Mysteriöses Katzenverschwinden beschäftigt Jerusalem

„Cat-astrophy" : Mysteriöses Katzenverschwinden beschäftigt Jerusalem

In Jerusalem häuft sich das Verschwinden von Katzen- viele Vierbeiner-Besitzer sind besorgt, denn sie wissen nicht, was dahinter steckt. Es gibt zahlreiche Spekulationen, was den Tieren passiert sein kann.

Beunruhigende Nachrichten für Jerusalems Katzenliebhaber: Seit den Sommermonaten häuft sich das Verschwinden der Vierbeiner. In manchen Stadtvierteln sollen beinahe alle Straßenkatzen quasi über Nacht verschwunden sein, wie Medien berichten. Über die Hintergründe und den Verbleib der Tiere rätseln Bewohner und Tierschützer ebenso wie Journalisten.

Von einer "Cat-astrophy", einer "Katzen-Katastrophe", schrieb unlängst die "Jerusalem Post". In Sozialen Netzwerken werden Katzenbesitzer davor gewarnt, ihre Lieblinge auf die Straße zu lassen - selbst Halsbänder, die die Samtpfoten als Hauskatzen kennzeichnen, schützten nicht vor dem Verschwinden.

Die Spekulationen reichen von Entführungen, versehentlichen Vergiftungen über gezielte Tötungen bis hin zu eher natürlichen Ursachen wie ein Rückzug der Katzen in kühlere Ecken, um dem heißen Sommer zu entkommen. Kadaver jedenfalls seien nur vereinzelt aufgetaucht, wenn auch einer mit grausamen Verstümmelungen. Die Stadt erklärte, mit dem rätselhaften Verschwinden der Fellnasen nichts zu tun zu haben - und richtete eine Notfallnummer für betroffene Katzenbesitzer ein.

Insgesamt leben 240.000 Katzen in der Stadt, schätzt der Veterinärdienst: 2000 auf einem Quadratkilometer, 260 auf 1000 Einwohner. Hauskatzen nicht mitgezählt. Während Stadtverwaltung, Naturschutzverbände und religiöse Autoritäten über den rechten Umgang mit den Feliden ringen, nehmen Bürger sich ihrer an, manche seit Jahrzehnten, viele aus religiöser Motivation.

Die Finger des blinden Alten tasten nach dem Füllstand der zu Wassernäpfen umfunktionierten Eisdosen, sein Stock verheddert sich in den Plastiktüten mit Futter. Auf Russisch flüstert der Bärtige den Fellnasen in der kleinen Seitenstraße zu, Worte, die wie Liebkosungen klingen. Mit Menschen sprechen mag er nicht. Das Bild vom Rattenfänger von Hameln kommt unweigerlich in den Sinn, als er weiterzieht, den Rücken tief gebeugt, die Katzen im Gefolge.

Sein Name ist Jakob Schor, manche nennen ihn Elijahu HaNavi, Prophet Elija. Vor ein paar Jahren sind sie für ihn auf die Straße gegangen, nachdem Anwohner ihm gedroht haben. Auch Menachem Lorberbaum und Deborah Atia füttern im Dunkel der Nacht. Den Futterplatz haben sie in einen kleinen Park verlegt, "wegen dem Stress mit den Nachbarn".

Jeden Abend kommen sie in das bourgeoise Viertel Rechavia, um Katzen zu füttern. Rund 30 sind es diesmal, viele von ihnen haben Namen, "aus der Zeit, in der wir noch hier gewohnt haben". Das Füttern an sich, betonen sie, ist grundsätzlich legal. Fütterung mit Trockenfutter, zu festen Zeiten, an festen Orten, die sicher sind und keine Nachbarn belästigen: Das sind einige der Richtlinien, die das Umweltministerium für die Fütterung von Straßenkatzen festgelegt hat.

Doch nicht nur Anwohner stören sich an den Katzen. Naturschützer machen das Raubtier für den Tod zahlreicher Vögel und Reptilien verantwortlich und sehen in ihm eine Gefahr für die Fauna. Während die Gefahr der Krankheitsübertragung durch Katzen eher gering sei, ziehe das Futter andere Tiere an, die im städtischen Umfeld nicht erwünscht seien. Kastration sei nur dann erfolgversprechend, wenn binnen eines halben Jahres etwa 80 Prozent der Population erreicht würden.

