Überlebende berichten Fünf Schicksale der Schreckensnacht von Paris

Düsseldorf/Paris · Sieben Attentäter, 129 Tote, unzählige Verletzte. Das sind die nackten Zahlen und Fakten zu den Terror-Anschlägen, die am Freitag Paris erschüttert haben. Hinter den Schreckensnachrichten stehen jedoch menschliche Schicksale. Fünf Menschen berichten.

 Patrick Pelloux arbeitete bis September für "Charlie Hebdo", nach den Attentaten vom 13. November versorgte er als Notarzt die Verletzten.

Patrick Pelloux arbeitete bis September für "Charlie Hebdo", nach den Attentaten vom 13. November versorgte er als Notarzt die Verletzten.

Foto: afp, ab/MS/tlr

Für Patrick Pelloux dürfte der 13. November ohnehin nie gänzlich verheilte Wunden erneut aufgerissen haben. Pelloux ist Notarzt und war am Abend, als die Anschläge die französische Hauptstadt erschütterten, im Dienst. Neben seiner haupberuflichen Tätigkeit als Mediziner arbeite Pelloux bis September 2015 für die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo", für die er eine Kolumne mit Anekdoten aus seinem Arbeitsleben schrieb.

Bei dem Angriff zweier Islamisten auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" in der Pariser Innenstadt waren am 7. Januar zwölf Menschen getötet worden, unter ihnen mehrere bekannte Karikaturisten. Notarzt Pelloux war damals einer der Ersten, der am Tatort eintraf.

Seine Gefühle nach den neuerlichen Terror-Attacken schilderte er wie folgt: "Wir haben alle schon mal ein Konzert im Bataclan besucht, einige von uns hatten Freunde, die in den betroffenen Restaurants und Bars etwas trinken waren. Dieses Drama betrifft uns alle", sagt der Arzt im Interview mit "L'Express". "Aber wir dürfen uns nicht der Angst beugen, auch wenn es schwer und schrecklich ist. Ich spüre, wie die Beklommenheit von mir Besitz zu ergreifen droht, aber ich fahre lieber zurück in die Klinik, um mich nützlich zu machen."

Bataclan-Überlebende erzählt Geschichte bei Facebook

In den Sozialen Netzwerken sorgt der emotionale Bericht einer vermeintlichen Überlebenden der Geiselnahme im Bataclan für Aufsehen. Die 22-jährige Südafrikanerin Isobel Browdery schrieb ihre Geschichte bei Facebook nieder. "Es war nicht nur eine Terror-Attacke, es war ein Massaker", beschreibt sie den Abend in der Konzerthalle. "Man denkt nie, dass einem so etwas passiert. Es war doch nur ein Freitagabend bei einem Rockkonzert." Zuerst hätten die Besucher geglaubt, die Schüsse gehörten zur Show. Doch Dutzende Menschen seien vor ihren Augen erschossen worden. "Ich habe mich eine Stunde lang tot gestellt", schreibt Browdery. "Ich habe meinen Atem angehalten, habe versucht, mich nicht zu bewegen, nicht zu weinen — diesen Männern nicht die Angst zu zeigen, die sie unbedingt sehen wollten. Ich hatte unfassbares Glück, überlebt zu haben. Aber so viele hatten das nicht." Der Anblick, wie die Attentäter wie Geier um sie gekreist seien, werde sie für den Rest des Lebens verfolgen, schrieb sie, bedankte sich aber auch bei den zahreichen Menschen, die ihr geholfen und beigestanden hätten.

Dazu stellte die junge Frau ein Foto des blutigen Oberteils, das sie an dem Abend angeblich getragen hat. Der Beitrag wurde knapp 500.000 Mal geteilt, mehr als 1,3 Millionen Facebook-Nutzer klickten den "Gefällt mir"-Button. Hier können Sie ihn vollständig lesen. Allein im Bataclan waren am Freitagabend und in der Nacht zum Samstag mehr als 80 Menschen getötet worden.

Italiener überlebt Heysel-Katastrope und Bataclan-Attentat

Auch der Italiener Massimiliano Natalucci hatte das Konzert im Bataclan besucht. Wie die italienische Zeitung "Corriere Adriatico" berichtete, konnte der 45-Jährige fliehen und wurde nur leicht am Bein verletzt. Sein Freund überlebte ebenfalls, musste aber operiert werden. Somit hatte Natalucci schon zum zweiten Mal Glück im Unglück. Denn vor mehr als 30 Jahren war er auch beim Unglück im Heysel-Stadion in Brüssel dabei.

Als 15-Jähriger überlebte Natalucci die Stadion-Katastrophe von Brüssel unverletzt. Ende Mai 1985 waren dort 39 Menschen ums Leben gekommen, unter ihnen vor allem Italiener. Vor dem Europapokal-Finale des FC Liverpool gegen JuventusTurin kam es zu Auseinandersetzungen der Fans, bei denen englische Hooligans die Absperrgitter zwischen den Blocks durchbrachen und die Italiener gegen eine Stadionwand drängten. Unter dem Druck brach die Wand zusammen und begrub etliche Fans. Bei der anschließenden Massenpanik gab es weitere Tote und Hunderte Verletzte. Natalucci war damals mit seinem Vater und seinem Onkel im Stadion.

Überlebt dank Handy?

Ein weiterer Augenzeuge der Attentate verdankt sein Leben wohl seinem Handy. Der junge Mann, von dem nur der Vorname Sylvestre bekannt ist,hielt sich während der Anschläge in der Nähe des Stade de France auf, wo das Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland stattfand. Als in unmittelbarer Nähe ein Sprengkörper detonierte, telefonierte er gerade. Ein Splitter traf sein Smartphone, wie er "itele" berichtete. "Das Handy hat den Schlag abbekommen, das hat mich gerettet", sagt er. "Das ist ein Wunder."

Restaurant-Mitarbeiter rettet zwei Frauen

Ein Mann, von dem nur der Vorname Safer bekannt ist, arbeitete in der Pizzeria "Casa Nostra", auf dessen Terrasse in der Terror-Nacht von Paris fünf Menschen getötet wurden. "Alle fingen an, zu schreien. Glassplitter flogen durch die Luft und trafen unsere Gesichter", berichtet der Moslem mit algerischen Wurzeln im Interview mit der BBC. "Auf der Terrasse sah ich zwei Frauen, die getroffen worden waren, eine ins Handgelenk und die andere in die Schulter. Sie bluteten sehr stark."

Ohne an seine eigene Sicherheit zu denken, lief Safer nach draußen und brachte die zwei Verletzten in den Keller. Während er versuchte, die Blutung zu stoppen, fielen auf der Straße weitere Schüsse. "Es war beängstigend. Als wir nach oben kamen, sahen wir die Leichen auf der Straße. So viele Menschen wurden verletzt."

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