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Modelldorf in den Niederlanden: So könnten die Wohnviertel der Zukunft aussehen

Modelldorf in den Niederlanden : So könnten die Wohnviertel der Zukunft aussehen

Laut einem Sonderbericht des Weltklimarates helfen nur noch drastische Maßnahmen gegen den Klimawandel. Aber wie müssten sich Städte und Gemeinde verändern, um klimafreundlich zu sein? Ein holländischer Wissenschaftler hat eine Antwort.

Es sieht aus wie ein Hobbit-Dorf, liegt aber nur rund zwei Autostunden von Düsseldorf entfernt im Osten Hollands: das Ökodorf Aardehuizen. In 23 Häusern aus recyceltem Müll und Sperrmüll leben dort bis zu 50 Menschen. Sie produzieren ihren eigenen Strom, ihre eigene Heizwärme und das Abwasser wird wiederverwertet. Aardehuizen gilt als Vorzeigeprojekt in den Niederlanden. Als Beispiel dafür, wie die Zukunft aussehen könnte, nicht nur für das 17-Millionen-Volk, sondern für viele Bürger in der EU. Aardehuizen ist eines von vier Wohnprojekten, die Ingenieur Florjin de Graaf genutzt hat, um Strategien für eine Energiewende in Städten und Gemeinden zu entwickeln. Auftraggeber ist die niederländische Regierung. Sein Ergebnis: In Häuser aus Müll müssen Stadtbewohner nicht umziehen. Aber ihr Versorgungssystem würde sich grundlegend verändern.

Hintergrund der Studie ist ein niederländisches Gesetz, das als Vorbild für die ganze Welt gilt: Es schreibt fest, dass die klimaschädlichen CO2-Emissionen des Landes bis 2050 verbindlich um 95 Prozent gegenüber 1990 gesunken sein müssen. Bis 2030 sollen es schon minus 49 Prozent sein. Ab 2019 muss die Regierung alle fünf Jahre eine Strategie vorlegen, wie diese Ziele zu erreichen sind. Und jedes Jahr muss sie mit einem „Klimatag“ die Öffentlichkeit informieren. Minus 95 Prozent, das bedeutet, spätestens in 32 Jahren ist in den Niederlanden Schluss mit Kohlekraftwerken, Gasheizungen, Autos mit Verbrennungsmotor. Das heißt aber auch: Eine völlige Umstellung in Sachen Kohlekraftwerke, Raffinerien und Chemieanlagen ist nötig. Außerdem erfordert das ambitionierte Ziel neue Ideen für Landwirtschaft und Stadtplanung. Hier kommt Florijn de Graaf ins Spiel: „Derzeit ist die Art, wie wir erneuerbare Energien produzieren, völlig uneffektiv“, sagt er. Seine Vision ist so radikal wie einfach: „Die Menschen, die in einem Viertel zusammenleben, müssen ihren eigenen Strom aus erneuerbaren Energien herstellen, sich komplett unabhängig vom großen Stromnetz machen und sich zu einem Micro-Stromnetz zusammenschließen, das von einem intelligenten System gesteuert wird“, sagt der Ingenieur.

Bei Sonnenschein soll der Strom aus sämtlichen Fotovoltaikanlagen des Viertels oder der Gemeinde etwa automatisch an jene E-Autos geleitet werden, die an der Stromzapfsäule hängen. Überschüssige Energie würde automatisch an die Heizungsanlage des Nachbarn weitergegeben, wenn beim Produzent niemand zu Hause ist, oder sie würde für später in Batterien gespeichert. „Unsere Studien zeigen, dass sich dieses Konzept auf Dörfer, Gemeinden, Stadtviertel, aber auch auf Hochhäuser anwenden lässt. Und es ist die kostengünstigste Möglichkeit, eine Infrastruktur zu schaffen.“

In Aardehuizen zum Beispiel besteht das Versorgungssystem aus Heizpumpen, elektrischen Boilern, Solarthermie, Fotovoltaik, Holzöfen und einen Anschluss an das Stromnetz. „Damit ist die die Energieversorgung auf lange Sicht bereits erheblich günstiger als aus herkömmlichen Stromnetzen“, sagt de Graaf. Für den Bericht hat der Ingenieur ausgerechnet, was passiert, wenn man in dem Ökodorf ein intelligentes Versorgungssystem installiert: Aardehuizen könnte bis zu 89 Prozent seines Strombedarfs selbst decken und ökonomisch sinnvoll unter den Bewohnern verteilen. „Das würde sämtliche Einspeisungsprobleme von Strom aus erneuerbaren Energien ins Netz vermeiden“, sagt de Graaf.

Laut dem Ingenieur könnte man diese Synergieeffekte allerdings in wesentlich mehr Bereichen nutzen. „Stellen Sie sich vor, das Abwasser aus der Toilette wird recycelt, wandert in den Bio-Fermenter und wird zur Erdgas-Herstellung genutzt, das wiederum in Hitze, CO2 und Strom umgewandelt wird. Wärme und Strom gehen in die Häuser der Anwohner, das CO2 wandert in städtische Treibhäuser, etwa auf dem Dach und produziert somit Lebensmittel - das wäre höchst effizient.“ Smarthoods, also intelligente Viertel, nennt de Graaf solche unabhängigen Wohneinheiten. „Unsere Berechnungen zeigen, dass es möglich ist bis zu 100 Prozent unabhängig bei Strom, Wärme und Wasser und zu 50 Prozent unabhängig von der kommerziellen Lebensmittelproduktion zu sein.“ De Graafs nächster Schritt ist nun, ein solches Smarthood in den Niederlanden zu bauen. „Wenn das funktioniert, könnte das System auf Städte angewendet werden“, sagt de Graaf.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So könnten wir in Zukunft wohnen