Nach Brand in Frankreich: Polizisten schlägt der blanke Hass entgegen

Gewalt gegen Beamte : Polizisten in Frankreich schlägt der blanke Hass entgegen

Die Zahl der gewalttätigen Angriffe auf Einsatzkräfte nimmt in Frankreich rapide zu. Das war offensichtlich auch bei einem Brand in Chanteloup-les-Vignes der Fall. Einsatzkräfte sahen sich plötzlich einer Gruppe von Jugendlichen gegenüber, die sie gezielt angriffen.

Der Name der kleinen Stadt Chanteloup-les-Vignes ist in Frankreich ein Begriff. Sie war sogar schon Kulisse für einen berühmten Film. Der vielsagende Titel: „Der Hass“. Die Gemeinde würde auf diesen einschlägigen Ruhm natürlich liebend gerne verzichten, doch Chanteloup-les-Vignes ist zum Symbol für das grandiose Scheitern einer im Grunde sehr guten Idee geworden.

Nun steht die Stadt wieder in den Schlagzeilen. Am Wochenende hat eine Gruppe Jugendlicher einen erst kürzlich für fast eine Million Euro renovierten Veranstaltungsort, den sogenannten Zirkus, angezündet. Das Entsetzen ist groß. „Es war die Tat einer gut organisierten Bande, die beschlossen hat, öffentliche Einrichtungen zu zerstören“, klagt die Bürgermeisterin Catherine Arenou. Ziel der Randalierer sei es, die Gemeinde zurück ins Chaos zu stürzen.

Überregional berühmt wurde Chanteloup-les-Vignes, die nur wenige Kilometer entfernt von Paris in einem Seine-Bogen liegt, zum ersten Mal Mitte der 1960er Jahre. Damals plante der Architekt Emile Aillaud neben dem historischen Kern mit seinen 3000 Einwohnern einen neuen Stadtteil. Auf dem Zeichenbrett entstand La Noé (Noah), eine scheinbar ideale Stadt mit all ihren Vorzügen, eine neue Heimat für viele Tausend Menschen. Doch die großen Grünflächen wurden schnell zu Brachen, auf den Spielplätzen tummelten sich Dealer, die Prostitution florierte und zahlreiche kleine Geschäfte machten wegen der hohen Kriminalitätsrate dicht.

Lange war La Noé schließlich als „Klein-Chicago“ verschrien, bis sich die Verantwortlichen vor einigen Jahren entschieden, dieser Entwicklung gegenzusteuern. Gezielt wurde Geld in die Verschönerung des Stadtteils gepumpt, Sozialarbeiter angestellt und mehr Polizei vor Ort geschickt. Die Lage schien sich zu verbessern. Schließlich verkündete die Bürgermeisterin Catherine Arenou im Jahr 2015, dass Chanteloup-les-Vignes kein Ort mehr sei, wo man Angst haben müsse. Doch die Veränderungen waren vor allem äußerlicher Natur, was blieben waren die überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit unter den Bewohnern, eine hohe Kriminalitätsrate und die Hoffnungslosigkeit.

Der Ausbruch der Gewalt kommt für viele Experten nicht überraschend und sie weisen sie darauf hin, dass dies nicht ein Phänomen sei, das auf diesen Pariser Vorort beschränkt sei. In den vergangenen Monaten ist laut Statistik die Zahl der Gewalttaten gegen Einsatzkräfte steil angestiegen. Das alleine sei allerdings nicht besorgniserregend, heißt es von Seiten der Sicherheitsbehörden. Mehr Kopfzerbrechen bereitet den Verantwortlichen, dass die Art der Gewalt sich verändert hat. Früher wurden Beamte bei ihren Einsätzen bisweilen beschimpft oder auch einmal attackiert. Heute werden Polizisten immer wieder gezielt in Hinterhalte gelockt und von vor allem jugendlichen Banden angegriffen. Das war offensichtlich auch in Chanteloup-les-Vignes der Fall. Die Einsatzkräfte sahen sich plötzlich einer Gruppe von Jugendlichen gegenüber, die sie gezielt mit Feuerwerkskörpern beschossen und Steine oder Flaschen warfen.

Polizei, Feuerwehr und auch Sanitäter bei ihren Einsätzen noch nie mit solchen Zuständen konfrontiert worden, heißt es aus dem Innenministerium. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Zahl der registrierten Angriffe in den ersten neun Monaten dieses Jahres um 14 Prozent gestiegen – von rund 25.600 auf 29.300 Fälle. Das sind über 100 pro Tag. „Das ist nicht nur eine Frage des fehlenden Anstandes und Gemeinsinnes“, beklagt ein Polizist in der Tageszeitung „Le Figaro“ die Zustände. „In manchen Vierteln schlägt den Beamten inzwischen der blanke Hass entgegen.“

Seiner Meinung nach fühlen sich inzwischen auch viele Polizisten von der Politik alleingelassen. Immer häufiger werde die Schuld bei der Polizei gesucht, wenn ein Konflikt eskaliere. Das führe auf Seiten den Beamten zu Frustration und fördere das Gefühl der Ungerechtigkeit.

Nach Ansicht von Frédéric Péchard, ehemaliger Vizepräsident des Regionalrats von Ile-de-France, ist es an der Zeit, „die Autorität des Staates wieder herzustellen“ und im Fall von Gewaltakten endlich den Katalog an Strafmaßnahmen anzuwenden. Offensichtich sei, dass die juristischen Mittel seit Jahren existierten, die Täter zu verfolgen und auch zu verurteilen. Er kritisiert, dass zum Beispiel die Gerichte notorisch unterbesetzt seien. Am Ende fehle es oft schlicht an Richtern, die Urteile auch zu fällen.

Von den Gewerkschaften der Polizei kommt die Warnung, dass die wirklich Leidtragenden am Ende die Beamten sind, die jeden Tag im Dienst ihren Kopf für den Staat hinhalten. Nicht alle seien dieser Belastung gewachsen. So ist in diesem Jahr die Zahl der Selbsttötungen von Polizisten in Frankreich auf über 50 angestiegen. Die Politik reagiert eher halbherzig und hat den Beamten in diesen Tagen endlich ihre vor Monaten versprochene Gehaltserhöhung ausgezahlt. Doch ein bisschen mehr Geld, so die Kritik, sei nicht die Lösung des Problems.

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