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Ortsbesuch in Texas: Wo die meisten US-Todeskandidaten sterben

Ortsbesuch in Texas : Wo die meisten US-Todeskandidaten sterben

In Huntsville, einer schläfrigen Kleinstadt in Texas, werden mehr Menschen hingerichtet als irgendwo sonst in der westlichen Welt. Ein Ortsbesuch.

Dennis Longmire trägt drei Affen auf seinem T-Shirt, die symbolischen drei Affen, die sich Augen, Ohren und Mund zuhalten, nichts sehen, nichts hören, nichts sagen wollen. Auf stille, subtile Art protestiert der bärtige Mann, Professor für Strafjustiz an der Sam Houston University in Huntsville, gegen die Todesstrafe. Und gegen die Routine, die eine Hinrichtung begleitet, dagegen, dass die Bewohner seiner Wahlheimat gewöhnlich wegschauen, wenn ein Mensch hingerichtet wird.

Kaum einer steht an diesem Abend an der staubigen 12th Street, vor der backsteinroten Gefängnismauer. Der Parkplatz rechts von der Mauer ist für Gegner der Exekutionen reserviert, der links davon für die Befürworter. Der linke ist leer, offenbar halten es die Bürger der kleinen Stadt für unangemessen, einem Henker lautstark zu applaudieren.

Gouverneuer Rick Perry verweigert in der Regel die Begnadigung

Auf der rechten Seite verliert sich ein Häuflein von Demonstranten. Ein Poster ist gegen ein Geländer gelehnt: passbildgroß die Köpfe der Hingerichteten, wie ein Schatten darübergelegt das Konterfei Rick Perrys, des hartleibigen Gouverneurs des Staates Texas, der Gnade walten lassen könnte, es aber in aller Regel nicht tut.

Davor schreit Pat Hartwell ihren Protest in ein Megafon. Hartwell, eine Klempnerin, ist die zwei Stunden von Houston heraufgefahren, um für eine Initiative gegen die Todesstrafe Flagge zu zeigen, für das Texas Death Penalty Abolition Movement. Wie gebannt hatte sie aufs Display ihres Handys gestarrt, bis zwanzig Minuten vor sechs die Nachricht einging, die alles besiegelte. Einspruch abgewiesen, die Verteidigung scheitert vorm Obersten Gericht, der Verurteilte wird sterben.

Über 500 Mahnwachen

"Schämt euch, ihr Barbaren!", ruft Hartwell, während Longmire schweigend eine Kerze anzündet. Drei seiner Studenten hat der Jurist mitgenommen, sie sollen erleben, was für ein surreales Gefühl das ist. Hinter den Mauern wird gleich ein Mann zu Tode gespritzt, und draußen geht das Kleinstadtleben ganz normal weiter. Nach ein paar Minuten laufen vier Reporter im Gänsemarsch aufs Gefängnistor zu, vorneweg der korpulente Mike Graczyk, der seit fast 30 Jahren für die Nachrichtenagentur AP die Gift-Injektionen in Huntsville schildert. Eine halbe Stunde später taucht die Kolonne zum zweiten Mal auf, auf dem Rückweg zum kleinen Pressezentrum. "Da ist Mike", sagt Longmire. "Es ist vorbei."

Seit 1984 steht Longmire hier, kurz nachdem Texas nach einer vom Supreme Court verordneten Zwangspause wieder Menschen zu exekutieren begann. Anfangs sollte er aus nächster Nähe zuschauen im "Death House", die Gefängnisleitung hatte ihn eingeladen. "An der Tür hab' ich haltgemacht und bin umgekehrt", erzählt der Jurist. "Es war mir zu voyeuristisch."

"Wie am Fließband"

Danach beschloss Longmire, bei jeder Hinrichtung draußen Mahnwache zu halten, bisher über 500 Mal. Erstens, begründet er seine Ausdauer, sollen die Familien der Todgeweihten wissen, dass es Leute gibt, die mit ihnen fühlen. Zweitens sei es ein Symbol des Aufbegehrens gegen einen Akt der Ungerechtigkeit, wenn nämlich der Staat ohne Not ein Leben beende, statt den Delinquienten hinter Gittern leben zu lassen.

Neben einem Glas mit Marienbild, mit dem er seine Kerze gegen Windstöße schützt, hält Longmire ein Blatt mit den Daten des Todeskandidaten in den Händen. Im Juli: Vaughn Ross, Häftling Nr. 999429, 41 Jahre alt, schwarz. Im September: Robert Garza, Nr. 999466, 30 Jahre, hispanisch. Ross, ein Architekturstudent, soll einen 53-jährigen Bibliothekar seiner Uni und die 18-jährige Schwester seiner Freundin erschossen haben; man fand beide Leichen, mit Kugeln durchsiebt, im Auto des Mädchens. Sein Anwalt Don Vernay schimpft auf die schludrige Arbeit der Pflichtverteidiger, die den Eindruck erweckten, "als wollten sie mit dem Burschen nichts zu tun haben". Als Vernay den Fall in dritter Instanz übernahm, durfte er nichts Entlastendes mehr einreichen, er kam sich vor wie ein Störenfried, der einem Roboter in den Arm fallen wollte. "Hast du in Texas ein Kapitalverbrechen begangen, bist du tot, totes Fleisch. Wie am Fließband geht das hier."

