Notre-Dame: Ein halbes Jahr nach dem Feuer herrscht Trostlosigkeit

Notre-Dame : Ein halbes Jahr nach dem Feuer herrscht vor allem Trostlosigkeit

Die Schäden an der Pariser Kathedrale Notre-Dame sind gewaltig. Auch ein halbes Jahr nach dem verheerenden Brand ist kaum Abzusehen, wann die Kirche wieder geöffnet werden kann. Auch die kühnen Entwürfe für einen Neuaufbau sind in den Schubladen verschwunden.

Die Stimmung unter den Arbeitern ist miserabel. Mühsam haben sie sich aus ihren weißen Schutzanzügen geschält, dann kurz abgewaschen. Schweigend zwängen sie sich nun an dem hohen Absperrgitter vorbei, hinaus auf den Quais de l’Archevêché, hinter der Kathedrale Notre-Dame. Offen reden über ihre Arbeit will keiner, nur so viel: „Wir kommen nicht voran.“ Auf die Fragen nach den Problemen winken die Männer ab. Probleme gebe es mehr als genügend, sagen sie und machen sich auf den Heimweg.

Aber: ein Blick auf die schwer beschädigte Kathedrale in Paris ist Antwort genug. Die mächtigen Bögen an den Außenmauern werden notdürftig mit Holzbalken abgestützt, um sie vor dem Einstürzen zu bewahren. Die Fenster sind mit riesigen Plastikplanen verklebt, auf einem Teil des Daches liegt eine gigantische weiße Plane und über allem thront eine abenteuerlich verbogene Konstruktion aus Stahl. Das ist das Baugerüst, das vor dem Brand für die Renovierung an dem 96 Meter hohen Vierungsturm aus dem 19. Jahrhundert angebracht worden war. Bei dem verheerenden Feuer in der Nacht vom 15. April ist der Turm eingestürzt und die Eisenrohre sind bei Temperaturen von über 1000 Grad geschmolzen. Nun lasten sie, rund 500 Tonnen schwer und in sich verhakt, auf den Hauptmauern der Kathedrale. Das Gerüst zu demontieren wagt allerdings niemand, denn die Befürchtung ist groß, dass dann auch die Mauern in sich zusammenfallen.

Doch das sind nur die von außen sichtbaren Schäden, die auch von den Touristen, die jeden Tag zu zehntausenden zur Kathedrale auf die Île-de-la-Cité strömen, mit dem bloßen Auge wahrgenommen werden können. Ein großes Problem ist, dass die Mauern vom Löschwasser noch völlig durchnässt sind, sie zu trocknen kann Jahre dauern. Zudem heißt es, dass die Konstruktion im Innern so labil sei, dass immer wieder Steine herausbrächen und in den Innenraum stürzten. Zudem ist den Verantwortlichen angst und bange, wenn sie an die kommenden Monate denken. Die nahenden Herbststürme und massiven Regenfälle könnten das labile Gewölbe der Kathedrale noch immer zum Einstürzen bringen.

Angesichts einer solch niederschlagenden Bestandsaufnahme sind die Diskussionen über den Wiederaufbau des Gotteshauses verstummt. Niemand redet mehr von dem Architektenwettbewerb, der schon kurz nach dem Brand die Phantasie der Architekten in der ganzen Welt befeuerte. Ein gläsernes Dach wie beim Berliner Reichstag wurde vorgeschlagen, eine gigantische goldene Flamme sollte in den Himmel ragen oder ein schwedisches Büro wollte gar ein Schwimmbad auf dem Dach von Notre-Dame errichten.

Doch die kühnen Entwürfe sind wieder in den Schubladen verschwunden. Denn die Fachleute sind im Moment noch immer damit beschäftigt, zu retten, was zu retten ist. Von der Frist von fünf Jahren, die Präsident Emmanuel Macron in der Brandnacht für den Aufbau ausgab, redet bei den Verantwortlichen sowieso niemand mehr. Philippe Villeneuve, zuständig für die Arbeiten an der Kathedrale, erklärte jüngst sehr vorsichtig, dass man innerhalb von fünf Jahren wahrscheinlich das Gewölbe und das Dach wiederherstellen könne, um die Kirche in Teilen wieder dem Publikum zugänglich zu machen – mehr nicht. Und: diese Einschätzung gelte auch nur für den Fall, dass keine unerwarteten Probleme einträfen.

Eine dieser zusätzlichen Schwierigkeiten war im Sommer die unerwartet gemessene hohe Bleibelastung. Bei dem Brand waren fast 500 Tonnen im Dach verbautes Blei geschmolzen und als giftige Dämpfe in die Luft gestiegen. Verbände kritisierten, dass nicht nur auf der Baustelle, sondern auch rund um Notre-Dame Wohnhäuser, Schulen und öffentliche Plätze verschmutzt seien. Die Stadt veranlasste aufwändige Reinigungsaktionen, es gab großflächige Absperrungen und unzählige Messungen. Das Blei wurde zum Politikum, die Arbeiten mussten für Wochen unterbrochen werden. Die unmittelbare Umgebung wurde bereits mehrfach gereinigt, doch über die tatsächliche Gefahr herrscht weiter Ungewissheit.

Allein um die Finanzierung des Wiederaufbaus scheint sich niemand Sorgen zu machen. Ende September gaben die Großspender der Unternehmerfamilien Pinault und Arnault insgesamt 380 Millionen Euro für die Instandsetzung frei. Im Spätsommer waren nach Angaben des Kulturministeriums von den zunächst zugesagten Spenden von insgesamt rund 850 Millionen erst gut zehn Prozent eingegangen.

Immerhin: Kürzlich gab es ein erstes Lebenszeichen der Kathedrale. Nach dem Tod von Frankreichs Ex-Präsident Jacques Chirac wurde zum ersten Mal seit dem Feuer die Glocke des Pariser Wahrzeichens wieder geläutet. Während ein riesiger Konvoi Chiracs Sarg zur großen Trauerfeier brachte, erschallte sie. Als Abschied für den Toten und als Hoffnung für die Lebenden.

(RP)
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