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Syrien: Neun Jahre Krieg - kein Ende in Sicht

Neun Jahre Leid : Krieg ohne Ende in Syrien

Gewalt, Zerstörung, Not und Flucht - auch im zehnten Jahr des Krieges in Syrien. Und nun verschärft die Finanzkrise im Nachbarland Libanon noch das alltägliche Leid der Menschen.

Während die Corona-Pandemie die Welt in Atem hält, bleibt wenig Raum für das Leid in Syrien: Dass der Krieg dort gerade grausam ins zehnte Jahr geht, ist vom internationalen Radar weitgehend verschwunden. Syrien ist abgespeichert als ein Dauerkonflikt mit komplexer Gemengelage, aber in den Fokus der Weltöffentlichkeit sind andere Themen gerückt.

Dabei hat sich erst kürzlich wieder gezeigt, dass Gewalt und Flucht weiter die Tagesordnung des Kriegslandes bestimmen – und dass sie weiter das Potenzial zur Streuung weit über die Grenzen hinaus haben. Der Zusammenstoß türkischer und syrischer Truppen im Nordwesten Syriens Anfang des Monats brachte das NATO-Mitglied Türkei und Russland, das an der Seite Syriens kämpft, an den Rand einer direkten Konfrontation. Und die syrische Militäroffensive gegen die letzte Rebellenhochburg Idlib löste eine neue, beispiellose Fluchtbewegung aus.

Die Türkei wiederum kündigte inmitten des Konflikts an, die Flüchtlinge nicht länger von der griechischen Grenze – und damit der Europäischen Union – abzuhalten. Damit setzte sie die EU unter Druck, beim Flüchtlingsdeal von 2016 nachzulegen.

Mehr als die Hälfte der 23 Millionen Vorkriegseinwohner Syriens sind auf der Flucht, viele davon innerhalb des Landes, aber auch Millionen im Ausland. Rund 3,6 Millionen Syrer haben allein in der Türkei Zuflucht gesucht.

Syrien selbst liegt in weiten Teilen in Ruinen. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung leben nach Zahlen der Vereinten Nationen unterhalb der Armutsgrenze. Politisch gibt es kein Vorankommen, ein Ende des Kriegs zeichnet sich noch lange nicht ab.

Der Region Idlib droht im Gegenteil noch das Schlimmste bevorzustehen. Zwar hat eine zwischen der Türkei und Russland ausgehandelte Waffenruhe die syrische Militäroffensive abgebremst, aber das wird keine Dauerlösung sein. Für den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad gilt die Rebellenregion um Idlib als die einzige, die seinem militärischen Sieg noch im Wege steht.

Für die Menschen in Idlib, egal auf welcher Seite sie stehen, bedeutet das nichts Gutes. „Selbst wenn Idlib irgendwie zurückerobert wird und schätzungsweise drei Millionen Menschen in der Türkei oder sonstwo unterkommen, ist es unwahrscheinlich, dass Damaskus die Kapazitäten oder wenigstens die Instrumente hat, längere Zeit ohne Probleme über ehemals von der Opposition kontrollierte Gebiete zu herrschen“, sagt der syrische Journalist Danny Makki in London.

Die „Versöhnungspolitik“ der Regierung in anderen zurückeroberten Gebieten hat dort auch nicht für Ruhe gesorgt: So werden aus der südlichen Provinz Daraa, wo der Aufstand gegen Assad Anfang 2011 seinen Ausgang nahm, nahezu täglich Angriffe, Explosionen oder Schießereien gemeldet. Auch in der Hauptstadt Damaskus gab es in den vergangenen Wochen eine Reihe von Detonationen.

Die fast eine Dekade währenden Kämpfe haben Syrien im Ganzen geschwächt und ausländischen Einflüssen Tür und Tor geöffnet. Rivalisierende Mächte messen ihre Kräfte und führen Stellvertreterkriege. Sowohl Russland und der Iran, als auch die Türkei und die USA sind vor Ort dabei, die libanesische Hisbollah und eine Reihe vom Iran unterstützter Milizen kämpfen auf syrischem Gebiet. Israel bombardiert regelmäßig syrische Ziele. Der Krieg umfasst so viele Spieler von außerhalb, dass ein syrischer Witz besagt: Vielleicht sollten alle Syrer das Land verlassen, um die ausländischen Mächte nicht bei ihrem Gerangel auf syrischem Boden zu stören.

Assad hat derweil mit russischer Hilfe Zug um Zug Rebellenterritorium zurückerobert. Einst hielten Aufständische mehr als die Hälfte des Landes, inzwischen ist es nur noch der schmale Streifen bei Idlib. Die von der Regierung wiedereroberten Gebiete indes sind von Zerstörung gezeichnet. Gebäude sind zerbombt und zerfallen, nur wenige Flüchtlinge wagen sich zurück, der Wiederaufbau stockt.

Derweil wächst die Not, die Preise steigen manchmal nicht nur von Tag zu Tag, sondern von Stunde zu Stunde. Ein Dollar kostet inzwischen rund 500 syrische Pfund – 20 Mal so viel wie vor Beginn des Krieges 2011. Die aktuelle Finanzkrise im Nachbarland Libanon verschärft die Lage weiter.

„Es ist eine verheerende Dynamik“, resümiert der Direktor des Welternährungsprogramms (WFP), David Beasley. „Da ist der Krieg, die Zerstörung der Wirtschaft im Krieg in den vergangenen acht, neun, zehn Jahren. Aber jetzt kommt der wirtschaftliche Zusammenbruch im Libanon dazu, weil die syrische und libanesische Wirtschaft verknüpft sind, und das wird wirklich zu einem Sturm der Vernichtung.“

Die zunehmenden Unruhen in Daraa und die drückende wirtschaftliche Lage seien Garanten dafür, dass der Krieg nicht plötzlich enden werde, meint der syrische Journalist Makki. Sowohl die sozialpolitische als auch die militärische Lage deuteten darauf hin, „dass dies noch viele Jahre weiter grollen wird.“

(ala/dpa)