Autofahrer ignorieren Handy-Verbot

Autofahrer ignorieren Handy-Verbot

Die Zahl der Verstöße gegen das Handy-Verbot am Steuer ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Das geht aus dem gestern veröffentlichten Jahresbericht des Kraftfahrt-Bundesamtes hervor. Das Gros der Verkehrssünder missachtet jedoch das Tempolimit.

Flensburg Die Menschen in NRW telefonieren offensichtlich besonders gerne – leider auch am Steuer. Statistisch gesehen liegt NRW im Jahr 2011 mit 11,1 geahndeten Fällen pro 1000 Einwohner an der Spitze, gefolgt von Bayern mit 7,5 Verstößen und Hamburg mit 7,0 Fällen. Die wenigsten Strafzettel wegen Handynutzung am Steuer wurden in Sachsen-Anhalt verteilt (1,9 Fälle). Das geht aus dem gestern vorgestellten Jahresbericht des Kraftfahrt-Bundesamtes hervor. Generell scheint das Handyverbot Autofahrer nicht sehr zu interessieren. Die Zahl der Verstöße ist kontinuierlich und rasant gestiegen – von 288 000 im Jahr 2005 auf 450 000 in 2011. "Wir stellen fest, dass das Klima im Straßenverkehr immer rauer wird", sagt Susanna Heusgen, Sprecherin der Polizei Düsseldorf. "Dazu gehört die vorsätzliche Missachtung von Verboten wie der Handynutzung."

Für ADAC-Rechtsexperte Jost Kärger ist der Anstieg wohl auch darauf zurückzuführen, dass viele Fahrer nicht wissen, dass "man das Handy nicht einmal in die Hand nehmen darf, sondern immer eine Halterung braucht". Während der Fahrt gilt ein totales Handyverbot – der Fahrer darf weder seine Mails abrufen, sich per Telefon-Navi leiten lassen oder gar eine SMS schreiben. Nach geltender Rechtsprechung muss der Fahrer die Straße im Blick behalten.

Dass ein Handyverbot am Steuer Sinn macht, steht für Kärger außer Frage. Eine Studie des Schwedischen Straßen- und Verkehrsforschungsinstituts kam zu einem anderen Ergebnis. Demnach helfe ein derartiges Verbot nicht, weil sich niemand daran halte und sich kein nachweisbarer Einfluss auf das Unfallrisiko ergebe. Der ADAC-Experte hat dafür nur ein Kopfschütteln übrig. "Untersuchungen hierzulande haben ergeben, dass die Ablenkung durch das Telefonieren enorm ist", sagt Kärger. Die Düsseldorfer Polizistin Heusgen bestätigt das. Wer am Steuer telefoniere, fahre unkontrolliert und unfallträchtig. Höhere Geldstrafen wie bei einigen europäischen Nachbarn seien aber nicht unbedingt eine Lösung. In den Niederlanden kostet Telefonieren im Auto 220 Euro, in Spanien geht es bei 200 Euro los. Norwegen veranschlagt 165 Euro, Italien 150 Euro, Frankreich 135 Euro, Portugal 120 Euro. Heusgen: "Strafen sind das eine. Besser wäre es, wenn sich das Verkehrsverhalten der Menschen verändern würde."

Insbesondere männliche Autofahrer (2011: 327 000) setzen sich über das seit 2004 geltende Handyverbot am Steuer hinweg. Dabei ignoriert die Gruppe der 35- bis 44-Jährigen die Regelung und riskiert damit 40 Euro Bußgeld und einen Punkt im Flensburger Verkehrszentralregister. Bei den Frauen liegt die Zahl der Verstöße zwar niedriger, hat sich seit 2005 aber verdoppelt (von 61 000 auf 123 000 Fälle).

Insgesamt verzeichnet die Verkehrssünder-Kartei in Flensburg stetigen Zuwachs. Laut Kraftfahrtbundesamt sind dort mittlerweile rund 47 Millionen Punkte verzeichnet. Zudem wurde im vergangenen Jahr erstmals die Zahl von neun Millionen Verkehrssündern überschritten. Die Männer stellen weiterhin das Gros. Etwa sieben Millionen sind in Flensburg erfasst, das bedeutet einen Anteil von 77,5 Prozent. Bei den Verkehrsdelikten dominieren die Geschwindigkeitsverstöße deutlich. 57,1 Prozent aller Eintragungen beruhen darauf. Danach folgen Alkoholfahrten und Vorfahrts-Vergehen. Während Männer sich öfter mit Alkohol ans Steuer setzen, missachten Frauen im Vergleich häufiger die Vorfahrt.

Außerdem fahren seit Jahren mehr Menschen unangeschnallt Auto. Die Zahl der Fälle verdoppelte sich seit 2007 nahezu auf 5800. "Das finde ich schon richtig dramatisch", sagt Ekhard Zinke, Präsident des Kraftfahrt-Bundesamts. Ein nicht angelegter Sicherheitsgurt sei eine der vier Hauptursachen für 75 Prozent aller tödlichen Unfälle neben Tempo-Überschreitungen, Alkohol am Steuer und dem Fahren bei Rot. Die Mehrheit der Verkehrssünder – rund fünf Millionen – hat allerdings nur bis zu drei Punkte auf dem Flensburger Konto. Etwa 500 000 Menschen haben acht und mehr Punkte, davon aber nur zehn Prozent Frauen.

Die geplante Neuregelung des Punktesystems befürwortet Zinke, weil sie zu "deutlich größerer Transparenz führen wird". Zudem sei das angedachte neue System gerechter. "Das bestehende System ist durchaus reformbedürftig", sagte Zinke. Er geht davon aus, dass die Umstellung nach Abschluss des parlamentarischen Verfahrens ab Sommer 2013 greifen kann.

Internet Was bei der Handy-Nutzung im Auto erlaubt ist: www.rp-online.de/auto

(RP)
Mehr von RP ONLINE