der Drogensucht sei dem Jugendamt ebenso wenig bekannt gewesen, wie von der bereits verbüßten Haftstrafe des Vaters. "Dem Kind ging es gut, bis zuletzt", hatte Schreiber wenige Tage nach Chantals Tod gesagt. Die CDU hat derweil die Einleitung eines Disziplinarverfahrens und Schreibers Rücktritt gefordert. Dieser habe sich mit seinen Aussagen nach dem Tod von Chantal selbst schwer belastet. Statt zu seiner Verantwortung zu stehen, verstecke er sich hinter anderen, so die Begründung der Opposition.

Schreiber sagte zuvor in einem Interview der "Welt", er habe die Leiterin des zuständigen Jugendamtes, Pia Wolters, bereits 2009 nach dem Tod von Lara Mia, die ebenfalls in der Obhut des Jugendamts war, versetzen wollen, aber keine Stelle für sie gefunden. Nur deshalb sei sie im Amt geblieben. Die umstrittene Leiterin wurde am Mittwoch aus ihren Ämtern entlassen. Dass Schreiber nicht bereits 2009 reagiert hat, wird jetzt einer der schärfsten Kritikpunkte gegen ihn. Dies stelle ein Organisationsverschulden dar, das in diesem Fall auch strafrechtliche Folgen haben kann, heißt es bei der CDU.

(RP)
Mehr von RP ONLINE