Neue Studie zeigt die Dimensionen Viel mehr Plastikmüll im Meer als angenommen

Düsseldorf · Eine neue Studie zeigt: Es schwimmt mehr Plastikmüll in Meeren als gedacht - auch wegen Fischerei und Tourismus. Forscher halten Säuberungen der Meere für sinnlos. Die „Krankheit der Ozeane“ müsse an der Quelle bekämpft werden.

Der Plastikmüll in den Weltmeeren wird zur Belastung von gefährdeten Tierarten wie Mantarochen (Foto).

Der Plastikmüll in den Weltmeeren wird zur Belastung von gefährdeten Tierarten wie Mantarochen (Foto).

Foto: dpa/Elitza Germanov

Verdreckte Buchten im Mittelmeer, Rückstände am Nordseestrand: Die Vermüllung der Meere können schon Touristen beobachten. Nun hat ein niederländisches Forscherteam genauer nachgemessen. Das Resultat, das sie nun in der Fachzeitschrift „Nature Geoscience“ veröffentlicht haben: Die jährliche Neuverschmutzung der Meere ist zwar geringer, als frühere Schätzungen ergeben haben. Demnach landen pro Jahr 0,5 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Meeren. Doch das Plastik verrottet viel langsamer als bisher gedacht. Die Forscher gehen davon aus, dass aktuell 3,2 Millionen Tonnen in den Meeren schwimmen. Und dabei wird Plastik, das bereits zum Meeresboden abgesunken ist, schon nicht mehr mitgezählt,  wie das Science Media Center in Köln erläutert. Es hat auch Forscher zu der Studie befragt – und die liefern interessante Antworten zur „Krankheit unserer Ozeane“, wie Serena Abel, Umweltwissenschaftlerin an der Universität Basel, es nennt.

Was schwimmt in den Meeren? In den vergangenen Jahren drehte sich die Debatte vor allem um Mikroplastik – eine lange unterschätzte Belastung. Nun aber zeigt sich, dass große Plastikteile in den Meeren dominieren und meistens an der Oberfläche schwimmen. „Die wesentliche neue Erkenntnis der Studie ist, dass ein großer Teil des Plastiks im Wasser der Ozeane eher größere Partikel sind“, sagte Christian Schmidt, Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg. Rund 40 Prozent des Plastikmülls gelangt direkt über die Küsten in die Meere, 60 Prozent wird aus dem Binnenland über die Flüsse eingespült. Große Verursacher sind Fischerei, Tourismus und Industrie. Laut SMC gelangen besonders in den Philippinen, Indien, Malaysia, China, Indonesien und Myanmar Plastik über Flüsse ins Meer, dabei handele es sich auch um importierte Kunststoffabfälle aus westlichen Staaten. Auch in vielen Staaten Afrikas und Südamerika wird Plastikmüll oft unsachgemäß entsorgt.

Welche Meere sind besonders belastet? „Ein geschlossenes Meer wie das Mittelmeer ist stark mit menschenverursachten Abfällen belastet, die größtenteils aus Kunststoff bestehen“, sagt Forscherin Abel. Ursache seien vor allem die Fischerei und der Tourismus. Zudem gibt es wenig Abflüsse.

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Foto: AFP/RODRIGO FONSECA

Warum ist Plastik im Meer ein Problem? Zu einen dauert es Jahrzehnte bis Jahrhunderte, bis sich Plastikmüll in der Umwelt zu Mikroplastik (mit Durchmesser bis zu fünf Millimeter) zersetzt hat, wie die SMC-Experten betonen. Plastikmüll bedroht Meerestiere: Das Bild von der Schildkröte, die sich in einem Plastiknetz verfangen hat, wurde zum Symbol des Problems. Aber auch für Menschen kann der Plastikmüll Probleme bringen: Zusatzstoffe in Kunststoffen wie Bisphenol A oder einige Phthalate (Weichmacher) können hormon- und fortpflanzungsschädigend wirken. Die EU schränkt sie daher auch ein. Die Wirkung von Mikro- und Nanoplastik im Körper wird noch erforscht. Es gibt Hinweise auf Gesundheitsfolgen von Mikroplastik aus Tierversuchen wie Störungen des Immunsystems, erhöhtes Krebsrisiko oder die Veränderung des Darmmikrobioms.

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Foto: dpa/Barbara Munker

Kann man die Meere säubern? Forscher halten das für vergebene Liebesmüh. „Wir müssen den Hahn zudrehen, bevor wir aufwendig und teuer Plastik aus dem Meer fischen“, sagt Melanie Bergmann, Meeresökologin am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. „Wenn Cleanup-Systeme im nötigen Maßstab im Ozean eingesetzt würden, würden die meisten von ihnen aktuell zu viele CO2-Emissionen und Sterblichkeit der mitgefangenen Tiere verursachen, statt ökologische Probleme zu lösen.“ Ein Ausweg könnten allenfalls segelschiffbasierten Methoden sein, die zum Beispiel schwimmende Geisternetze entfernen, so Bergmann. Diese losgerissene Netze der Fischereischiffe sind einer der Verschmutzer der Ozeane. „Ich halte Cleanup-Aktionen im Meer für sinnlos. Die Ressourcen wären an der Quelle viel besser eingesetzt“, sagt auch Forscher Christian Schmidt und weist auf die Dimensionen des Plastikmüll-Teppichs allein im Pazifik hin: „Allein der Great Pacific Garbage Patch hat eine Fläche von 1,6 Millionen Quadratkilometern. Zum Vergleich: Die Fläche Deutschlands beträgt 358.000 Quadratkilometer. Man würde nie fertig werden.“ Sinnvoller sei es dagegen, die Strände zu säubern. Sie seien leichter zu erreichen und so verhindere man, dass Müll wieder ins Meer gespült würde. Schmidt fordert: „Die Vermeidung von Abfall – zum Beispiel durch die Reduzierung von Einwegplastik und Abfallmanagement – haben die höchste Priorität. Jeder kann beitragen.“

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