Die Mauer ist einen Meter dick

"Es ist, wie es ist. Ich weiß, das ist hart für euch, aber wir müssen da durch." Brandon Scott hat Ross' letzte Worte, gerichtet an seine Angehörigen, exakt wiedergegeben in seinem Artikel fürs "Huntsville Item", das Lokalblatt der Stadt. Hinterher gibt er sich Mühe, ganz wie der kühle Profi zu klingen, der sachlich berichtet, ohne Emotionen zu zeigen. So recht gelingt es ihm nicht. "Eines geht dir nicht aus dem Kopf", sagt Scott, "wenn du reingehst, liegt da ein kerngesunder Mensch auf der Liege, und wenn du rausgehst, ist er tot. Damit wirst du nicht fertig, so sehr du dich auch bemühst."

Als 1848 der Bau des Gefängnisses begann, war Huntsville ein winziges Nest, eben erst gegründet auf einer Lichtung, die Siedler inmitten dichter Kiefernwälder gerodet hatten. Die wuchtige Backsteinmauer, fünf Meter hoch und einen Meter breit, gab der Haftanstalt ihren Namen. "The Walls". Rund 16 000 Insassen, halb so viele, wie die Stadt Einwohner hat, leben hinter den Mauern, 7500 Beschäftigte verdienen dort ihren Lebensunterhalt. Huntsville hat mehr Kirchen als Kneipen, mehr Waffenläden als Kinos. Tiefster südlicher Bibelgürtel. In dem schäbigen Supermarkt, vor dem die Greyhound-Busse abfahren, lösen entlassene Häftlinge Fünfzig-Dollar-Gutscheine gegen Snacks und Busfahrkarten ein.

Viele nehmen Cheeseburger als Henkersmahlzeit

An einem schütter mit Gras bewachsenen Hang die Gräber der Hingerichteten. Lange Reihen schmuckloser Steintafeln, von oben nach unten Nachname, Vorname, Häftlingsnummer und Todesdatum schwarz eingemeißelt. Benannt ist der Friedhof nach Captain Joe Byrd, einem Mann, der über Jahrzehnte den Hebel für den Strom umlegte. "Wird das je aufhören bei uns in Texas? Nun, ich würde nicht darauf wetten. Wenn du in Texas lebst und jemanden tötest, dann sagen wir dir vorher, wir nehmen dafür dein Leben."

Jim Willett, schlohweißes Haar, tiefe Ringe unter den Augen, sagt es mit sanfter Stimme, wie ein neutraler Beobachter. Dabei hat er selber 89 Exekutionen geleitet. Er hat die Häftlinge eingewiesen, wenn sie, am letzten Tag gegen Mittag, aus dem Todestrakt in West Livingston, eine Autostunde östlich von Huntsville, eintrafen. Er hat den Todeskandidaten letzte Mahlzeiten bestellt, meist waren es Cheeseburger und Fritten, und ihnen manchmal Zigaretten zugesteckt, obwohl das Rauchen verboten war.

Als ein Foto auftauchte, brach ein Sturm los

Dann hat er sie in einen Raum mit türkisfarbenen Wänden geführt, sie auf einer im Boden verankerten Liege anschnallen lassen, er hat zugesehen, wie die Ärzte Kanülen einstachen in Hals und Armbeugen, und schließlich das Kommando gegeben, das Gift fließen zu lassen. Drei Wirkstoffe, erst ein Betäubungsmittel, dann Pancuroniumbromid, das die Muskeln lähmt, schließlich Kaliumchlorid, das den Herzschlag stoppt.

Lisa Trow hat ein einziges Mal erlebt, wie die Wogen im verschlafenen Huntsville hochschlugen. In den 80er Jahren war das, ihre Zeitung hatte es gewagt, das Bild eines Hingerichteten zu drucken. "Die Leute sind fast durchgedreht", erinnert sich die Chefredakteurin des "Huntsville Item". "Ich will, dass er stirbt, aber niemand soll mich daran erinnern, dass es fünf Blöcke von meiner Haustür entfernt geschieht" - das sei die Attitüde der braven Bürger. Trow ist gegen die Todesstrafe, womit sie in Huntsville für eine Ein-Drittel-Minderheit steht.

(RP)