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Bahn verlor Akten: Brühler Zugunglück: Signal reichte nicht

Bahn verlor Akten : Brühler Zugunglück: Signal reichte nicht

Köln (rpo). Entlastung für den Angeklagten Im Prozess um das Zugunglück von Brühl mit neun Toten: Sachverständige haben jetzt erstmals die Signale an der Unglücksstelle als falsch bewertet. Ein entscheidendes Tempo-40- Signal sei an der Baustelle im Brühler Bahnhof nicht korrekt eingesetzt gewesen.

Dies sagte ein 65-jähriger Physiker vor dem Kölner Landgericht. Ein 70 Jahre alter Bahnspezialist bemängelte, dass den Zügen in der Unglücksnacht lediglich mit diesem einen Signal eine Tempobeschränkung vorgeschrieben gewesen sei. Richter Heinz Kaiser sagte, dass diesen Einschätzungen zufolge das umstrittene Signal "praktisch ständig missbraucht" worden sei.

Am 6. Februar 2000 hatte ein Lokführer mit einer Geschwindigkeit von 122 Stundenkilometern den Nachtexpress Amsterdam-Basel im Bereich einer Baustelle zum Entgleisen gebracht. Ein einziges Signal hatte für eine Strecke von mehr als zwei Kilometern die Tempobegrenzung vorgeschrieben. Den Aussagen des Sachverständigen zufolge war ein Signal dieser Art lediglich als Ersatzsignal für Signalstörungen gedacht. In Brühl sei es wie in anderen Fällen falsch zum Befahren der Baustelle eingesetzt worden. Neun Menschen waren getötet und 149 verletzt worden. Der Lokführer hatte zu Prozessbeginn erklärt, ihm seien 120 Stundenkilometer erlaubt gewesen.

Die Bahn hat am Donnerstag außerdem das Fehlen entscheidender Unterlagen eingeräumt. Die Prüfungsakten des 29-Jährigen seien nicht mehr auffindbar, sagte ein Frankfurter Rechtsanwalt im Namen der Bahn. Im bisherigen Prozess war deutlich geworden, dass der Bahn das Fehlen zweier Prüfungen bereits bei der Einstellung des Lokführers entgangen war. Mehrfach hatten bereits zuvor Zeugen und Sachverständige vor Gericht die Qualifizierung des Angeklagten für das Fahren auf der IC-Strecke in Zweifel gezogen. Mit ihm sitzen drei weitere Bahnmitarbeiter auf der Anklagebank. Sie sollen im Wesentlichen für eine verwirrende Anleitung, die in der Lok vorlag, verantwortlich sein.

Vor Gericht wurden auch mögliche Absprachen zwischen Zeugen thematisiert. Der "Kölner Stadt-Anzeiger" hatte unter Berufung auf einen Bahnmitarbeiter berichtet, dass Zeugen ihre Aussagen abgesprochen und bereits vor dem Erscheinen bei Gericht geplant hätten, sich auf Erinnerungslücken zu berufen. Richter Kaiser kündigte an: "Wenn es tatsächlich Absprachen gegeben hat, gibt es Ärger."

(RPO Archiv)