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Sterbehilfe in Belgien: Freispruch für Ärzte bei Prozess

Urteil für die Zukunft : Belgisches Gericht spricht Ärzte in Prozess um Sterbehilfe frei

Seit 2002 ist die aktive Sterbehilfe in Belgien erlaubt, dennoch ist die Regelung umstritten. In dem Prozess um den Tod einer 38-Jährigen ging es auch um die künftige Praxis der gesetzlich geregelten Tötung auf Verlangen.

Die Mediziner sind erleichtert. Der Anwalt der klagenden Angehörigen sieht „Euthanasie jetzt außer Kontrolle“: Im Streit um Sterbehilfe hat ein belgisches Gericht drei Ärzte vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen. Ihnen war von Angehörigen vorgeworfen worden, 2010 eine 38-Jährige vergiftet zu haben, die unter psychischen Problemen litt und bereits mehrere Selbstmordversuche hinter sich hatte. Als die Geschworenen am Freitagmorgen ihre nach acht Stunden gefällte Entscheidung bekanntgaben, brach unter den verbliebenen Zuschauern heftiger Jubel aus. Ein Anwalt der Familie warnte dagegen, nun sei Sterbehilfe außer Kontrolle.

Der Prozess galt als Test für das belgische Gesetz zur Sterbehilfe. Das Königreich ist einiges der wenigen Länder, die Ärzten Sterbehilfe erlauben, und nur eines von zweien, die dies auch für psychisch Kranke gestatten. Die Familie der 38-Jährigen hatte die Mediziner mit dem Argument verklagt, der seelische Zustand der Patientin sei nicht hoffnungslos und eine Behandlung immer noch möglich gewesen. Eine erste Instanz hatte den Fall gar nicht zugelassen. Der Prozess kam erst nach einem Einspruch ins Rollen.

Verteidiger Walter Van Steenbrugge sagte, das Urteil gebe allen Ärzten Sicherheit, die über Sterbehilfe entscheiden müssten. Bei einer anderen Entscheidung hätten wohl nur noch wenige das Risiko auf sich genommen, sich mit einer möglichen Sterbehilfe zu befassen. Die freigesprochene Psychiaterin Lieve Thienpont sagte dem Sender VRT: „Das ist so eine Erleichterung. Das hat uns zehn Jahre verfolgt.“ Das Recht Todkranker auf ein würdevolles Ende bleibe gewahrt.

Ein Anwalt der Familie der 38-Jährigen, Fernand Keuleneers, erklärte dagegen: „Das Euthanasie-Gesetz ist jetzt außer Kontrolle. Jeder kann machen, was er oder sie will. Die politische Welt ist mit einem gewaltigen Problem konfrontiert.“

2018 gab es in Belgien, das 11 Millionen Einwohner hat, 2357 Fälle von Sterbehilfe. Mehr als 40 Prozent waren Patienten über 80 Jahre. 57 Fälle hatten einen psychologischen Hintergrund. Patienten können Sterbehilfe beantragen, wenn sie bei klarem Verstand und in einer medizinisch ausweglosen Situation sind, unerträgliche Schmerzen erleiden und eine schwere, unheilbare Krankheit haben. Französisch heißt das Gesetz: „Loi relative à leuthanasie“.

(ala/dpa)