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100.000 infizierte Menschen: Schweinegrippe trifft Briten am schwersten

100.000 infizierte Menschen : Schweinegrippe trifft Briten am schwersten

London (RP). Während in Deutschland aufgrund der Rückreisewelle vieler Touristen inzwischen 1500 Menschen mit der Schweinegrippe infiziert sind, spitzt sich die Situation in Großbritannien dramatisch zu. Nach Informationen des "Guardian" haben sich im Vereinigten Königreich bereits mehr als 100.000 Menschen mit dem potenziell tödlichen Virus angesteckt. Rund 55.000 Infektionen sind alleine in der vergangenen Woche neu dazugekommen.

Cherie Blair ist bislang das prominenteste britische Opfer der Schweinegrippe, die sich auf der Insel so schnell ausbreitet wie sonst nirgendwo in Europa. Sie wollte zur Verleihung der Ehrendoktorwürde nach Liverpool reisen und ihren neuen Titel später mit einer Grillparty in London feiern. Doch als der Husten und das hohe Fieber kamen, blieb Cherie Blair doch lieber zu Hause. Nach der Behandlung mit Tamiflu werde die Frau des früheren britischen Premiers voraussichtlich am Montag wieder beschwerdefrei sein, hieß es am Wochenende. Ihr Mann und die vier Kinder sollen gesund sein.

Virusträger suchen keine Arztpraxen auf

Nach neuen Epidemieregeln suchen die Virusträger in Großbritannien nicht länger die Arztpraxen auf, sondern sie lassen sich telefonisch beraten. Viele überforderten Allgemeinmediziner schaffen es jedoch nicht, täglich 400 oder noch mehr Anrufe ihrer Patienten mit Schweinegrippe zu beantworten. Die Zeitungen berichten von Fällen, in denen die Erkrankten bis zu elf Stunden auf Rückmeldungen ihrer Hausärzte warten mussten.

39 Briten sind bislang gestorben

Bislang sind 39 Briten an Schweinegrippe gestorben, darunter mindestens fünf Kinder. Zu den letzten Fällen gehörten die 39-jährige Ruptara Miah aus Bangladesch, die kurz vor dem Tod noch ein Baby zur Welt gebracht hatte, und ein sechs Monate altes Mädchen aus London. Wie die meisten anderen H1N1-Todesopfer hätten beide zusätzlich an anderen schweren Krankheiten gelitten, sagen die Mediziner. Eine Entwarnung für die Öffentlichkeit wollen sie dennoch nicht geben.

Bis zum Jahresende könnte alles schlimmer werden

Im Gegenteil: Nach neuen offiziellen Berechnungen könnte die Epidemie in Großbritannien bis zum Jahresende viel schlimmer treffen als bislang angenommen. Am vergangenen Freitag überraschte das Gesundheitsministerium die Inselbewohner mit einer frischen Horrorprognose: Danach könnten in den kommenden sechs Monaten 65.000 Menschen an Schweinegrippe sterben, durchschnittlich einer von 200 Erkrankten. Das höchste Todesrisiko bestehe für schwangere Frauen und Kinder im Alter bis fünf Jahren, sagen die Virologen.

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Werdende Mütter sollen nicht Bahn fahren

Die Behörden baten gestern vorsorglich alle werdenden Mütter, nicht länger die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen, um ihr Ansteckungsrisiko zu minimieren. Warum das Inselkönigreich neben USA und Mexiko zum weltweit größten Schweinegrippe-Brennpunkt geworden ist, ist bislang ungeklärt. Nach einer Theorie ist das Land besonders gefährdet, weil es das wichtigste internationale Drehkreuz für Reisen zwischen Amerika, Europa und Asien ist.

Manche Experten wie der oberste Gesundheitsberater der Regierung, Sir Liam Donaldson, erklären die hohe Zahl der Infizierten in Großbritannien mit der besseren Krankheitsüberwachung, verglichen mit anderen Ländern Europas. Andere Fachleute machen genetische Faktoren für die schnelle Verbreitung von H1N1 verantwortlich. Sicher ist sich keiner. "Dies bleibt die Einmillionen-Dollar-Frage" scherzte der "Guardian" am Wochenende.

Die Briten reagieren gelassen

Die Briten reagieren in der Regel gelassen auf Katastrophen und Extremsituationen, weswegen auch die neuen Schreckensstatistiken nicht zur Panik geführt haben. Auf Empfehlung der staatlichen Gesundheitsbehörde NHS haben sich viele Menschen so genannte "Schweinegrippe-Freunde" gesucht, die für sie im Krankheitsfall Anti-Grippe-Medikamente in bestimmten Arztpraxen abholen könnten. Andere halten auch diese Vorsichtsmaßnahme für überflüssig. "Jede Grippe ist potenziell gefährlich, nicht nur diese — und bislang haben wir alle irgendwie überstanden. Ich mache mir keine Sorgen", sagt die 19 Jahre alte Studentin Leanne Schofield aus Kingston Upon Thames.

Viele Urlauber sind beunruhigt

Dagegen sind viele britischen Urlauber beunruhigt, die Flugreisen ins Ausland gebucht haben. In Heathrow und auf manchen anderen Flughäfen werden Passagiere mit Grippe-Symptomen nicht länger eingecheckt, sondern sie werden gleich nach Hause geschickt. Pech hatte eine Gruppe von 50 Schülern und Lehrern aus London, die zu Sprach- und Kulturstudien nach China gereist war. Seit die chinesischen Ärzte bei acht Jugendlichen Schweinegrippe diagnostiziert haben, müssen alle Briten in einem Hotel in Peking unter Quarantäne bleiben.

Hier geht es zur Infostrecke: Schweinegrippe: Verhaltensregeln für Reisende

(RP)