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Oder: Fischsterben - vergiftetes Wasser, verlorenes Vertrauen​

Fischsterben in der Oder : Vergiftetes Wasser, verlorenes Vertrauen

Wer und was ist schuld am Fischsterben in der Oder? Nach breiter öffentlicher Kritik wollen Polen und Deutschland nun gemeinsam beraten. Bislang lief die Aufklärung zäh. Die Region erlebt eine ökologische Katastrophe.

Nach breiter öffentlicher Kritik beraten Deutschland und Polen gemeinsam über die Aufklärung des massenhaften Fischsterbens in der Oder. In Stettin wollte Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) am Sonntagabend ihre polnische Amtskollegin treffen. Tagelang hatte es offen Kritik gegeben, Polen habe nicht rechtzeitig über das Fischsterben informiert und Meldeketten nicht eingehalten. Die Suche nach der Ursache dauerte an. Für diesen Montag werden in Brandenburg weitere Labor-Ergebnisse erwartet. Geprüft wird etwa, ob ein erhöhter Salzgehalt im Zusammenhang mit dem Fischsterben steht.

„Ich erwarte natürlich eine vollständige Aufklärung und vollständige Transparenz darüber, was passiert ist“, sagte Lemke. Die Grünen-Politikerin machte sich bei Frankfurt an der Oder ein Bild von dem Fischsterben. Zwischen Katowice (Kattowitz) und der Flussmündung sollen bereits 28 Tonnen verendeter Fische aus dem Fluss geborgen worden sein, so polnische Quellen.

Polens Umweltministerin Anna Moskwa hatte erklärt, dass Quecksilber ebenso wenig wie Schwermetalle Ursache der Verunreinigung sei. Sie bezog sich dabei auf Ergebnisse des polnischen Veterinärinstituts. In der Umweltverwaltung des Landkreises Märkisch-Oderland wurden vergangene Woche hohe Quecksilberwerte im Wasser ausgemacht. Später habe ein deutsches Labor deutliche Salzgehalte im Flusswasser nachgewiesen. Laut dem polnischen Umweltschutz-Inspektorat sei schon Ende Juli der Kohlenwasserstoff Mesitylen in hoher Konzentration nachgewiesen worden.

Nun mehren sich Stimmen von Experten, dass nicht ein chemischer Stoff Ursache der Vergiftungen sein könne. Bis Sonntag hatte Polen allerdings noch kein Ergebnis der umfassenden Gewässeranalyse veröffentlicht – auch eine Tatsache, die Lemke wie die regierungskritischen polnischen Medien kritisieren.

„Ich könnte vor Wut schreien“, sagte Polens Premierminister Mateusz Morawiecki kürzlich angesichts der ökologischen Katastrophe. Unklar ist dabei, ob sich Morawieckis Wut nicht auch gegen eigenes Versagen oder das seiner Regierungsmitarbeiter richtet. Nach eigenen Angaben erfuhr der Nationalkonservative erst am 9. oder 10. August von den Zuständen. Doch schon am 26. Juli berichteten polnische Fischer im Raum der niederschlesischen Stadt Olawa (Ohlau) den Behörden von verendeten Fischen. Lange hielten sich die der Regierung nahestehenden öffentlich-rechtlichen Medien mit der Berichterstattung zurück – ein Verhalten, das Misstrauen schürte.

Verschleppt hätten die Behörden die Angelegenheit, so Vorwürfe von Fischern, Ökologen und der polnischen Opposition. Auch die „Internationale Kommission zum Schutz der Oder gegen Verunreinigung“, die aus tschechischen, polnischen und deutschen Mitwirkenden besteht, ist nach polnischen Medienberichten nicht von Warschau benachrichtigt worden. Mittlerweile sind zwei Funktionäre aus den Umweltbehörden auf Geheiß der Regierung entlassen worden. Das Verteidigungsministerium in Warschau hat das Militär sowie die Nationalgarde mit der Reinigung des Flusses betraut. Die Polen dürfen sich nicht mehr dem Ufer nähern, regional ist der Katastrophenfall beantragt worden, und wer den Verursacher der Verunreinigung ausfindig macht, darf umgerechnet über 200.000 Euro einstreichen. Zwei Verdächtige gibt es bereits – die Papierfabrik Jack-Pol bei Olawa, wo die toten Fische erstmals gesichtet wurden. Die Unternehmensleitung ist derzeit mit Drohungen konfrontiert, bestreitet aber, mit der Vergiftung etwas zu tun zu haben. Brisanter wäre es, wenn flussaufwärts bei Kedzierzyn Kozle (Kandrzin-Cosel) ein Chemiewerk des Konzerns Grupa Azoty belangt würde – hier ist der polnische Staat der Haupteigentümer.

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Inzwischen wurden neben Fischen in Polen auch verendete Biber und Vögel entlang des Flusses gefunden sowie tote Muscheln und Krebse. Letztere galten lange als Beweis für die Sauberkeit des Wassers. Biologen in Polen gehen davon aus, dass der Fluss Jahrzehnte braucht, um sich zu erholen. (mit dpa)

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Suche nach der Ursache des Fischsterbens in der Oder