50 Jahre nach dem großen Postraub: Vom Geld fehlt weiter jede Spur

50 Jahre nach dem großen Postraub : Vom Geld fehlt weiter jede Spur

Am 8. August 1963 erbeutete ein Dutzend Räuber 2,6 Millionen Pfund. Der spektakuläre Überfall schrieb Geschichte. Der größte Teil der Beute blieb verschwunden.

Nach einer Viertelstunde war bereits alles vorbei. Da hatte ein gutes Dutzend Männer aus dem Postzug von Glasgow nach London auf offener Strecke 128 Geldsäcke mit insgesamt 2,6 Millionen Pfund erbeutet. Es war ein Coup, der nicht nur die englische Nation, sondern die ganze Welt bewegte, ein tolldreistes Gaunerstück, das schon damals danach schrie, verfilmt zu werden.

Um die Dimension des Raubs zu verstehen, muss man sich den Wert der Beute verdeutlichen — nach heutigem Stand wären es 46 Millionen Euro. Dabei gingen die Gangster am 8. August 1963 zwar skrupellos und zielorientiert vor, es fiel jedoch kein Schuss. Allerdings wurde der Lokführer schwer mit einer Eisenstange verletzt — er kehrte nie mehr an seinen Arbeitsplatz zurück und starb 1970 an Leukämie.

Es war aber nicht nur der Überfall alleine, der diesen Raub so besonders machte, sondern auch das, was davor und danach passierte. Unter den Gangstern, angeführt von Bruce Reynolds, befanden sich zwei Anwälte, ein Rennwagenfahrer, ein Florist, ein Nachtclubbesitzer und ein Friseur. Sie bevorzugten dunkle Anzüge und Bowler, was ihnen auch den Beinamen "Gentlemen-Gangster" eintrug. Fast ein Jahr planten sie minutiös ihren Coup, der dann tatsächlich fast reibungslos ablief.

Der Zug wurde durch falsche Signale gestoppt und von den Tätern zu einer Brücke gefahren. Dort entluden sie die Säcke, schleppten sie in eigene Lieferwagen und brachten sie zu einem nahe gelegenen Bauernhof. Zumindest bei der Tat spielte der Bande auch noch das Glück in die Hände: Der Hochsicherheitswaggon der Royal Mail, in dem das Geld normalerweise gelagert wurde, war in der Werkstatt.

Das Glück hielt nicht lange an. Nach dem Raub fand die Polizei im Versteck der Männer unzählige Fingerabdrücke. Wenige Monate später saßen zwölf Täter in Haft. Bereits 1964 wurde ihnen der Prozess gemacht. Sieben Zugräuber verurteilte der Richter zu 30 Jahren Zuchthaus, die anderen kamen glimpflicher davon. Doch die Geschichte endete damit nicht: Bruce Reynolds, Charlie Wilson und Ronald Biggs gelang die Flucht.

Während Reynolds bald wieder gefasst wurde, tauchte Wilson in Kanada und Biggs in Brasilien unter. Zwar spürte man ihn 1974 in Rio auf; weil er ein Kind mit einer Brasilianerin hatte, durfte er jedoch nicht ausgeliefert werden. Biggs war mittlerweile mittellos, der Rummel um seine Entdeckung verschaffte ihm aber eine gewisse Popularität. Wer mit ihm frühstücken wollte, musste 60 Dollar zahlen; zeitweise trat er mit den Sex Pistols auf und produzierte eine Single mit den Toten Hosen. 2001 kehrte Biggs freiwillig nach England zurück und saß noch bis 2009 im Gefängnis.

Der Postraub brachte es zu mehreren Verfilmungen. In Deutschland avancierte der Dreiteiler "Die Gentlemen bitten zur Kasse" 1966 zum Straßenfeger. Für Horst Tappert, der den an Reynolds angelegten Anführer der Bande spielte, war es der Karrieredurchbruch. Reynolds steht auch im Mittelpunkt eines zweiteiligen Doku-Dramas, das der Sender Arte heute Abend ausstrahlt. Regisseur Carl-Ludwig Rettinger mixt in "Die Gentlemen baten zur Kasse" Spielszenen mit echten Nachrichtenbildern, stellt alte und neue Interviews sowie aktuelle Recherchen dazu. So kommt etwa Reynolds Sohn Nick zu Wort, ein bekannter Musiker und Bildhauer. Er sagt, dass sein Vater ihm sogar aus dem Gefängnis heraus "emotionale Sicherheit" gegeben habe.

Bei aller medialer Aufmerksamkeit — bis heute stößt der Kriminalfall vielen Ermittlern übel auf. Denn einige Posträuber wurden nie verhaftet, andere wie Wilson flüchteten und verschwanden von der Bildfläche. Fast 50 Jahre waren die Akten von Scotland Yard unter Verschluss. In ihnen wird deutlich, dass die Ermittler wohl Beweise manipuliert haben und eng mit der Londoner Unterwelt verbunden waren. Wahrscheinlich wurde damals auch ein Unschuldiger verurteilt.

Zudem sind von der Beute nur 330.000 Pfund wieder aufgetaucht. Der Rest blieb verschwunden — es wird vermutet, dass die entkommenen Gangster einen Großteil des Geldes in Bestechungsgelder und ihre Flucht investierten. Wenn sie ihre Beute nicht bis 1971 in andere Werte transferiert hatten, hätten sie ohnehin nichts mehr damit anfangen können. Damals wurde die britische Währung auf das Dezimalsystem umgestellt — die Scheine aus dem Postzug waren damit wertlos.

(RP)
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