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Mit sechs dem Krebs erlegen: Tote Elena hinterlässt ihren Eltern Botschaften

Mit sechs dem Krebs erlegen : Tote Elena hinterlässt ihren Eltern Botschaften

Washington (RP). Neun Monate lang kämpfte die sechsjährige Elena Desserich vergeblich gegen den Krebs. Weil sie nicht mehr sprechen konnte, malte sie ihre Wünsche auf Zettel.

Die Eltern haben jetzt ein anrührendes Buch daraus gemacht. Überall waren die Zettel versteckt, zwischen Büchern, CDs und Porzellantellern, in Fotokästen, einem Rucksack und sogar in den Taschen alter Jeans, die Keith Desserich nur selten anzieht. Es waren hunderte Zeichnungen, oft nur Striche, Herzen und ein paar Buchstaben, die Keith und seine Frau Brooke im Laufe der Monate fanden.

Ihre Tochter Elena hatte sie gemalt, bevor sie, sechs Jahre alt, einem Krebsleiden erlag. "I love you, Mom". "I love you, Dad". Und, an die jüngere Schwester gerichtet: "I love you, Grace". Die Bilder und Briefe der kleinen Elena Desserich sind jetzt als Buch erschienen, zusammen mit den Tagebucheinträgen ihrer Eltern. "Notes Left Behind" heißt der Band, "Zurückgelassene Nachrichten".

"Es kam uns vor, als wären wir die Kinder und sie die Erwachsene", erzählt Keith im Interview eines lokalen Fernsehsenders. Seine Älteste habe Lehrerin werden wollen, sie sei reifer gewesen, als man es bei einem sechsjährigen Mädchen vermuten konnte. Als die Ärzte ihren Hirntumor entdeckten, fing sie an, eine Liste zu schreiben, eine Liste all dessen, was sie noch tun wollte in ihrem Leben. Mit Delfinen schwimmen, hinterm Lenkrad eines Autos sitzen, ein letztes Mal mit Papa tanzen, in einem Hochzeitskleid.

Für die kleine Schwester dachte sich Elena einen "Überlebensführer" aus, eine Anleitung, wie man den Kindergarten gut übersteht. In dem Maße, wie das Krebsgeschwür in ihrem Kopf unaufhaltsam wucherte, verlor das Mädchen mit den langen, aschblonden Haaren die Fähigkeit zum Sprechen. Aus ihrem gelähmten Mund kamen irgendwann nur noch Laute, die niemand mehr deuten konnte. Also kritzelte sie auf ein Blatt Papier, was sie sagen wollte.

Das Papier als Sprachersatz

Schlängellinien beispielsweise standen für Spaghetti, auf die sie einen Heißhunger verspürte, am ersten Tag im Krankenhaus. Tag 1, der 29. November, notiert ihr Vater in der Klinik. Um sieben Uhr soll die Operation beginnen, ab ein Uhr nachts redet er mit Elena über "Alice im Wunderland", über ihre neueste Entdeckung, die TV-Fernbedienung, und über die Dinge, die sie noch erledigen möchte. Nachdem sich die Kleine mit ein paar Strichen verständlich gemacht hat, kommen Spaghetti auf den Wunschzettel, Spaghetti mit Parmesan.

Als Nächstes zeichnet sie den Eiffelturm, wobei Keith bis heute nicht weiß, wie sie auf das Pariser Wahrzeichen kam. Dann ergänzen beide die Liste um die "Straße der Kleider", einen Straßenzug der Stadt Cincinnati, in dem sich ein Laden für Brautmode an den anderen reiht. Brooke ist mit ihren Töchtern oft durch diese Straße gefahren, sie sollten sich schon mal ihre Hochzeitskleider aussuchen. "Jetzt frage ich mich natürlich, ob sie es je so weit schafft", vertraut Keith seinem Tagebuch an. "Dennoch, es kam mit auf die Liste."

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Wenige Stunden später prophezeiten die Ärzte, dass Elena wohl noch 135 Tage zu leben habe. Am 1. Dezember wird die erschöpfte Patientin von Angstgefühlen gepackt, sobald Menschen mit blauen Gummihandschuhen in ihr Blickfeld geraten. Ihre Eltern überlegen, den Medizinern durchsichtige Handschuhe zu kaufen, damit sie sich wieder beruhigt. Am 3. Dezember malt sie, was ihr nach Spaghetti und dem Eiffelturm als Drittes einfällt: in einer Kutsche übers Pflaster zu rumpeln. Zufällig gibt es jede Menge Kutschen im Touristen-Mekka Memphis, der Stadt Elvis Presleys und des Blues, in der das Mädchen behandelt wird.

Am 6. Dezember, ihr Mund ist völlig gelähmt und sie kann nicht mal mehr schlucken, beklagt die Todkranke, dass alle nur über sie sprechen, aber keiner mit ihr. Von den Desserichs verständigt, wenden sich Ärzte und Krankenschwestern nun direkt an Elena, etwa, wenn sie die Methoden der Bestrahlung erklären.

Neun Monate dauert der Kampf gegen den Krebs

Neun Monate dauert der aussichtslose Kampf gegen den Krebs. Als das Ende naht, erfüllt Keith seiner Tochter den Wunsch, auf ihrer imaginären Hochzeit zu tanzen, in Weiß. "Zwei Tage später verloren wir sie." Zwei versiegelte Kuverts, von Elena an ihre Eltern adressiert, bleiben verschlossen. "Wir möchten einfach sichergehen", sagt ihr Vater, "dass es immer noch eine Nachricht gibt, die wir nicht gelesen haben".