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Nach Lockerung der Blockade durch Israel: Schmuggler im Gazastreifen bangen um Aufträge

Nach Lockerung der Blockade durch Israel : Schmuggler im Gazastreifen bangen um Aufträge

Rafah (RPO). Im Gazastreifen hängt die Zukunft eines ganzen Geschäftszweigs in der Schwebe. Nach der im Juni bekanntgegebenen Lockerung der israelischen Blockade bangen die Betreiber von Tunneln, durch die Schmuggelware in den Gazastreifen geschleust wird, um Aufträge.

Durch einige der vielen unterirdischen Gänge werden nur noch die begehrtesten Güter, darunter Zement, Stahl, Benzin und Zigaretten, geschmuggelt. In anderen wurde der Betrieb ganz ausgesetzt. "In diesen Tagen ist der Verkehr sehr schwach", sagt Tunnelbetreiber Ajman.

Seit Beginn der Blockade, die Israel 2007 nach der gewaltsamen Übernahme des Gazastreifens durch die Hamas verhängte, durften nur wenige Dutzend Handelsgüter in das Gebiet eingeführt werden. Infolgedessen gedieh der Schwarzhandel, und eine breite Auswahl an Gütern wurde durch die Tunnel geschleust - von Benzin über Süßigkeiten bis hin zu Autos und sogar Tieren wie Schafe und Ziegen.

Doch nach dem tödlichen Angriff auf einen propalästinensischen Hilfskonvoi Ende Mai änderte sich die Lage, Israel lockerte die Blockade auf internationalen Druck. Laut einem Sprecher des israelischen Verteidigungsministeriums soll sich die Zahl der Lkws, die Waren aus Israel in den Gazastreifen transportieren, innerhalb der nächsten zwei Monate auf etwa 250 pro Tag verdoppeln.

Einige Ladenbesitzer und Händler im Gazastreifen haben nach Ankündigung der Lockerung der Blockade ihre Bestellungen storniert. Sie wollen abwarten, ob legal importierte Güter aus Israel billiger sind als geschmuggelte.

Dringender Bedarf an Baumaterialien

Auf einer von der israelischen Regierung am Montag veröffentlichten Liste von Gütern, deren Einfuhr in den Gazastreifen weiterhin verboten bleibt, stehen Baumaterialien wie Stahl, Asphalt und Zement. Doch gerade die werden im Gazastreifen gebraucht, um zerstörte Fabriken wieder in Betrieb nehmen zu können und die Industrie aufzubauen.

Vor den Tunneln im Gazastreifen, deren Eingänge unter Zelten verborgen sind, herrscht normalerweise reger Betrieb. Zahlreiche Lkws warten vor den Eingängen auf ankommende Schmuggelware. Doch zuletzt standen dort nur noch wenige Fahrzeuge, und die einzigen Ladungen, die abgeholt wurden, bestanden aus Zement und Stahlstäben.

Auch Ajman, der wie alle Tunnelbetreiber Steuern an die Hamas-Regierung zahlen muss, hat sich auf den Schmuggel von Handelsgütern beschränkt, die auch nach Lockerung der Blockade noch benötigt werden. Das Geschäft mit Zement und Benzin sei weiterhin lukrativ, sagt er. Die Freizeit, die er aufgrund des schwächelnden Schwarzmarktes gewonnen habe, nutze er, um seinen Tunnel zu renovieren.

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Schmuggeln, solange der Preis stimmt

Inzwischen hat Israel die Einfuhr von mehreren Dutzend Gütern in den Gazastreifen wieder zugelassen, darunter Marmelade. Für den 44-jährigen Abed, Besitzer einer Lagerhalle in dem Gebiet, bedeutete dies einen Verlust von umgerechnet knapp 8.000 Euro bei einer einzigen Lieferung. Die aus der Türkei eingeführte Marmelade sei 30 Prozent teurer als die aus Israel gewesen.

Abeds Lagerhalle war bis vor kurzem noch mit Dingen wie Schokolade, Kaugummi, Limonade, Saft und Milch gefüllt. Doch mittlerweile prüfe er genau, ob sich der Schmuggel einer Ware noch lohne, sagt der Mann.

Maher Abdel-Hadi, Inhaber eines Supermarkts in Gaza-Stadt, sagt, er werde noch so lange von Schmugglern kaufen, wie der Preis stimme. Auch wenn er legale Importe dem Schmuggel vorziehe, hoffe er, dass die Tunnel weiterhin in Betrieb blieben. Dadurch solle für den Fall vorgesorgt werden, dass Israel die Blockade wieder verschärfe. "Wir werden weiterhin den Launen der Israelis ausgesetzt sein", sagte er. "Wir trauen ihren Worten nicht."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Gaza 2010: Israelische Marine greift Hilfskonvoi an

(apd/nbe)