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Analyse: Wem nützt die "Ice Bucket Challenge" wirklich?

Analyse : Wem nützt die "Ice Bucket Challenge" wirklich?

Im Internet läuft die Aktion "Ice Bucket Challenge" seit Wochen heiß. Das Prinzip der Spendensammlung, die Patienten mit der Nervenkrankheit ALS helfen soll, beruht auf dem Kettenbrief. Ein höchst umstrittenes Verfahren.

In Zeiten, als schriftlich noch hauptsächlich per Post kommuniziert wurde, waren sie nicht selten - die Kettenbriefe. Sie kamen meist mit einem Anliegen, einem Hilferuf für einen Schwerkranken oder mit der Bitte um eine Geldspende für einen in Not geratenen Menschen. Diesen Brief sollte der Empfänger dann an eine bestimmte Anzahl von Bekannten weitergeben, zugleich eine Geldsumme an den Absender und weitere Adressen überweisen.

Dazu gab es das Versprechen, dass die Hilfe über die Weiterverbreitung des Briefes in vielfacher Höhe zurückkomme. Selbst wenn nur die Bekannten ihr Geld schickten, war die investierte Summe schon wieder eingespielt. Aber wehe, wenn man nicht mitspielte. Dann hagelte es böse Prophezeiungen - Unglücke, Krankheiten, moralischer Pranger.

Beträchtliche Einnahmen

Klar, dass solche Briefe nicht endlos laufen. Und genauso klar, dass vor allem diejenigen profitieren, die ganz am Anfang der Kette stehen. Sie können, die Gutgläubigkeit der anderen vorausgesetzt, auf beträchtliche Einnahmen hoffen.

Auf dem gleichen Prinzip gründet das neueste Großereignis im Internet - die "Ice Bucket Challenge". Wie alle erfolgreichen Online-Phänomene hat sie sich geradezu explosionsartig verbreitet. Innerhalb kürzester Zeit haben sich Prominente wie Normalbürger einen Eimer Eiswasser über Kopf und Kleidung geschüttet und gleichzeitig einen kleinen Betrag zugunsten der Bekämpfung der tückischen Nervenkrankheit ALS gespendet.

Die Idee hinter der "Ice Bucket Challenge" ist einfach. Man überschüttet sich mit Eiswasser und spendet. Oder man verweigert die Dusche und zahlt mehr. Die Aktion begann, als sich Ende Juni Menschen in der "Golf Channel Morning Show", einer US-Sendung über Golf, mit Eiswasser übergossen. Die Idee griff der an ALS erkrankte und gelähmte US-Baseballstar Peter Frates auf, der mehrere Freunde animierte, sich mit Eiswasser zu duschen und für ALS zu spenden. Als ein namhafter Eishockeystar ebenfalls die eisige Dusche wagte und sich sein Video über Youtube millionenfach verbreitete, wurde die "Ice Bucket Challenge" ein Renner im Netz. Im Nu wurden auch viele Prominente, US-Präsident Barack Obama und jede Menge Hollywood-Stars, nominiert. Die zahlten oder duschten - oder taten beides - und verbreiteten die Aktion weiter.

Das Netz vergisst nicht so schnell

Die Spendenkampagne dürfte zu den erfolgreichsten im Netz zählen. Bis zum 27. August verzeichneten die Sammler mehr als 70 Millionen Euro an milden Gaben. Ein warmer Geldregen nach den vielen Kaltduschen für die bislang kaum erforschte Krankheit. Heiligt also der Zweck die Mittel? Wird hier nicht eine wirksame Methode für ein gutes Ziel eingesetzt, das den Beteiligten einen Heidenspaß bereitet?

Tatsächlich ist der Kettenbrief ein beliebtes Mittel, um innerhalb kürzester Zeit an viel Geld zu kommen. Er beruht auf dem mathematischen Prinzip des exponentiellen Wachstums. Wer etwa den Einsatz, wie minimal er auch immer sein mag, ständig verdoppelt, wird in kürzester Zeit astronomische Summen erreichen. Das einfachste Beispiel ist die berühmte Geschichte vom Schachbrett und den Getreidekörnern. Als Dank für das königliche Spiel wollte der Schah dessen Erfinder einen Wunsch gewähren. Der wollte, dass der reiche König ihm auf dem ersten Feld ein Getreidekorn, auf dem zweiten Feld zwei, dann vier, dann acht Körner spendete, bis alle 64 Schachbrettfelder besetzt waren. Schnell stellte sich heraus, dass die bis zum Rand gefüllten Getreidespeicher des Königs auch nicht annähernd ausreichten, die Bitte zu erfüllen.

Geht es mehr Spenden oder um Spaß?

"Ice Bucket Challenge" vermochte Ähnliches. In nicht einmal zwei Monaten war das Phänomen in der gesamten vernetzten Welt mit ihren knapp drei Milliarden Nutzern verbreitet. Seitdem ist die Krankheit ALS bekannter als jemals zuvor, die Spenden gewaltiger als bei jeder anderen Aktion.

Mit dem Trick des Kettenbriefs haben sich die Spendensammler für ALS einen gewaltigen Vorteil verschafft. Im Gegensatz zum klassischen Kettenbrief verlieren freilich diejenigen nicht, die am Ende der Kette stehen. Sie dürften allerdings kaum noch Paten finden, die zur Eisdusche oder Spende bereit sind. Es ist auch kaum zu erwarten, dass eine Nachfolgeaktion ähnlichen Erfolg hat. Insofern sind die Erfinder der "Ice Bucket Challenge" gegenüber anderen Aktionen im Vorteil.

Kritiker meinen, dass es bei der Geldaktion auch weniger um die Krankheit, sondern mehr um den Spaß der Eisdusche geht. Deshalb erscheint es auch willkürlich, mit welchem guten Zweck eine solche Aktion verbunden ist. Es könnten in Not geratene Familien, die Lebensumstände in Slumgebieten oder die Gefährdung seltener Tiere sein. An Ebola, die derzeit viel gefährlichere Krankheit, haben die Erfinder jedenfalls nicht gedacht.

Illusionenen

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass die umstrittene Kettenbrief-Methode für einen guten Zweck verwendet wird. Spendenaufrufe nutzen häufig das Kettenbrief-Prinzip, auch wenn sie nicht so erfolgreich sind wie die "Ice Bucket Challenge". Selbst die soziale Rentenversicherung ist auf diesem Mechanismus aufgebaut. Die erste Generation profitiert von der Einführung der Altersrente, ohne dafür einbezahlt zu haben. Die letzte Generation zahlt, ohne später Rente zu bekommen. Die Versicherung beruht also auf der Illusion, dass es diese letzte Generation nicht geben wird.

Das ist freilich viel gefährlicher als eine Spendenaktion, die sich irgendwann verläuft und die letzten Duscher etwas ratlos zurücklässt. Allerdings dürften sich manche moralisch unter Druck gesetzt fühlen, wenn sie im Internet weder duschen noch zahlen. Schließlich vergisst das Netz nicht so schnell. Die notorischen Spendenverweigerer sind also schnell gefunden.

(RP)