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Studie über Sexismus in Brasilien: "Wer sich so anzieht, muss mit Vergewaltigung rechnen"

Studie über Sexismus in Brasilien : "Wer sich so anzieht, muss mit Vergewaltigung rechnen"

Eine Studie offenbart wenige Monate vor Beginn der Fußball-WM ein unbekanntes Bild der brasilianischen Gesellschaft. Ein Großteil der Bevölkerung glaubt, Frauen sind selbst daran schuld, wenn sie vergewaltigt werden. Im Netz regt sich wütender Protest.

Vor einem Jahr schockierte ein brutaler Vergewaltigungsfall die brasilianische Öffentlichkeit. Eine 21-jährige US-Studentin wurde zusammen mit ihrem Freund überfallen und stundenlang misshandelt. Drei Männer wechselten sich damit ab, die junge Frau zu quälen und zu vergewaltigten, währenddessen kurvten sie in einem Kleinbus durch Rio de Janeiro.

Der Fall erinnert fatal an die tödliche Gruppenvergewaltigung aus Indien, bei der ein Mädchen tödliche Verletzungen erlitt. Über den tief in der indischen Gesellschaft verankerten Sexismus und die Rechtlosigkeit von Frauen ist damals viel geschrieben und diskutiert worden.

Umfrage mit dratsischem Ergebnis

Nun zeigt sich: In Brasilien sind in den Köpfen durchaus ähnliche Einstellungen verbreitet. Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie (PDF) des brasilianischen "Institute for Applied Economic Research" IPEA. Zwischen Mai und Juni 2013 befragten die Wissenschaftler fast 4000 Männer und Frauen 18 und 50 Jahren und konfrontierten sie mit zwei drastischen Aussagen:

"Frauen, die körperbetonte Kleidung tragen, haben es verdient, angegriffen zu werden", heißt es da zunächst.

Und weiter: "Wenn Frauen sich zu benehmen wüssten, gäbe es weniger Vergewaltigungen".

Das überraschende Ergebnis: 58,5 Prozent stimmten der ersten Aussage zu. 65 Prozent der zweiten.

Die Forscher reagierten entsetzt. Offenbar befinde sich Brasilien immer noch im dunklen Zeitalter des Machismus. Demnach ist bei vielen bis heute die Überzeugung fest verankert, der Mann besitze in gesellschaftlicher wie sexueller Hinsicht Vorrechte.

Die Zahlen sind aber vermutlich auch Ausdruck streng konservativer Wertvorstellungen, nach denen nicht nur der Mann das Sagen hat, sondern sexuelle aufreizendes Auftreten allgemein missbilligt wird. So weist etwa das Auswärtige Amt darauf hin, dass Baden "oben ohne" in Brasilien als Erregung öffentlichen Ärgernisses gilt, ebenso das Wechseln der Kleidung in der Öffentlichkeit.

Frauen protestieren "oben ohne"

Im Internet setzten sich am vergangenen Wochenende daher bewusst provokativ zahlreiche Frauen mit einer Protestaktion "oben ohne" zur Wehr. Auf einer Facebookseite und bei Twitter posteten sie Bilder, auf denen sie zum Teil leicht oder gar nicht bekleidet den brasilianischen Machos ihr "Nein" entgegenschleudern.

Botschaft der Aktion: Niemand hat das Recht, über unseren Körper zu verfügen. Zahlreiche Frauen hielten den Hashtag #NãoMereçoSerEstuprada in die Kamera - "Ich verdiene es nicht, vergewaltigt zu werden."

Brasilien hat seit Jahren mit einer Zunahme sexueller Gewalt zu kämpfen. Wie die Deutsche Welle kürzlich berichtete, schätzen offizielle Stellen die Zahl von Vergewaltigungen auf 527.000 Fälle pro Jahr. Die wahre Zahl liegt im Dunkeln, auch weil ein Großteil der Vergewaltigungen in der Familie stattfindet. So zählt Brasilien unterm Strich zu den Ländern, in denen es sich als Frau am gefährlichsten leben lässt. Eine andere Statistik mit internationalen Vergleichdaten weist das lateinamerikanische Land als das mit der siebthöchsten Rate von Gewalt gegen Frauen aus.

Sexuelle Belästigung gehört zum Alltag

Aber auch in der Öffentlichkeit gehört sexuelle Belästigung zum brasilianischen Alltag, etwa in Bussen und Bahnen. Eine der ersten Reaktionen auf die Gruppenvergewaltigung im vergangenen Jahr bestand darin, die Sonnenschutzfolien von den Fenstern zu entfernen, um Tätern keinen Schutz mehr zu bieten. Auch an die Einführung von U-Bahn-Waggons nur für Frauen wird gedacht.

Nach Informationen der Deutschen Welle organisiert sich sexuelle Gewalt gegen Frauen inzwischen sogar im Internet. Frauenrechtler berichteten etwa von einer Facebookseite mit 12.000 Anhängern, die zu sexueller Belästigung animierte, inzwischen aber vom Netz genommen wurde.

(pst)