Paris: Ist die Trauer übertrieben?

Debatte nach dem Terror in Paris : Ist die Trauer übertrieben?

Nach den Terroranschlägen in Paris gab es weltweit Solidaritätsbekundungen und Anteilnahme. Einige Gruppen instrumentalisierten die Trauer aber auch für ihre Interessen. Ob wir alle Charlie sind, ist durchaus umstritten. Ist die Trauer also übertrieben? Dazu ein Pro und Contra.

Ja sagt Sebastian Dalkowski

Niemals ist Facebook so langweilig wie an einem Tag, an dem in der Welt etwas Dramatisches passiert. Zwar haben wir das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, von jeder Entwicklung sofort zu erfahren. Doch dann stellen wir fest, dass es doch dieselben Informationen sind, die einfach immer wieder und von verschiedenen Leuten verbreitet werden.

Wer am 7. Januar 2015 den ganzen Tag offline war und erst abends die "Tagesschau" sah oder wer erst am nächsten Morgen die Zeitung las, der war genauso informiert über die Ereignisse in Paris wie der, der die Ereignisse über Facebook und Twitter verfolgt hatte. Nur dass dieser am nächsten Tag möglicherweise schon genug vom Thema hatte und zur Tagesordnung überging.

Soziale Netzwerke sind der Ort des 21. Jahrhunderts, an denen Themen groß werden — die zahlreichen Youtube-Videos sind dafür ein Beleg — oder noch größer gemacht werden. Doch letztlich ist es egal, wie dramatisch das Ereignis ist. Jedes Thema überlebt in den sozialen Netzwerken nur eine gewisse Zeit. Einen Tag lang prasseln von allen Seiten die Postings zum selben Thema auf uns ein, und wir selbst tragen dazu bei.

Wir posten den Artikel von "Spiegel Online" zum Anschlag, ganz so, als wäre das ein Geheimtipp, wir bekunden, wie unfassbar entsetzt wir sind, wir verbreiten die Karikaturen und wir tauschen unser Profilbild durch den Schriftzug "Je suis Charlie" aus, um unsere Solidarität zu bekunden. Niemand würde es uns übel nehmen, wenn wir all dies nicht täten. US-Präsidenten und Kanzlerinnen müssen ihr Mitgefühl bekunden, wir müssen es nicht. Trotzdem tun wir es. Weil es sich so gehört. Irgendwie. So wird Mitgefühl zu unserer digitalen Pflichtübung.

Dabei vergessen wir: Wer trauern will, soll trauern. Aber wer nicht, sollte es nicht aus Pflichtgefühl vorgeben. Der Überfluss an Informationen hat Folgen: Am Ende des Tages haben wir den Eindruck, dass wir allmählich genug vom Thema haben. Wenn es früher in der Welt dramatisch zuging, standen uns Fernseher oder das Radio zur Verfügung, Websites und Zeitungen — nun prasselt durch die sozialen Netzwerke alles gleichzeitig auf uns ein. Mit der Folge, dass wir mit Ereignissen viel schneller durch sind. Möglich, dass uns auch der 11. September 2001 nicht so lange beschäftigt hätte, wenn es damals schon Facebook gegeben hätte.

Noch deutlicher wird das Ritual des digitalen Trauerns, wenn es nicht um nachrichtliche Großereignisse geht, sondern um den Tod eines Prominenten. Denn dort gibt es keine Folge-Ereignisse wie eine Geiselnahme oder die Tätersuche der Polizei. Ein Promi ist tot. Das ist die Nachricht. Das ist das Erdbeben. Aber es folgt keine weitere Nachricht, es gibt keine Entwicklung. Das erhöht die Geschwindigkeit, mit der die Nachricht wieder in den Hintergrund gerät. Unser Umgang mit dem Tod eines berühmten Menschen ist schon beinahe erschreckend souverän und vorhersehbar. Ein Gutes aber hat es immerhin, wenn alles seine Runde durch die sozialen Netzwerke macht und dann nie wieder zurückkehrt, egal, wie dramatisch die Nachricht ist: Die Welt dreht sich immer weiter. Es wird immer Katzenvideos geben.

