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Bingen/Köln: Botschaften aus der Flasche

Bingen/Köln : Botschaften aus der Flasche

Der Kölner Künstler Joachim Römer fischt Flaschenpost aus dem Rhein. Mehr als 1400 Nachrichten hat er entdeckt, 1000 davon sind nun in einer Ausstellung in Bingen zu sehen.

Schnapsfläschchen, Marmeladengläser, Plastikflaschen - selbst einen hohlen Kürbis hat Joachim Römer schon aus dem Rhein gefischt. Alle Gefäße haben eines gemeinsam: In ihnen versteckt sich eine Nachricht. Meist handgeschrieben, manchmal auch gemalt. Manche sind nachdenklich verfasst, andere ganz fröhlich. Römer hat sie alle geöffnet und gelesen. Nun stellt er sie im rheinland-pfälzischen Bingen am Rhein aus. Im Museum am Strom zeigt der Kölner Künstler 1001 Stücke seiner Flaschenpost-Sammlung.

Seine erste Flaschenpost hat Römer 1997 am Rheinufer bei Köln gefunden - rein zufällig beim Sammeln von Plastik für Kunstinstallationen. Die schwimmende Nachricht hat ihn so sehr fasziniert, dass er inzwischen gezielt nach Post aus Flaschen sucht. Dafür schreitet und sucht der Geschichten-Fischer rund 100 Kilometer des Rheinufers zwischen Königswinter südlich von Köln und Düsseldorf im Norden ab. An manchen Tagen bis zu sieben Stunden. Der Inhalt einer schwimmenden Post sei immer eine Überraschung, auch wenn immer wieder traurige dabei seien.

"In diesem Kürbis habe ich drei Walnüsse, Rosenblätter und einen mit Tinte geschriebenen Brief gefunden", sagt Römer, während er auf eine hohle Schale eines getrockneten Kürbisses zeigt. "In dem Brief verabschieden sich wohl eine Mutter und ein Vater von ihrem totgeborenen Kind." Römer war sich zunächst unsicher, ob er solch persönliche Botschaften überhaupt ausstellen soll. Er entschied sich schließlich dafür. Die Namen hat Römer nicht veröffentlicht.

"Es kann helfen, sich einem Fluss oder dem Meer anzuvertrauen", sagt der Hamburger Diplom-Psychologe Michael Thiel. Das Erlebte werde so nicht verdrängt, sondern ausgedrückt. Er rät seinen Patienten durchaus, etwas niederzuschreiben - auch ohne es abzuschicken. "Es ersetzt aber nicht, mit einem Menschen zu reden", sagt Thiel.

Viele der gefundenen Botschaften haben wohl weniger ernste Hintergründe. In einer befinden sich Steine und ein Lego-Männchen, in einer anderen Plastikblumen. Einige Absender bitten den Finder, eine Postkarte mit dem Fundort zurückzuschicken. Andere sind ganz gefühlvoll. Von gebrochenen Herzen ist genauso zu lesen wie vom Schwur ewiger Liebe.

Rund 1400 Buddeln hat Römer bereits gesammelt. "Ungefähr die eine Hälfte besteht aus Glas, die andere aus Plastik", sagt der Künstler. Er schätzt, dass er vielleicht zehn Prozent der im Rhein schwimmenden Botschaften rausfischen kann. Alle anderen schwimmen weiter den Fluss hinunter in Richtung Meer, auf der Suche nach einem Empfänger. Ganz zum Unmut von Bernhard Bauske. Der Wissenschaftler von der Naturschutzorganisation WWF sieht das Verschicken von Nachrichten in Flaschen kritisch: "Ich würde keine Flaschenpost verschicken." Fünf bis zwölf Millionen Tonnen Plastik gelangten weltweit jedes Jahr ins Meer, klagt er. Tiere könnten sich in Plastikteilen verfangen oder diese fressen. "Es schwimmen schon genug Plastikflaschen in Flüssen und im Meer herum", sagt Bauske, "auch wenn Flaschenpost daran einen sehr geringen Anteil hat." Auch vom Verschicken von Glasflaschen rät der Umweltschützer ab. "Wenn die gegen einen Fels schwimmen, kann es Scherben geben, an denen sich Badegäste verletzen können."

Römer holt nicht nur Flaschen mit Botschaften aus dem Rhein, sondern wirft auch welche rein. "Kettenbriefe kopiere ich und schicke sie wieder auf die Reise", sagt er. Selbst eine Nachricht schreiben und wasserdicht verpacken würde er aber nie. Da ist er abergläubisch: "Dann finde ich keine mehr."

(dpa)