Ein Rücktritt und die Folgen: Viele trauern Käßmann nach

Ein Rücktritt und die Folgen : Viele trauern Käßmann nach

Düsseldorf (RPO). Margot Käßmann hat nicht lange gezögert. Für ihren Rücktritt erntet sie am Tag danach Lob und Respekt von allen Seiten. Doch manch einer in der Evangelischen Kirche erschrickt nun über die Größe der Kluft, die sie hinterlässt. Auch Gerüchte über eine Intrige gegen die ehemalige Bischöfin und EKD-Chefin beschäftigen ihre Anhänger.

Kirche in der Krise Der Protestantismus ist mit einem Schlag zurück in der Krise. Ihre Vorsitzende Margot Käßmann ist am Mittwoch von allen kirchlichen Ämtern zurückgetreten. Dabei gilt sie den wohl meisten Protestanten als genau die richtige Person, um die Großbaustellen der Zukunft anzugehen. Bis 2030 wird die Mitgliederzahl um ein Drittel, die Finanzkraft um die Hälfte zurückgehen. Die EKD steckt in einer umfassenden Reform. Margot Käßmann galt als Frau, die dank ihrer Glaubwürdigkeit und großen Authentizität der evangelischen Kirche wieder Strahlkraft verleihen konnte — auch über die eigenen Kreise hinaus. Mit ihrem Rücktritt ist die EKD in eine personelle Krise geraten.

Der Tag danach Einen Tag nach ihrem Rücktritt mischen sich Fassungslosigkeit mit Bedauern, Respekt und auch ein wenig Trotz. Die eigentümliche Gefühlsmelange findet sich sowohl im Kreis der evangelischen Kirche wie auch Medien, Politik und Bevölkerung wieder.

Ein sauberer Rücktritt In den Kommentarspalten ist Käßmann das beherrschende Thema. Tenor: Der Rücktritt war gut, weil konsequent. Dadurch habe Käßmann noch an Statur gewonnen. Die "Süddeutsche Zeitung" verweist darauf, dass sich so mancher Politiker an ihrer Geradlinigkeit ein Beispiel nehmen könne, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" bemerkt, dass wohl nur Margot Käßmann, die "Artistin der Fehlbarkeit" diesen Fehltritt so rund in die eigene Biographie integrieren konnte.

Zweite Chance Die evangelische Kirche tut sich schwer. Die Führungskräfte bemühen sich, nach vorne zu schauen. Andere kämpfen noch mit ihrer Fassungslosigkeit und trauern Käßmann nach. Der Vizepräses der EKD-Synode, Günther Beckstein, sagte in einem Interview mit dem Radiosender "SWR 2", Käßmann habe eine zweite Chance verdient. Er sei der Überzeugung, "dass sie eine herausragende Persönlichkeit ist, die irgendwo auch eine besondere Verantwortung kriegt und verdient". Ob das wieder an der Spitze der Kirche führe, sei eine andere Frage, so der frühere bayerische Ministerpräsident.

Fluch oder Chance? Er befürchtet, dass die Kirche nun weiter an Vertrauen verlieren werde. Möglicherweise könne die evangelische Kirche aber auch durch den vorbildlichen Umgang Käßmanns mit ihrer Autofahrt unter Alkoholeinfluss profitieren, sagte Beckstein im Südwestrundfunk.

Lücke lässt sich nicht schließen Die evangelische Bischöfin Maria Jepsen sagte dem Radiosender NDR Info, die Lücke, die jetzt entstanden sei, lasse sich im Prinzip nicht schließen. Gleichzeitig äußerte Jepsen Verständnis für die Entscheidung Käßmanns: "Ich hätte es mir zwar anders gewünscht, aber: Wenn sie klar bleibt und zu dem steht, was sie immer vertreten hat, hätte sie große Beschwernis gehabt, ihre Meinung noch klar zu äußern."

Unersetzbar "Käßmann hinterlässt ein Vakuum", lauten die klaren Worte von Helmut Matthies, Leiter der konservativen evangelischen Nachrichtenagentur Idea. "Wir haben keinen, der ihr an Strahlkraft nahekommt." Der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer urteilt gar, Käßmann sei "unersetzbar".

Nach vorne schauen Die EKD bemüht sich trotz des herben Verlustes schnell wieder Tritt zu fassen. Das versicherten mehrere Spitzenvertreter der Glaubensgemeinschaft. Die Präses der EKD-Synode, Katrin Göring-Eckardt, sagte im Deutschlandradio Kultur, es gehe nun darum, den "Aufbruch zu organisieren". Nach ihren Angaben hatte die EKD um ihre Ratsvorsitzende gekämpft. Käßmann sei "das Gesicht des Protestantismus" gewesen und habe viele Menschen für die Kirche begeistert. Der Rat trifft sich am Freitag um 11.30 Uhr zu einer Sitzung im oberbayerischen Tutzing. Thema wird dabei auch die Lage nach dem Rücktritt Käßmanns sein.

Intrigen-Dementi Zugleich wurden Mutmaßungen zurückgewiesen, Käßmann sei letztlich über Intrigen bei der EKD gestolpert. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) betonte auf N24: "Es lag nicht an mangelnder Unterstützung und guter Begleitung durch die evangelische Kirche, sondern es war ihre innere Überzeugung, die sie zu dieser Entscheidung geführt hat. Und das verdient wirklich Respekt." Ähnlich äußerte sich der SPD-Beauftragte für Kirchen und Religionsgemeinschaften, Siegmund Ehrmann. Für Käßmann habe es eine "sehr offene Unterstützung" gegeben. Käßmann soll innerhalb der Kirche wegen ihrer zuweilen undiplomatischen Art auch zahlreiche Gegner gehabt haben.

Der Nachfolger will unbequem sein Auf dem Posten Käßmanns sitzt nun kommissarisch der EKD-Vorsitzende Nikolaus Schneider. Er will sich wie seine Vorgängerin Margot Käßmann in die Politik einmischen. "Ich habe auch ein hohes sozialpolitisches Interesse", sagte Schneider am Mittwochabend in der ARD. Fragen der sozialen Gerechtigkeit seien für ihn "auch schon immer ganz wichtig" gewesen. "Diese Form von politischer Sensibilität und dem Eintreten für diejenigen, die ihre Stimme nicht erheben können, diese Art wird auch für mich verbindlich bleiben."

Hier geht es zur Infostrecke: Mitleid und Bestürzung - die Presse zum Fall Käßmann

(KNA/DDP/AFP)
Mehr von RP ONLINE