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Überschwemmung in Serbien: "Ihr hättet mich ertrinken lassen sollen"

Existenzangst nach Überschwemmung : Verzweiflung in Serbien: "Ihr hättet mich ertrinken lassen sollen"

Obrenovac südlich von Belgrad gleicht einer Geisterstadt. Wasser und Schlammfluten haben die Einwohner vertrieben. Viele stehen vor den Trümmern ihrer Existenz.

Aufgeregtes Stimmengewirr herrscht in der Belgrader Messehalle. Der Geruch von Schweiß, Feuchtigkeit und Desinfektionsmittel liegt in der Luft. Hunderte Menschen sind aus dem überschwemmten Städtchen Obrenovac in die serbische Hauptstadt geflüchtet. "Ich fürchte, wir werden lange hier sein", sagt Sasa. Wie viele Bewohner der von den Fluten zerstörten Stadt fürchtet er, dass das Schlimmste noch nicht vorbei ist. Seinen Familiennamen will er nicht nennen.

Die 30 000-Einwohner-Stadt südlich von Belgrad liegt zwischen zwei Flüssen, der kleinen Kolubara und Serbiens größtem Fluss, der Save. "Wir hatten immer Angst vor der Save, aber es war die Kolubara, die uns diese Hölle beschert hat", erzählt Sasa. "Nun warten wir darauf, dass die Save auch noch über die Ufer tritt - dann kommen die Aufräumarbeiten, reinigen, wieder aufbauen."

Sein Haus stand zum Höhepunkt des Hochwassers von Mittwoch bis Samstag mehr als zwei Meter unter Wasser. Insgesamt waren mehr als vier Fünftel der Stadt überschwemmt. Für Montagnacht rechneten die Anwohner mit einer neuen Flutwelle. An den Ufern der Sava arbeiteten Helfer unermüdlich daran, die Deiche zu verstärken.

In der Messehalle - einer von mehreren Notunterkünften in Belgrad - haben Helfer auf dem dünnen blauen Teppichboden einen Empfang und eine Essensausgabe eingerichtet. An einem Ende befindet sich eine improvisierte Küche. Wenn sie nicht kochen, verteilen die erschöpft wirkenden Helfer Kaffee. Hinter einer Absperrung türmen sich Wasservorräte, Kleidung und Desinfektionsmittel. Kinder spielen, Freiwillige - zumeist Studenten - kümmern sich um sie. Aus Angst vor Seuchen tragen sie Gesichtsmasken.

Alle paar Minuten werden neue Hochwasseropfer gebracht. Ein Mann auf einer Trage, dann eine junge Frau, die von sechs Helfern in einer Decke hereingetragen wird.

In einer zweiten Halle wurden Matratzen auf dem Boden ausgebreitet. Einige Familien klammern sich eng aneinander. Manche sind erschöpft eingeschlafen, andere weinen. "Ich wünschte, sie hätten mich dort ertrinken lassen", schluchzt eine alte Frau. Sasa erzählt, es sei seine fünfte Nacht hier. "Man kann sich nicht vorstellen, was nachts los ist - der Lärm, der Gestank."

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Die Angst vor Krankheiten ist allgegenwärtig. Ein Mann im blauen Overall sprüht ununterbrochen die Stühle, Tische und den Boden mit Desinfektionsmitteln ein. Noch größer ist die Gefahr in den Flutgebieten. Deswegen wurden sogar Menschen in Sicherheit gebracht, deren Häuser trocken blieben.

Das Hochwasser sei eine dreckige Brühe, gemischt mit Abfällen, die aus der überschwemmten Kanalisation und aus Jauchegruben geschwemmt worden sei, erzählt ein Mann. Strom gibt es seit Tagen nicht mehr.

Dann ist da noch der Schlamm, mehr als einen Meter dick liegt er stellenweise über dem Land. Dazwischen Tausende tote Tiere - Kühe, Hunde und auch Wild.

Einige Menschen haben sich trotz alldem geweigert, ihre Häuser zu verlassen. Zoran Vukosavljevic lebt im Stadtteil Zvecka. Der Hügel sei von den Fluten verschont geblieben, erzählt er am Handy. "Wir schlagen uns durch. Wir laden die Handys im Auto auf. Es gibt keinen Strom, aber sie haben uns Trinkwasser geliefert. Wir kochen draußen, auch das Wasser zum Waschen kochen wir ab." Wie eine Insel ragt Zvecka aus dem schlammbraunen Wasser. Sonst sieht man nur ab und zu ein Dach.

Das Hochwasser gehe zwar stark zurück, sagt Vukosavljevic. "Nun achten wir aber sehr genau auf die Save. Wenn sie ansteigt, dann flüchten wir."

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(dpa)