Neues Gutachten: Wurde "Estonia" gesprengt?

Neues Gutachten: Wurde "Estonia" gesprengt?

Stockholm (RP). Auch fast zwölf Jahre nach dem Untergang der "Estonia" ist die Ursache nicht geklärt. Die unterschiedlichsten, teils abwegigen Theorien halten sich hartnäckig. Eine besagt, dass das Schiff gesprengt worden sein soll - und genau diese Theorie wird nun von einem neuen Gutachten gestützt.

Eine von der estnischen Regierung in Auftrag gegebene Untersuchung über die Ursachen der "Estonia"-Katastrophe schließt nicht aus, dass das Leck im Rumpf durch eine Explosion verursacht wurde. Dem estnischen Kabinett wurde bisher nur ein Teil des Reportes vorgelegt. Der Rest ist noch nicht fertig. Laut der schwedischen Nachrichtenagentur "tt" hielt der estnische Premierminister Andrus Ansip den zwölfseitigen Teilbericht drei Wochen unter Verschluss. Lediglich Justizminister Rein Lang hatte demnach Einblick in die Ergebnisse der Untersuchung, weil man verhindern wollte, dass sie an die Öffentlichkeit durchsickern.

Beim Untergang der Estonia-Fähre am 28. September 1994 ertranken 852 Menschen vor der finnischen Küste auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm. Nur 137 überlebten. Das Unglück gilt als die größte Schiffskatastrophe in Europa zu Friedenszeiten. Die Teilergebnisse der durch Experten der estnischen Regierung angefertigten Studie geben als abwegig eingestuften Konspirationstheorien neue Nahrung.

Einer der bekanntesten Konspirationstheoretiker, dem nun Recht gegeben wird, ist der schwedische Seesicherheitsexperte Anders Björkman, der stets behauptete, dass nicht das Abrechen des Bug- Visiers ausschlaggebend für die Katastrophe gewesen sein soll, sondern ein Leck auf der Steuerbordseite des Rumpfes, das durch eine Explosion entstanden sein könnte. Diese Möglichkeit schließen die Experten aus Tallin nun nicht mehr aus.

Während Schweden nach dem Unglück immer wieder die schlechten estischen Seesicherheitsvorkehrungen anprangerte, wirft die estnische Untersuchung nun erstmals ein kritisches Licht auf Schweden. Die Experten interviewten 80 Personen, darunter auch zahlreiche Schweden. Nun weisen sie im Bericht auf eine heimliche schwedische Tauchaktion hin, die, laut einem auf Video aufgezeichneten Interview, einige Tage nach dem Unglück durchgeführt worden sein soll und bei der schwedische Taucher ein vier Meter großes Loch auf der Steuerbordseite der gesunkenen Fähre entdeckt haben sollen. Ein Loch, das von seiner Größe her typisch für eine Explosion ist.

Die aktuelle Untersuchung ist die erste, welche Estland seit dem Unglück in völlig eigener Regie durchführt. "Die bisherigen Untersuchungen wurden zu Recht international scharf kritisiert. Es hat den Anschein, als ob die beteiligten Regierungen wichtige Dinge vertuschen wollen", sagt Johnny Gylling, Sprecher für Verkehrsfragen bei den schwedischen Christdemokraten, der im vergangen Jahr mit kritischen Mitgliedern anderer Reichstagsparteien eine neue parlamentarische Untersuchung durchsetzten wollte.

"Die Havariekommission hat bewusst wichtige Informationen verschwiegen", sagt auch Grünen-Sprecher Lars Angström. "Wir können nichts ausschließen, selbst ein Bombenattentat nicht, weil die Ursachen für den Sinkverlauf der Fähre nie aufklärt wurden." Andy Meister, der ehemalige estnische Vorsitzende der ersten Havariekommission, behauptet in einem Buch, dass man bewusst versucht habe, die Wahrheit über das Unglück zu verschleiern.

Im Februar des letzten Jahres berichtete die große russische Tageszeitung "Kosmolskaja Pravda", es sei völlig unstrittig, dass die "Estonia" gesprengt wurde. Die schwedische Presse hatte aufgedeckt, dass der Zweite Kapitän, Avo Piht, gerettet wurde und nach einem kurzen Aufenthalt im Krankenhaus zusammen mit zwölf weiteren geretteten Menschen spurlos verschwand. Ihre Namen wurden später von der Liste der Geretteten gestrichen.

Des Weiteren sollen Taucher im Steuerraum drei Tote gefunden haben, einen mit einer Schussverletzung. Für Aufsehen sorgte auch, als im vergangenen Jahr ein pensionierter hochrangiger schwedischer Zollbeamter bekannte, dass das schwedische Verteidigungsministerium regelmäßig militärische Ausrüstung auf der "Estonia" ins Land schmuggelte.

Hier geht es zur Bilderstrecke: 1994: Der Untergang der Estonia

(Rheinische Post)