Analyse zur neuen Bevölkerungs-Prognose der UN: Wie viele Menschen trägt die Erde?

Analyse zur neuen Bevölkerungs-Prognose der UN : Wie viele Menschen trägt die Erde?

2050 werden 9,6 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Die neueste Prognose der Vereinten Nationen zeigt: Während der Anteil der Europäer kontinuierlich abnimmt, explodiert das Bevölkerungswachstum vor allem in Afrika.

Auf der Erde wird es noch enger als bisher befürchtet: Bis zum Jahr 2050 soll die Weltbevölkerung auf 9,6 Milliarden Menschen wachsen. Mit dieser neuen Zahl korrigieren die Vereinten Nationen ihre Hochrechnungen aus dem Jahr 2011 um rund 250 Millionen Menschen nach oben. In Berlin präsentierte die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung die UN-Studie. Danach könnten 2100 sogar 10,9 Milliarden Männer, Frauen und Kinder unseren Planeten bevölkern. Heute sind es 7,2 Milliarden Menschen.

Was ist der Grund für die Korrektur? Die höhere Zahl ergibt sich daraus, dass die Geburtenraten weniger stark sinken als noch vor zwei Jahren angenommen. Das heißt, dass in den vergangenen zwei Jahren mehr Kinder geboren wurden als von den Vereinten Nationen angenommen.

Worauf basieren die Hochrechnungen? Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass die durchschnittliche Geburtenrate in den Entwicklungsländern von heute 2,5 Kindern pro Frau auf zwei Kinder im Jahr 2100 sinken wird. Wenn die Geburtenrate nicht wie angenommen sinken sollte, könnten zum Ende des Jahrhunderts bereits 16,6 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Das Problem: "Freiwillige Familienplanung in Entwicklungsländern ist Mangelware", sagt Renate Bähr, Geschäftsführerin der Stiftung Weltbevölkerung. Jedes Jahr würden rund 80 Millionen Frauen in Entwicklungsländern ungewollt schwanger werden — "vor allem, weil sie nicht verhüten können", sagt Bähr. Die Kombination von Investitionen in die Bildung von Mädchen und der weiteren Verbreitung freiwilliger Familienplanungsprogramme könnte diese Länder nach Bährs Einschätzung aus dem Teufelskreis von Armut und großem Bevölkerungswachstum befreien.

Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat das Wachstum? Das rasante Weltbevölkerungswachstum führt in vielen Ländern der Erde zu einem Hungerrisiko. Nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) tötet der Hunger jährlich mehr Menschen als Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen. "Um die gesamte Weltbevölkerung 2050 ernähren zu können, müssten bis zu 50 Prozent mehr Nahrungsmittel produziert werden", sagt Ralf Südhoff, Sprecher des WFP in Deutschland.

Was passiert mit unseren Rohstoffen? Nicht nur beim Schuldenmachen und beim Energieverbrauch sind gefährliche rote Linien erreicht, auch bei Rohstoffen und vor allem beim Wasser lebt die wachsende Weltbevölkerung über die Verhältnisse ihres Planeten. Einem aktuellen UN-Bericht zufolge haben derzeit rund 40 Prozent der Weltbevölkerung nicht genug Wasser für ihre hygienischen Minimalbedürfnisse. Rund 900 Millionen Menschen hätten gar keinen Zugang zu sauberem Wasser.

Wo wächst die Erdbevölkerung am schnellsten? Je ärmer ein Land, desto schneller wächst dessen Bevölkerung. Das liegt vor allem an der mangelnden Verhütung in den Entwicklungsländern. Die Bevölkerung der 49 am wenigsten entwickelten Länder der Erde dürfte sich gemäß UN-Prognose von 898 Millionen Menschen auf 2,9 Milliarden Menschen mehr als verdreifachen. Demnach würden im Jahre 2100 fast drei von zehn Erdenbürgern (27 Prozent) in einem Entwicklungsland leben. Für Afrika erwarten die Experten eine regelrechte Bevölkerungsexplosion: Derzeit leben auf dem ärmsten aller Kontinente rund 1,1 Milliarden Menschen. Im Jahre 2100 könnten es gemäß UN-Prognose schon 4,2 Milliarden sein — beinahe das Vierfache. Allein Nigerias Bevölkerung soll im selben Zeitraum um 740 Millionen auf rund 914 Millionen Menschen wachsen.

Welche Auswirkungen hat die Bevölkerungsentwicklung auf den Klimawandel? Experten des Weltklimarats gehen davon aus, dass ein schnelleres Bevölkerungswachstum fast ausnahmslos mit höheren Treibhausgasemissionen verbunden ist. Während die Industrieländer für den größten Teil der Emissionen — und damit für den Klimawandel — verantwortlich sind, sind vor allem die Menschen in den ärmsten Ländern von seinen Folgen betroffen. Nach Einschätzung des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) wird das Risiko für die Menschen in Afrika besonders steigen, an den Folgen des Klimawandels zu sterben. "Vor allem den ärmsten Ländern der Welt fehlt es an Mitteln, um Auswirkungen wie Flutkatastrophen, Dürren und sinkende landwirtschaftliche Erträge zu bewältigen", heißt es in einer Studie des PIK. Schon heute gebe es erhebliche Wasserknappheit in Afrika.

Wo schrumpft die Bevölkerung am stärksten? Das derzeit bevölkerungsreichste Land der Erde, China, wird nach Einschätzung der Experten am stärksten schrumpfen. Die Ein-Kind-Politik dort wird sich offenbar bemerkbar machen. Die UN-Experten rechnen damit, dass die Zahl der Chinesen (derzeit rund 1,38 Milliarden) bis 2050 praktisch noch unverändert bleibt. Bis 2100 sollen dann aber 300 Millionen Menschen weniger in der Volksrepublik leben. Asien wird dennoch die bevölkerungsreichste Region der Erde bleiben. Indien wird China nach der Prognose im Jahr 2028 als Land mit den meisten Menschen ablösen.

Wie werden sich Deutschland und Europa entwickeln? Europa wird weiter schrumpfen. Dafür machen die Wissenschaftler vor allem die niedrige Kinderzahl pro Frau verantwortlich. Während heute noch etwa zehn Prozent (742 Millionen) der Weltbevölkerung in Europa leben, sollen es 2100 nur noch rund sechs Prozent sein (639 Millionen). Für Deutschland sagen die UN-Wissenschaftler im selben Zeitraum einen Rückgang von derzeit 80,2 auf 56,9 Millionen Einwohner vorher. Damit würde die Bundesrepublik in der Rangliste der bevölkerungsreichsten Länder vom 15. auf den 42. Rang fallen.

Wie entwickelt sich die Lebenserwartung der Menschen? Die neue UN-Prognose hat auch eine positive Botschaft: "Die Lebenserwartung der Menschen wird zunehmen", sagt Steffen Kröhnert vom Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Die Vereinten Nationen kalkulieren, dass die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen weltweit von heute 70 Jahren auf 82 Jahre im Jahr 2100 steigen wird. In den reichen Ländern könnten die Frauen und Männer im Durchschnitt sogar 89 Jahre alt werden — das sind elf Jahre mehr als heute.

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(RP/felt/jco)