Nein sagt Thomas Reisener

Ich begreife es nicht. Ein Attentat erschüttert die Welt. Und die Welt steht auf. Sie erhebt sich geschlossen gegen den Terror und zeigt Courage. Aber in Deutschland ist das einigen mal wieder nicht recht. Jedenfalls so nicht. Sie beklagen jetzt, dass andere irgendwie nicht richtig aufgestanden sind. Nur so getan haben, als ob. Dass diese Pseudo-Aufsteher nicht mutig genug seien. Dass sie nur mit "Je suis Charlie"-Buttons bei Facebook posieren und sich sonst gar nicht für Karikaturen interessieren. Das sei ja heuchlerisch, sagen die Trauer-Kritiker. Und irgendwie reflexhaft, wenn da jetzt Menschen und Organisationen mitmachen, die sonst gar nicht mutig sind.

Ich halte diese Trauer-Rezension für selbstgerecht. Auf Beerdigungen verteilt man ja auch keine Haltungsnoten für die Trauernden. Wie ich trauere, und ob es wirklich Trauer oder nur Betroffenheit ist, geht niemanden etwas an. Ich halte es auch nicht für besonders mutig, wenn die Trauer-Kritiker denen, die sie für mutlos halten, den Mund verbieten. Solidarität und Trauer sind etwas Emotionales und damit immer individuell. Ich finde es gut, dass die Reaktion auf den Terror von Paris ganz unterschiedliche Ausdrücke von Betroffenheit hervorruft, und ich halte jeden davon für wichtig und berechtigt. Auch die reflexhaften, denn das ist ein guter Reflex. Es gibt keine Betroffenheit erster und zweiter Klasse.

Wer in diesen Tagen Solidarität mit den Opfern von Paris bekundet, tut das spontan. Viele Reaktionen wirken deshalb unbeholfen oder naiv. Im Angesicht des Unfassbaren ist aber jeder Mensch unbeholfen. Manche können das nur besser verbergen als andere. Sollen die anderen deshalb schweigen? Wenn jemand mit einer roten Schleife am Revers Solidarität mit Aidskranken ausdrückt, fragt doch auch niemand nach der Berechtigung. Die rote Schleife, der "Je suis Charlie"-Button, das Kreuz der Christen, der Handschlag — all das sind Symbole des guten Willens. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Was gibt es daran auszusetzen?

Leider gibt es ein deutsches Trauer-Thema, bei dem die Trauer-Kritiker inzwischen sogar mehr Aufmerksamkeit haben als das Trauer-Thema selbst: den Nationalsozialismus und dessen Opfer. Wehe, wenn bei diesem Thema jemand einen schiefen Vergleich bemüht, ein historisches Datum verwechselt oder sonst wie vom Kanon der bewährten Sprachregelungen abweicht. Dann ist aber was los. Dann posaunen ihm die Besser-Trauerer sofort ihre Naivitäts-und Verharmlosungsvorwürfe um die Ohren. Weil der Posaunenchor schon so manchen Politiker aus dem Amt geblasen hat, hört man zu dem Thema auch kaum noch Überraschendes. Dafür umso mehr Reflexhaftes. Die sogenannte Auseinandersetzung mit dem Nazionalsozialismus ist in weiten Teilen keine mehr, sondern ein vorhersehbares Ritual.

Aber deshalb fordert ja trotzdem niemand die Abschaffung der Gedenktage. Es geht eben nicht nur um die Originalität des Ausdrucks. Zuallererst geht es darum, wenigstens nicht zu schweigen. Je suis Charlie. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Hier geht es zur Infostrecke: So zeigen sich Cartoonisten solidarisch

(tor)
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