Sorge um jedes Lebewesen

Strengreligiös-jüdische Stimmen wiederum halten das Kastrieren von Katern als dem Religionsrecht widersprechend, eine Auslegung, die Lorberbaum als gläubiger Jude so nicht stehen lassen will: "Wenn unser Verständnis der Schrift zu Leiden führt, haben wir das göttliche Wort nicht richtig verstanden." Gegen ein pauschales Kastrationsverbot spricht für ihn das Konzept des "Pikuach Nefesch", der jüdischen Pflicht zur Rettung gefährdeten Lebens und der Sorge um jedes Lebewesen.

Die Zeiten, in denen Landwirtschaftsminister Uri Ariel die Deportation der Straßenkatzen ins Ausland vorschlug, sind vorbei: Der 2018 gewählte Jerusalemer Bürgermeister Mosche Leon stellte umgerechnet 25.000 Euro für ein Fütterungsprogramm in Aussicht, einschließlich Futterstationen in jenen Vierteln, in denen in die Erde versenkte Abfalleimer das Futterangebot einschränken.

"Wenn wir initiativ sind, hilft die Stadt uns, wo sie kann", sagt Deborah Atia. Da gibt es das sogenannte TNR-Programm, "Trap, Neuter, Return" – Fangen, Kastrieren, Zurückbringen, das sich die Regierung umgerechnet 1,1 Millionen Euro kosten lässt, um die Katzenpopulation einzudämmen. Letztlich hänge aber alles von der Eigeninitiative Einzelner ab. In der Gesellschaft gebe es keine Hilfsbereitschaft, kein Gefühl für das Leiden der Katzen. "Aus Katzensicht", sagt Lorberbaum und verteilt mit Fleisch vermischtes Trockenfutter auf diverse Plastikdeckel, "sieht die Welt der Menschen nicht gut aus". Für den Philosophieprofessor gilt: "Als Mensch in der Gegenwart Gottes auf dieser Erde zu wandeln, bedeutet, mit offenen Augen zu wandeln."

"Zärtliches Wohlwollen Gottes"

"Wer zu Katzen nicht gut ist, wird wohl kaum ein mitfühlender Mitmensch sein können", findet auch Pater Andreas Fritsch. Der in Jerusalem lebende Deutsche bezeichnet sein Verhältnis zu Straßenkatzen als "wenig reflektiert" und in Anspielung an ein Lied von Herman van Veen als "ein zärtliches Gefühl". Katzen, glaubt er, "sind ein sichtbares Element des zärtlichen Wohlwollens Gottes". Die Sorge "für diese schutzbedürftigen Kreaturen" ist für ihn eine unserer Verantwortungen.

Eine Haltung, die Ghassan Rifki Jounis quasi verinnerlicht hat. Seit 1971 kommt der gläubige Muslim aus dem nordisraelischen Arara zum Tempelberg, den Rucksack voll mit Süßigkeiten und Geschenken für die Kinder, in den Händen Körner und Fleisch für die Vögel und die Katzen. "Abu Hureira" nennen ihn die Leute, Vater der Kätzchen, nach dem Spitznamen, den Prophet Mohammed einem seiner engsten Gefährten für dessen Liebe zu Katzen gab.

Katzen zu füttern gebe ihm die Gelegenheit, gütig und ein besserer Muslim zu sein, sagt Ghassan Jounis. "Seid großzügig zu den Katzen, und sie werden euch beschützen", soll der Prophet geraten haben. Wer Katzen quäle, dem drohte er wiederum mit der Hölle. "Katzen schützen vor allem Bösen, etwa vor Schlangen oder Eindringlingen", sagt Ghassan Jounis. Den Kindern in seinem Dorf bringt er bei, sich um Katzen und Vögel zu kümmern.

Auf dem Tempelberg hat Abu Hureira eine Sorge weniger als die nächtlichen Fütterer in Rechavia: Niemand, sagt er, sei verärgert über seine Fütteraktionen. Einen roten Kater zu seinen Füßen, greift er in die Plastiktüte. Eine Handvoll Getreide fliegt in die Luft, der Kater nutzt den Moment der Ablenkung und versucht erfolglos, eine Taube zu erhaschen. "Jeder, der dieses Bild sieht, ist glücklich! Es gibt mir Frieden, den Menschen einen Moment Glück zu bringen – das ist die beste Medizin der Welt", sagt er. Die Katzen um ihn räkeln sich satt in der Sonne.

(felt/mja/kna)
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