Das Rätsel um Shelly Miscavige: Wo steckt die Frau des Scientology-Führers?

Das Rätsel um Shelly Miscavige: Wo steckt die Frau des Scientology-Führers?

Wo steckt Shelly Miscavige? Die Frau des Scientology-Führers David Miscavige ist seit Jahren von der Bildfläche verschwunden. Letztmals wurde sie 2005 in der Öffentlichkeit gesehen. Aussteiger vermuten sie in einem Straflager. Shelly Miscaviges ehemalige Assistentin bringt Licht ins Dunkel.

Scientology sieht sich als Religion, der Verfassungsschutz stuft sie als Sekte und weltweit agierenden Wirtschaftskonzern ein. Außenstehenden lässt der Führungszirkel von Scientology keine Einblicke zu. Verschwiegenheit ist Grundsatz. Doch ähnlich scheint es der Scientology-Chef David Miscavige auch mit der Verschwiegenheit nach innen zu handhaben.

Leah Remini wurde auch in Deutschland in der Serie "King of Queens" zum Star. Foto: AP

Verschwunden im Jahr 2005

Nicht jeder Scientologe soll und darf wissen, wie das Unternehmen funktioniert. Selbst vor unliebsamen, ranghohen Mitgliedern macht Miscavige nicht halt. Im Dienste der sogenannten Kirche. Das gilt offenbar auch für Ehefrauen. Seit 2005 ist seine Frau und Assistentin Michelle, kurz "Shelly", verschwunden.

Zumindest öffentlich weiß niemand, wo sie sich befindet — oder ob sie überhaupt noch lebt. Erst kürzlich ging eine prominente Scientology-Aussteigerin an die Öffentlichkeit. Leah Remini, Sitcom-Star der US-Serie "King of Queens", gab bei der Polizei von Los Angeles (LAPD) eine Vermisstenanzeige auf. Sie mache sich Sorgen um ihre langjährige Freundin.

Das LAPD erklärte Remini, sie habe die Suchaktion beendet und die Akte bereits geschlossen, da ihr der Aufenthaltsort der Ehefrau Miscaviges bekannt sei. Für Scientology war Reminis öffentliche Vermisstenanzeige ein Affront. In einer Pressemitteilung giftete die Organisation, die Schauspielerin habe sich "mit einer Handvoll unseriöser, verrückter Boulevardquellen zusammengetan, die die Kirche obsessiv belästigen, um ihre egoistischen Pläne voranzutreiben."

Blog bringt Licht ins Dunkel

Tatsächlich aber ranken sich viele Gerüchte um den Verbleib von Shelly Miscavige. Aussteiger vermuten sie in einem Scientology-Straflager, irgendwo in der Weite Kaliforniens. In ihrem Blog versucht Claire Headley Licht ins Dunkel zu bringen. Von 1998 bis 2005 arbeiteten die Frauen zusammen. Vier Jahre lang war Miscavige ihr Boss. Headley kennt das Innenleben von Scientology genau.

2005 schaffte Headley den Scientology-Ausstieg. 2006 erfuhr sie erstmals von dem Verschwinden. Für Headley sei es schockierend gewesen, davon zu erfahren. Schließlich traten Shelly und ihr Mann David stets zusammen auf. Sie war seine engste Vertraute.

Headley konstruierte die letzten Tage vor ihrem Verschwinden so: Immer wieder berichtet Headley von Wut- und Gewaltausbrüchen David Miscaviges. Die hätten sich auch gegen eigene Mitarbeiter und Shelly gerichtet. So auch im Juni 2005. Damals reisten David und Shelly samt Führungszirkel zum jährlichen "Maiden Voyage Event". Scientology sollte umstrukturiert werden — und Shelly wurde mit der Aufgabe betraut. Sie sollte den Umbau nun persönlich vorantreiben und alle Mitglieder informieren.

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Doch egal, was Shelly auch tat, schreibt Headley in ihrem Blog, es versetzte David Miscavige in Rage. Seine Frau wurde zum Verhör abtransportiert und musste schwere Arbeiten verrichten. Nach der Befragung folgte sie dem Blog zufolge ihrem Mann nach Los Angeles. Doch die Situation eskalierte nach Informationen Headleys, weil Shelly das Verhör verlassen hatte. "Dave war rasend", schreibt sie.

Verbannung nach Running Springs

Der Scientology-Chef schickte sie in die Verbannung nach Running Springs, östlich von Los Angeles. "Selbst die meisten Scientologen wissen nichts von diesem Ort. Nach meinen Informationen hält sich Shelly auch weiterhin dort auf." Doch, ob sie lebe, ob es ihr gut gehe, das sei schwer zu sagen.

"David Miscavige würden die Vorstellung bevorzugen, dass Shelly nicht mehr existiert. Und er hat alles daran gesetzt, sicher zu gehen, dass sie in Zukunft nicht mehr seinen Weg kreuzt." Doch Dank Reminis öffentlicher Vermisstenanzeige sei das Verschwinden wieder ins Bewusstsein vieler gerückt, schreibt Headley.

Sie freue sich sehr darüber. Ob sie sich jemals wieder aus den Fängen David Miscaviges befreien könne, bezweifelt Headley. "Mehrfach hat mir Shelly versichert: Einmal in der Führungsriege von Scientology angekommen, verzichtest du auf das Recht, zu entkommen. Ich bin davon überzeugt, dass sie auch fest an diesen Satz glaubte."

Gemeinde in Deutschland schrumpft

In Deutschland steht die vom amerikanischen Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard gegründete Gruppierung seit 1997 im Blickfeld des Verfassungsschutzes. Sie wird als gefährlich eingestuft, weil sie Grund- und Menschenrechte sowie die freiheitliche Grundordnung missachte.

Die Verfassungsschutzbehörden stufen Scientology als Wirtschaftskonzern ein, der nach Gewinnmaximierung strebt und zugleich ein weltweites Herrschaftssystem nach eigenen Vorstellungen errichten will.

Als Religionsgemeinschaft gilt Scientology in Deutschland nicht. Anfang Januar hatte das Magazin "Focus" unter Berufung auf einen Verfassungsschützer berichtet, dass die Zahl der Mitglieder bei Scientology weiter zurückgehe. Sie liege derzeit bei 4000. In Spitzenzeiten zählten die staatlichen Stellen etwa 6000 Scientologen, im Jahr 2011 noch 4500. Scientology selber spricht von 12.000 Mitgliedern.

(nbe)
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