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Roermond: So sieht das Leben in der Sperrzone aus

Roermond : So sieht das Leben in der Sperrzone aus

In der Roermonder Innenstadt laufen die Säuberungsarbeiten nach dem Großbrand im Yachthafen. Überall auf den Autos und Wegen liegen Asbest-Klümpchen. Bereits heute soll die Innenstadt wieder freigegeben werden.

Jan van het Schib taucht die Pfoten von "Kelabo" in einen Eimer mit Wasser und wäscht sie. Der große graue Hund hält still. Er kennt das Prozedere schon: Seit Mittwoch muss der Rüde nach jedem Spaziergang durch die Innenstadt von Roermond zur Pfotenreinigung, bevor er ins Haus darf. Seine Besitzer wohnen mitten im historischen Ort. Marian Hendriks hat dort im September einen Vintage-Laden eröffnet. Doch der muss nun wegen des Asbest-Alarms für vier Tage geschlossen bleiben. "Uns tut das richtig weh", sagt die 58-Jährige. Sie rechnet mit Einbußen von 1500 Euro.

Roermond gleicht nach dem Großbrand, der in der Nacht zu Mittwoch in einem Bootshaus nahe des Jachthafens "Het Steel" ausgebrochen war, einer Geisterstadt. Auf den Straßen der sonst so belebten Kleinstadt sind kaum Menschen zu sehen, wer nicht dringend zur Arbeit muss, bleibt zu Hause. Dort, wo sonst hunderte Menschen flanieren, flattern nun gelbe Absperrbänder mit Totenkopfsymbolen und der Aufschrift "Verboden Toegang Asbest". Fast alle Geschäfte sind geschlossen, nur in einem Friseursalon werden noch Haare geschnitten. Vor den Häusern stehen Wannen mit Wasser, in die Menschen ihre Schuhe hineintauchen, um die Asbestfasern loszuwerden. Auf den Autos liegen teils große Asbestklümpchen, auch auf den Wegen sind die durch den Regen dunkelgrau gefärbten Partikel zu sehen. "Nur gut, dass es nass ist", sagt Hendriks. Dann bleibt der krebserregende Stoff am Boden und ist nicht gefährlich für die Menschen. Die Bewohner dürfen das Gebiet nur an Dekontaminationspunkten verlassen. Alle Autos werden abgespritzt, damit sie keine Rückstände transportieren.

Ein Mitarbeiter der Asbest-Säuberungsfirma geht von Laden zu Laden und klärt über die nächsten Schritte auf. "Wir werden zunächst die Straßen säubern, dann die Bürgersteige und Autos", sagt der Asbest-Experte, der in seiner Hand einen Plan mit den Abschnitten des Sperrgebietes hält, die nach und nach abgearbeitet werden. In einem Areal von 4,6 Quadratkilometern müssen Partikel entfernt werden. Rund 80 Mitarbeiter seien im Einsatz, Unterstützung gibt es unter anderem vom Technischen Hilfswerk aus Erkelenz. "Wir hoffen, dass wir bis Samstag fertig sind." Die Brandursache ist noch immer unklar.

Restaurantbesitzer Graziano Minerva hilft mit: Mit einem Wasserschlauch reinigt er den Bereich vor seinem Lokal. "Schön wäre es, wenn wir schon früher wieder öffnen könnten", sagt er. Auch seine Verluste seien mit 4000 Euro erheblich. Die Geschäftsleute hoffen auf Ausgleichszahlungen. Sie finden es ungerecht, dass das Outlet-Center, das nur wenige hundert Meter entfernt ist, geöffnet bleiben darf.

Die Stelle, an der zwei Bootshäuser in Flammen aufgegangen waren, wird von Sachverständigen in weißen Anzügen untersucht. Alexander Odekerken hat den Brand von seiner Wohnung nahe dem Hafen aus beobachtet: "Wir sind durch Geräusche wie bei einem Feuerwerk aufmerksam geworden", erzählt der 68-Jährige. Dann habe sich das Feuer sehr schnell ausgebreitet. Er habe keine Angst rauszugehen: "In meinem Alter macht das nichts mehr."

In den Häusern am Hafen werden Proben genommen. Es gilt zu klären, ob Partikel ins Innere geraten sind. In der Umgebung werden dutzende neue Penthouse-Wohnungen gebaut. "Wir wollten eigentlich zu Weihnachten in unserer neuen Wohnung sein", sagt Wendy. "Aber jetzt wird es wohl sehr lange dauern, bis wir einziehen können." Die Arbeiten hatten sich ohnehin verzögert, gerade waren sie und ihr Mann dabei, die Innenarbeiten abzuschließen. "Wir hatten zwar die Fenster geschlossen, die Lüftung jedoch maximal aufgedreht." Bei ihnen seien schon Proben genommen worden. "Es sieht nicht gut aus", sagt sie.

Im Outlet-Center ist von alledem nichts zu spüren. "Wir haben kurz überlegt, ob wir zu Hause bleiben sollen, uns dann aber für einen Besuch entschieden", sagt ein 53-Jähriger aus der Nähe von Köln. Marketing-Manager Oliver Jatho erklärt: "Die Behörden haben uns versichert, dass keinerlei Gefahr besteht." Deshalb gebe es keine Veranlassung zu schließen. Gestern seien zehn Prozent weniger Besucher gekommen. Schilder, die die Situation erklären, gibt es am Eingang nicht, auf der Homepage findet sich aber ein Hinweis. "Wir haben davon noch nichts mitbekommen", sagt eine 35-Jährige aus Neuss, die mit ihrem Mann und ihrer drei Monate alten Tochter das Outlet besuchen wollten. "Das ist uns wegen der Kleinen zu riskant", sagt die Frau. "Wir fahren wieder nach Hause."

(RP)