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„Your Own Backyard“: Kristin Smart verschwand vor 25 Jahren - US-Podcast führt zu Festnahmen

Podcast „Your Own Backyard“ : Kristin Smart verschwand vor 25 Jahren - US-Podcast führt zu Festnahmen

Die Ungewissheit über das Schicksal einer 1996 verschwundenen Studentin lässt einen Musiker in Kalifornien nicht los. Er produziert einen Podcast über den Fall – mit überraschendem Ergebnis.

Chris Lambert würde gerne wieder wie früher Musik machen. Aber er kann nicht von einer Aufgabe lassen, die ihn seit fast 25 Jahren verfolgt: die Aufklärung eines Verbrechens aus dem Jahr 1996. Über das damalige Verschwinden der jungen Studentin Kristin Smart produzierte der kalifornische Singer-Songwriter und Toningenieur vor drei Jahren einen Podcast. Das stellte sein Leben auf den Kopf.

„Länger als ein paar Tage kann ich nicht damit aufhören“, sagt Lambert. „Es zieht mich sofort wieder hinein, weil ich die Dinge lösen will.“ Der Aufgabenwechsel war ein ungewöhnlicher Schritt für den bärtigen Musiker, der sich selbst als schüchtern beschreibt. Und er führte zu Ergebnissen, mit denen der 33-Jährige nie gerechnet hätte: Am Dienstag gab die Polizei Festnahmen im Fall Smart bekannt und würdigte Lambert dafür, weltweite Aufmerksamkeit auf das Verbrechen gelenkt und wichtige Zeugen ermittelt zu haben.

Der langjährige Verdächtige Paul F. und Smart waren Kommilitonen im ersten Studienjahr an der California Polytechnic State University in San Luis Obispo. Nun wurde der inzwischen 44-jährige F. offiziell des Mordes an der 19-Jährigen beschuldigt, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Er soll versucht haben, sie in seinem Wohnheim-Zimmer zu vergewaltigen. Seinem 80-jährigen Vater Ruben F. wird Mittäterschaft vorgeworfen, weil er seinem Sohn geholfen haben soll, die Leiche zu verstecken. Diese wurde nie gefunden. Ruben F.s Anwalt erklärte seinen Mandanten für unschuldig, der Vertreter von dessen Sohn äußerte sich bislang nicht zu den Vorwürfen.

Lambert wurde durch die Festnahmen ins Rampenlicht katapultiert. Seine achtteilige Serie mit dem Titel „Your Own Backyard“ („Dein eigener Hinterhof“) wurde bis Donnerstag 7,5 Millionen Mal heruntergeladen und erreichte damit Platz zwei der Podcast-Charts bei iTunes. Auf seinem Handy gingen massenhaft Nachrichten von Fans, Hinweisgebern und Journalisten ein. Er ist dankbar für die Aufmerksamkeit, die ihn aber gleichzeitig überwältigt, wie er sagt.

Seine Produktion ist die jüngste in einer Reihe von Podcasts über wahre Verbrechen, die in den USA eine Rolle bei einer Festnahme, einer Berufung oder sogar einer Entlastung spielten. Einer, „Up and Vanished“, führte dazu, dass ein Mann den Mord an einer Schönheitskönigin aus dem US-Staat Georgia gestand, ein anderer, „Serial“, trug dazu bei, dass ein neues Verfahren gegen einen verurteilten Mörder in Maryland angeordnet wurde. Höhere Instanzen kippten die Entscheidung dazu aber.

Lambert war erst acht Jahre alt, als Smart nicht weit von seinem Heimatort Orcutt, 225 Kilometer nordwestlich von Los Angeles, verschwand. Der Fall und die Ungewissheit machten ihm Angst. Mehr als 20 Jahre lang stand eine Plakatwand mit einem Foto von Smart in der Stadt Arroyo Grande, wo Paul F. aufwuchs. Für Hinweise wurde eine Belohnung in Höhe von 75 000 Dollar (heute knapp 63 000 Euro) ausgesetzt. Lambert fuhr häufig an dem Plakat vorbei, das ihn schließlich dazu brachte, selbst zu recherchieren.

„Ich dachte, ich versuche es mal und schaue, ob ich ein paar Leute zum Reden bringen kann“, sagt er. „Ich musste nur meine Schüchternheit überwinden und diese Leute aus heiterem Himmel anrufen und ihnen sehr persönliche Fragen stellen.“ Lambert kaufte sich ein Aufnahmegerät und fing an zu telefonieren. Er machte Zeugen ausfindig, die übersehen worden waren oder sich geweigert hatten, mit der Polizei zu sprechen. Die Gesprächspartner öffneten sich ihm und er ermutigte sie, sich mit wichtigen Informationen an die Ermittler zu wenden.

Unter anderen sprach Lambert mit einem ehemaligen Kollegen von Paul F.s Mutter Susan, der sich an den Tag nach Smarts Verschwinden erinnerte. Susan F. habe erzählt, dass sie schlecht geschlafen habe, weil ihr Mann in der Nacht angerufen worden und mit dem Auto weggefahren sei. „Es war schon die ganze Zeit spekuliert worden, dass Paul seinen Vater mitten in der Nacht angerufen hat und sein Vater gekommen ist und ihm bei der Beseitigung von Kristins Leiche geholfen hat“, sagt Lambert.

Die Hinweise einer ehemaligen Mieterin der Familie F. deuteten darauf hin, dass der Leichnam oder Smarts Habseligkeiten im Hinterhof von deren Haus vergraben worden sein könnten. Ein früherer australischer Austauschstudent berichtete über einen Streit zwischen Paul F. und Smart in der Nähe der Stelle, an der die 19-Jährige zuletzt gesehen worden war.

Lambert entwickelte während der Arbeit an dem Podcast ein enges Verhältnis zur Familie Smart. Diese dankte ihm nach den Festnahmen und lobte seine „selbstlose Hingabe“. Lambert schrieb auf Instagram: „Die meiste Zeit meines Lebens ist Kristin Smart ein Gesicht auf einer Plakatwand gewesen. Ich habe über Kristin die Tochter, Kristin die große Schwester, Kristin die Freundin, die Nachbarin, die Mitbewohnerin erfahren. (...) Und ich habe gelernt, dass man einen Menschen vermissen kann, den man nie einmal kennengelernt hat.“

(lha/dpa)