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Trauriger Rekord in den USA: Texas steht vor der 500. Hinrichtung seit 1976

Trauriger Rekord in den USA : Texas steht vor der 500. Hinrichtung seit 1976

Der zweitgrößte US-Bundesstaat nimmt bei der Zahl der vollstreckten Todesurteile eine makabre Spitzenstellung ein. Die Anwältin der Frau, die am Mittwoch durch die Giftspritze sterben soll, sieht ihre Mandantin als Opfer der Diskriminierung.

Wenn ein Richter den Termin nicht in letzter Minute verschiebt, wird Kimberly McCarthy heute eine fensterlose, von einer Klimaanlage heruntergekühlte Zelle im "Death House" betreten — im Hinrichtungstrakt des Gefängnisses von Huntsville. Ein Geistlicher wird sich bereithalten, falls die Delinquentin reden möchte. Manchmal sind es stundenlange Gespräche, manchmal überaus kurze. McCarthy darf eine letzte Mahlzeit bestellen, wobei die Erfahrung besagt, dass Frauen in den letzten Stunden lieber fasten.

Am frühen Abend, kurz vor sechs, wird ein Aufseher die schwere Zellentür aufschließen und die 52-Jährige in einen sterilen Raum führen, in eine drei mal vier Meter große Kammer mit grünlichen Wänden, grellen Neonröhren und einer Liege, die stabil im Fußboden verankert ist. Festgeschnallt, die Arme fast waagerecht abgespreizt wird die 52-Jährige ein letztes Mal etwas sagen dürfen, bevor dreierlei Wirkstoffe in ihre Venen strömen. Zuerst ein Betäubungsmittel, dann Pancuronium-Bromid, das die Lunge lähmt, schließlich Kaliumchlorid, um den Herzschlag zu stoppen.

Es ist ein makabrer Meilenstein in Texas: die 500. Exekution, seit der Oberste Gerichtshof in Washington 1976 Hinrichtungen auf amerikanischem Boden nach vierjähriger Pause wieder gestattete. Und das dritte Mal, dass sich McCarthy innerlich wappnen muss für die Giftspritze. Sowohl im Januar als auch im April hatte Maurie Levin, ihre Anwältin, unmittelbar vor der Vollstreckung einen Aufschub erwirkt. Es muss eine Achterbahnfahrt der Gefühle gewesen sein, auch wenn Levin ihre Klientin als geradezu schicksalsergeben beschreibt. "Sie glaubt, dass geschehen wird, was geschehen muss, weil alles in Gottes Hand liege."

Mord liegt bereits 16 Jahre zurück

Der Mord, der McCarthy in den Todestrakt brachte, liegt 16 Jahre zurück. In Lancaster, einer tristen Satellitenstadt am Rande von Dallas, soll die Therapeutin eines Altersheims eine betagte Nachbarin namens Dorothy Booth getötet haben, um an Geld für die nächste Dosis Crack-Kokain zu kommen. Als McCarthy an der Wohnungstür klingelte, vorgeblich, um Zucker zu borgen, soll Booth sie nichtsahnend hereingelassen haben. Drinnen soll die Rauschgiftsüchtige mit einem Küchenmesser auf ihr Opfer eingestochen und sich mit Kreditkarte, Autoschlüsseln und einem Ring aus dem Staub gemacht haben.

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Kimberly McCarthy hat dunkle Haut, Dorothy Booth hatte helle, und die Geschworenenjury, welche die Afroamerikanerin zum Tode verurteilte, bestand fast durchgehend aus Weißen. Für Maurie Levin ist das die Crux. Die Rechtsprofessorin, die in Austin lehrt — einer liberalen Enklave im eher konservativen Texas — spricht vom hartnäckigen Erbe des Rassismus, das auch diesen Fall prägte, noch 1998, als gegen McCarthy verhandelt wurde.

Ein einziger Afroamerikaner saß in der 13-köpfigen Jury, obwohl Schwarze nahezu ein Viertel der Bevölkerung des Gemeindebezirks Dallas County stellten. Levin sieht in der fehlenden Balance die Folge einer Kultur der Diskriminierung, wie sie tief verwurzelt ist in der Geschichte südstaatlicher Rassentrennung. Noch 1963 legte ein texanisches Handbuch den Staatsanwälten nahe, "keine Juden, Neger, Mexikaner oder Angehörige jeglicher Minderheit" zum Geschworenendienst zuzulassen, "egal wie reich oder gebildet sie sind". Und noch 1986 enthielt eine Anleitung den merkwürdigen Hinweis, man möge weder Juroren mit Goldkettchen aufnehmen noch "solche, die Freidenker zu sein scheinen".

Schwere Unterlassungssünden kreidet Maurie Levin den staatlich bestellten Pflichtverteidigern an, die McCarthy 1998 vertraten. Sie hätten nicht einmal den Versuch unternommen, die unausgewogene Zusammensetzung des Geschworenengerichts anzufechten, schreibt sie und skizziert eine gut geölte Tötungsmaschine, bei der desinteressierte Anwälte oft nur Rädchen im Getriebe waren.

Geleitet von Umfragen, nach denen sich unter den Texanern klare Mehrheiten für die Todesstrafe finden, setzen populistische Politiker auf drakonische Härte, so dass Gnadengesuche nur selten Gehör finden. In den knapp sechs Amtsjahren von Gouverneur George W. Bush wurden 152 Menschen hingerichtet, bevor Bush 2001 von Texas ins Weiße Haus wechselte. Unter seinem Nachfolger, dem republikanischen Hardliner Rick Perry, waren es bis heute mehr als 200.

(RP/csr/felt/jco)